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"Tun Sie, was ich sage" - wie Akten in der NSU-Affäre vernichtet wurden

Am 4. November 2011 erschießen sich in einem Wohnmobil zwei Männer. In Zwickau explodiert ein Haus. Eine Mordserie endet. Seit Jahren bleiben Fragen unbeantwortet. Teil 1 der Serie zum NSU-Terror.

Von Nicolas Büchse

  Zerstörte Wohnung der NSU-Terrorzelle in Zwickau: Wie hat Beate Zschäpe vom Tod Böhnhardts und Mundlos' erfahren?

Zerstörte Wohnung der NSU-Terrorzelle in Zwickau: Wie hat Beate Zschäpe vom Tod Böhnhardts und Mundlos' erfahren?

Beate Zschäpe will ihr Schweigen brechen und an diesem Mittwoch nach 249 Verhandlungstagen aussagen. Es könnte ein spektakulärer Wendepunkt im Münchner NSU-Prozess werden. Dieser Artikel erschien zuerst im stern Nr. 48, am 20.11.2014 und gibt tiefe Einblicke in die vielen offenen Fragen rund um das Neonazi-Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe.

Köln, Bundesamt für Verfassungsschutz, 10. November 2011. Frau N., Sachbearbeiterin, gewissenhaft, fragt sicherheitshalber noch einmal nach. "Was soll hier vernichtet werden?"
"Sechs Akten", sagt der Referatsleiter M.
"Sind das denn V-Mann-Akten, oder sind das Werbungsakten?"
"Es sind V-Mann-Akten."
"Die werden doch nicht vernichtet. Wieso sollen die vernichtet werden?"
"Tun Sie das, was ich sage."
"Nein, das tue ich nicht. Geben Sie mir das schriftlich."
Referatsleiter M. schickt eine E-Mail.
Einen Tag später, zwischen zehn und elf Uhr, schiebt Frau N., gewissenhaft und zusammen mit einem Kollegen, sechs Akten in den Schlund des gewaltigen Reißwolfs im Keller des Bundesamts. Sechs Akten, auf die der Referatsleiter stieß, als er hektisch nach drei Namen suchte: Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt. Drei Namen, die den Verfassungsschützern seit einer Woche Sorgen machen, seit Maskierte eine Bank in Eisenach überfielen und ein Haus in Zwickau explodierte. Namen, die schon bald mit einer Mordserie verbunden, zu Synonymen einer Staatsaffäre werden. Die unzählige Vertuschungen, Lücken und Ungereimtheiten umgeben. Die noch heute, nach den Untersuchungsausschüssen der Parlamente von Bund und einigen Ländern, nach 161 Verhandlungstagen (Stand 2014, Anm.) des NSU-Prozesses in München, Fragen aufzwingen, wie es wirklich war.
Wie es zum Beispiel wirklich war am 4. November 2011, als mit einem Überfall auf die Sparkassenfiliale am Nordplatz in Eisenach alles aufflog.

 

Der Überfall

Eine Woche vor Vernichtung der Akten, Freitag, 4. November 2011. Ein Fiat-Wohnmobil, weiß, geräumig, Campers Traum, steuert gegen neun Uhr den Obi-Parkplatz in Eisenach-Stregda an. Zwei Männer, athletisch, mittelgroß, sitzen in der Fahrerkabine. Dahinter, im Wohnbereich, liegen eine Kindersandale, ein Teddybär und eine Wasserpistole. In den hellen Holzschränken, Birnbaumoptik, Stapel von T-Shirts, Hosen, Unterwäsche, genug für eine lange Reise.

Oder eine Flucht.

Außerdem im Gepäck: zwei Masken, eine Sturmhaube, eine aus Plastik mit aufgemaltem Gesicht, die Albtraumfratze aus dem Horrorschocker "Scream". Verborgen hinter der Innenraumverkleidung des Campers: Waffen, ein Arsenal. Zwei 9-Millimeter-Pistolen Heckler & Koch P2000; eine amerikanische 12-Millimeter-Flinte Typ Mossberg Maverick 88; ein tschechischer Alfa-Proj-Trommelrevolver; ein Revolver Melcher; eine kroatische Maschinenpistole Pleter 91; eine Pumpgun Winchester 1300 Defender; eine Handgranate. Und eine Česká-Pistole VZOR 70.

