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Das Ringen um den Kronzeugen

Holger G. hat Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben mit seinem Geständnis schwer belastet. Im Gerichtssaal ging es drei Prozesstage lang auch um die Frage: Wie glaubwürdig ist der ehemalige Kamerad?

Von Lena Kampf, München

  Der Angeklagte Holger G. im Münchner Gerichtssaal: Gestanden wie eine "Kröte".

Der Angeklagte Holger G. im Münchner Gerichtssaal: Gestanden wie eine "Kröte".

  • Lena Kampf

"Holger G. hat wirklich zur Aufklärung beigetragen“, betont der BKA-Beamte Schartenberg mehrmals in seiner drei Prozesstage dauernden Anhörung im Münchner Gerichtssaal A101. Die Aussagen des geständigen Angeklagten hätten die Ermittlungen entscheidend weiter gebracht. Holger G. ist im NSU-Verfahren zum Kronzeugen der Anklage geworden – seine Aussage ist ein wichtiges Beweismittel der Bundesanwaltschaft.

Daran ändert für die Ermittler auch nichts, dass sie selbst allesamt beschreiben, wie schwierig die Vernehmungen von Holger G. von Anfang an waren. "Abtast-Vernehmungen“, die oft ins "Stocken gerieten“ nennt der Polizeizeuge Lotz sie. Er hat Holger G. befragt, bevor die Bundesanwaltschaft das Verfahren übernahm. Am 5. und 6. November war das, da waren G.s Papiere in dem ausgebrannten Wohnmobil bei den beiden toten Bankräubern gefunden worden. G. habe mit sich gerungen, erinnert sich Zeuge Lotz: "Wie weit kann er sich vorwagen, hat versucht abzuschätzen, was wir bereits wissen.“

Wie eine "Kröte“ habe Holger G. sein Geständnis hervorgewürgt, erzählt auch Staatsanwalt Dr. Gerwin Moldenauer, der Holger G. wenige Tage später von Seiten der Bundesanwaltschaft vernommen hatte. Nur scheibchenweise sei alles heraus gekommen, es sei eine "Zangengeburt“ gewesen.

Aussagen nur häppchenweise

Zehn Mal ist Holger G. insgesamt im NSU-Ermittlungsverfahren vernommen worden, er hat letztlich umfassend ausgesagt. In der Hauptverhandlung aber beantwortet er keine Fragen. Zu Beginn des NSU-Prozesses verlas er lediglich eine Erklärung. So berichteten nun seine Vernehmungsbeamten von Kripo, BKA und Bundesanwaltschaft stellvertretend die Aussagen von G.. Aufgrund von Terminverschiebungen traten sie allerdings nicht nacheinander im Gerichtssaal auf, sondern häppchenweise über die letzten drei Verhandlungswochen verteilt - geradeso wie die Vernehmungen von Holger G. selbst verlaufen zu sein scheinen.

Nun sind die zehn Vernehmungen in die Hauptverhandlung eingeführt worden – mit allen Details, die Holger G. über sich und seine beiden Mitangeklagten Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben Preis gegeben hat. Bis zuletzt hatte der ehemalige Kamerad aus Jena Kontakt zu Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe – sie kamen ihn regelmäßig besuchen, dreimal machte er mit ihnen Campingurlaub in Norddeutschland – sie waren Freunde. Holger G. gewährte den Ermittlern einen Einblick ins Innenleben der Zelle: Der Umgang der Drei miteinander sei "harmonisch“ gewesen, Beate Zschäpe habe gewirkt wie eine Frau mit "zwei Ehemännern.“ Holger G. ist als Unterstützer des NSU angeklagt, weil er gestanden hat, Reisepass, Führerschein und eine Krankenkassenkarte für "Gerri, Max und Liese“, wie sich die Mitglieder des Terrortrios im Untergrund nannten, zur Verfügung gestellt zu haben. Er belastete seine Mitangeklagte Beate Zschäpe und auch Ralf Wohlleben schwer – den Ermittlern gestand er einen Waffentransport von Jena nach Zwickau, den er für Wohlleben übernommen haben will – 2001 oder 2002 sei das gewesen. Wohlleben habe ihm einen Stoffbeutel in die Tasche gesteckt, in Zwickau sei er von Beate Zschäpe am Bahnhof abgeholt worden. Vor ihren Augen habe einer der Uwes die Waffe durchgeladen, sie sei scharf gewesen. Von den Morden will Holger G. selbst nichts gewusst haben.

Anwalt bohrt immer wieder nach

Die Verteidiger Zschäpes und Wohllebens, deren Mandanten beide schweigen, haben nun alles daran gesetzt, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugens G. zu zerpflücken. Drei Tage lang wurde in dieser Woche der BKA-Beamte Schartenberg befragt. Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer bringt den coolen Ermittler Schartenberg zunächst einmal ins Schwärmen. Auf die Bitte die Umstände der Anhörungen zu beschreiben, sagt Schartenberg, das Vernehmungszimmer in der JVA Köln-Ossendorf sei ein "großer, schöner Raum“ in dem man die Stühle genau so habe anordnen können, wie man es braucht. Hier vernahm der BKA-Ermittler am 25.11.2011 Holger G. – eine Wohlfühlvernehmung im Vergleich, zu dem, was eine Woche später folgte: Die nächste Vernehmung habe man mit einer Trennscheibe durchführen müssen, das Vernehmungszimmer stand Schartenberg nicht zur Verfügung. Auch G.s Anwalt Stefan Hachmeister konnte nicht anwesend sein. Das sei bedauerlich gewesen, sagt der Zeuge. Aber: Man könne es sich manchmal eben nicht aussuchen. "Life is life“, so der Polizist.