Das Wohnmobil hält, die Männer steigen aus.

Wenig später reißen Schreie Sparkassen- Filialleiter Christian Lipfert (Name von der Redaktion geändert) aus dem Gespräch mit einer Angestellten. "Was ist da los?", fragt sie. Lipfert blickt auf. Es ist 9.12 Uhr. Zwei Männer, er sieht sie durch das Fenster seiner Bürotür. Masken und Kapuzen auf dem Kopf, Fahrradhandschuhe, die Beine ihrer Jogginghosen in ihre Socken gesteckt. Der Revolver in der Hand des einen. Gebrüll: "Geld her, Tresor auf!"

Panik. Die Kollegin rennt. Der Raum mit der Notkasse neben seinem Büro. Rein. Tür zu, Schlüssel umdrehen. Anders Herr Lipfert. Er tritt in den Schalterraum. Im Augenwinkel: ein Kunde, er kauert auf dem Boden, Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Pistole des Bankräubers zielt auf die Kollegin hinter dem Schalter.

"Du kümmerst dich um den", brüllt der eine Maskierte, zeigt auf Lipfert. Der andere stürmt sofort los und drängt den Filialleiter zurück ins Büro. "Rein da! Ich will da hin, wo deine Kollegin ist!" Auch der zweite Bankräuber steht nun vor Herrn Lipfert, führt die Kollegin vom Schalter vor sich her. Die ganze Zeit fuchtelt der Mann mit der Pistole herum, doch daran kann sich Herr Lipfert später nicht erinnern, das Gebrüll, die Angst, alles verschwimmt. "Gib mir das Geld!" Herr Lipfert klopft an die Tür der Notkasse: "Mach auf, wir geben denen jetzt alles." Seine Kollegin öffnet die Tür. Öffnet die Notkasse. Reicht einem der Räuber alle Scheine, die sie zusammenraffen kann. Der stopft sie in eine rote Tüte, Aufdruck: Penny-Markt.

"Ich will mehr Geld! Macht den Tresor auf!"
"Den kriegen wir jetzt nicht auf", sagt Lipfert.

"Noch so eine Lüge!" Der Schlag mit dem Revolver trifft Herrn Lipfert am Kopf, er hat ihn kommen sehen, hätte ihn abwehren können, 15 Jahre Kampfsporterfahrung, doch was helfen Muskeln gegen Pistolenkugeln. Blut spritzt, Lipfert geht zu Boden, alles wird schwarz. Der Räuber treibt die Angestellten zum Tresor im Keller. Sie packen um ihr Leben, 500-Euro- Scheine, 10-Euro-Sondermünzen. Der Räuber schreit: "Nicht das Geld mit der Farbbombe!"

Dann stürmen die Männer davon. Die Frauen schließen sich im Tresorraum ein. Es ist 9.18 Uhr. Beute der Bankräuber: 71. 915 Euro.

  Ein Mann vom Schlag "Ich weiß, was ich kann": Michael Menzel, Leiter der Polizeidirektion Gotha, Ex-Kampftaucher der Nationalen Volksarmee

Ein Mann vom Schlag "Ich weiß, was ich kann": Michael Menzel, Leiter der Polizeidirektion Gotha, Ex-Kampftaucher der Nationalen Volksarmee

Gespür oder gute Tipps?