Wolfgang Heer hat herausgearbeitet, dass die erschwerten Bedingungen der Vernehmung wohl nicht zufällig waren. Die Trennscheibe, der fehlende Anwalt: Hier wurde es eng für Holger G., bei dieser Vernehmung wurde ihm eröffnet, dass der Haftbefehl aufgrund seiner vorherigen Aussagen, er habe eine Waffe überbracht, auf "Beihilfe zum Mord“ erweitert worden sei. Der Druck wurde scheinbar erhöht, doch das geht aus einem schnöden Vernehmungsprotokoll genauso wenig hervor, wie der genaue Wortlaut der Fragen, die G. von den Ermittlern gestellt wurden.

Auch deshalb fragt Anwalt Wolfgang Heer hier immer wieder nach: Warum sind die Protokolle so kurz angesichts der Vernehmungszeit? Wie wurde protokolliert? Wurde zusammengefasst, diktiert? Wurde G. unterbrochen? Wie und wann hat Rechtsanwalt Hachmeister sich mit seinem Mandanten besprochen?

"Was nicht im Protokoll steht, haben wir nicht gefragt“

Wolfgang Heer will wissen, wie die Aussagen zustande gekommen sind. Denn das, was G. nach der Trennscheiben-Vernehmung zu Zschäpe sagte, steht offenbar im Widerspruch zu G.s vorherigen Aussagen. Dem Polizeibeamten Lotz hatte er Anfang November noch erklärt, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt "am weitesten oben“ standen. "Danach schloss sich dann die Beate Zschäpe an, anschließend der Ralf Wohlleben und eigentlich ich ganz unten.“ Später, allein hinter der Trennscheibe sagte G.: "Beate Zschäpe war bei den Gewaltdiskussionen immer dabei.“ Und: "Zschäpe ist gleichberechtigtes Mitglied.“

Zschäpe-Anwält Sturm und Heer stellen offenbar auch das Konzept des Trios in Frage: Wenn G. von den "Dreien“ gesprochen hat, warum haben Sie da nicht nachgefragt? Wer genau war am Telefon, wenn sie G. anriefen? Und was heißt es, wenn G. berichtet, Zschäpe habe das "Geld verwaltet“? Wann genau hat sie das Portmonee gezückt, waren es ein, zwei oder drei Restaurantbesuche?

Die Verteidiger Zschäpes drängen auf Präzision – der BKA-Ermittler Schartenberg will oder kann sich an Details meist nicht mehr erinnern: "Wenn es nicht im Protokoll steht, dann haben wir das nicht gefragt“, auf diese Antwort verlegt er sich nach zwei Tagen Anhörung.

Es sei nicht seine Aufgabe hier zu bekunden, was protokolliert wurde, er habe bei jeder seiner Fragen seine Erinnerungsfähigkeit anzustrengen, herrscht Wohlleben-Verteidiger Klemke den Polizisten in solchen Situationen an. Er bohrt bei dem Waffentransport nach: Ob es dem Vernehmer nicht seltsam vorkam, dass Wohlleben gesagt haben soll, er stünde unter Beobachtung, und trotzdem eine Waffe organisiert hat? Doch Schartenberg antwortet: "Für mich war es nur wichtig, dass es um den Transport ging.“

Kein "in sich geschlossenes, logisches Gebilde“

Es scheint, dass nur das, was als wichtig bewertet wurde seinen Weg ins Protokoll fand. Und die Widersprüche, Ungereimtheiten? Warum zum Beispiel sagt G., die drei hätten ihm erzählt, wieder eine legale Existenz erlangt zu haben – und trotzdem brauchten sie einen neuen Reisepass von ihm? Das habe er sich auch gefragt, sagte Staatsanwalt Moldenauer im Gerichtssaal. Und entschuldigt sein wichtiges Beweismittel dann: Was Herr G. aussagt, sei eben kein "in sich geschlossenes, logisches Gebilde.“

Während seine Vernehmer an seiner Stelle in die Mangel genommen werden, sitzt Holger G. meistens da und kritzelt mit einem Kuli in seiner Kladde herum. Manchmal flüstert er mit seinem Anwalt Stefan Hachmeister. Der hat entschieden, ihn nicht selbst reden zu lassen im Prozess. Und besteht in einer Erklärung darauf, dass G. von Anfang an "aussagebereit“ gewesen sei – und glaubwürdig.

Dieser Meinung sind trotz aller Widersprüche auch die Vernehmungsbeamten. Dem Hauptbelastungszeugen G. glaubte Schartenberg nur einmal nicht. Als er mit G. den Weg vom Zwickauer Bahnhof zur damaligen Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ablief, sei G. sehr zielstrebig gewesen und habe kleine Wege als Abkürzung benutzt. "Da dachte ich, der muss mehr als zweimal hier gewesen sein“, sagt der BKA-Mann.

Seine eigenen Befragungsmethoden will er von den Zschäpe-Verteidigern nicht hinterfragt wissen. Als Wolfgang Heer beharrlich danach bohrt, wie er G. denn belehrt habe, ruft er plötzlich: "Das Ergebnis gibt uns Recht!“ – und rudert dann zurück: Er will damit nur die Rechtmäßigkeit seiner Vernehmung gemeint haben, nicht das Ermittlungsergebnis.

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