Der Überfall trifft Michael Menzel nicht unvorbereitet. Er hat ein maßgeschneidertes Fahndungskonzept, eine verschärfte Ringfahndung. 10 bis 15 Streifenwagen. Sieben Kontrollstellen. Eisenach abriegeln. Und: auch innerhalb der Stadt auf verdächtige Fahrzeuge achten, auch auf Fahrräder. Der 51-Jährige ist Leiter der Polizeidirektion Gotha, ehemaliger Kampftaucher bei der Nationalen Volksarmee, Typ: bulliger Hüne, Typ: alter Fuchs im Polizeigeschäft, Typ: Ich weiß, was ich kann.

Menzel scheint entweder ein hervorragendes kriminalistisches Gespür zu haben. Oder, wie es der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss später vermuten wird, einen Tipp bekommen zu haben, dass sich in seinem Einsatzgebiet ein Bankraub ereignen würde. Wieso nämlich hielt er seit mehreren Wochen zusätzliche Einsatzkräfte bereit, besonders jeweils für die zweite Wochenhälfte?

Im September 2011 hatten zwei Täter eine Sparkasse in Arnstadt ausgeraubt und waren auf Fahrrädern geflohen. Menzels Zuständigkeitsbereich. Man fragte daraufhin beim Bundeskriminalamt nach, hatte es vielleicht schon ähnliche Fluchtmuster gegeben? Es meldete sich die Polizeidirektion Chemnitz, sie hatte zehn solcher Fälle, bei denen die Täter per Rad geflüchtet waren. Der letzte Überfall lag allerdings fünf Jahre zurück.

Doch Menzel, das erklärt er nicht ohne Stolz bis heute, rechnet in diesen Wochen mit einem Banküberfall nach ähnlichem Muster. Nicht irgendwo. In seinem Einsatzgebiet. Er läuft auf Hochtouren.

Gegen 10.30 Uhr erfährt Menzel von der Zeugenaussage eines Rentners: "Vor dem Baumarkt habe ich ein Wohnmobil gesehen. Ich habe dann zwei Männer gesehen, sie kamen mit dem Rad und waren sehr in Eile. Einer stieg vorne ein, der andere hat die Räder eingepackt. Danach sind sie sehr schnell losgefahren." Vom Nummernschild kann er nur den ersten Buchstaben erkennen. Ein V. Vogtlandkreis.

Bankräuber auf Fahrrädern. Menzel scheint richtig zu liegen.

"sachsennarichten", "promi news"

Etwa zur gleichen Zeit, gut 180 Kilometer entfernt. Zwickau, Frühlingsstraße 26, gutes Viertel, erster Stock einer gelben Doppelhaushälfte. Eine Frau, ein wenig untersetzt, ein wenig blass. Sie tippt das Passwort in ihren Laptop: "Liese". Beate Zschäpe sucht kurz darauf im Internet: "sachsennachrichten", später "promi news".

Die Bankräuber scheinen wieder einmal entwischt zu sein. Es ist 11.37 Uhr, als der Hubschrauber landet, nach 45 Minuten erfolgloser Suche. Auch der Fährtenhund konnte keine Witterung aufnehmen. Kein Wohnmobil, nirgends. Ende der Ringfahndung. Menzels Masterplan brachte keinen Erfolg. Doch Menzel lässt weitersuchen, mit bis zu einem Dutzend Streifenwagen.

In der Frühlingsstraße 26 in Zwickau tippt zu diesem Zeitpunkt Beate Zschäpe die Anfrage "autounfall sachsen 31 10", Suchfenster, später "auto unfall mitteldeutschland". Haben sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht zur vereinbarten Zeit gemeldet? Sie waren anscheinend schon seit Ende Oktober unterwegs. Falls Zschäpe vom Banküberfall in Eisenach weiß, sucht sie im falschen Bundesland. Dabei glaubt der Filialleiter in Eisenach, Beate Zschäpe zwei Wochen vor dem Überfall in der Bank gesehen zu haben, begleitet von zwei Männern, nicht Mundlos, nicht Böhnhardt.

Wieviele Schüsse?

Die Straße Am Schafrain in Eisenach- Stregda liegt am Hang in einem Neubaugebiet ganz in der Nähe der A4. Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, gepflegt, ruhig, überschaubar. Ein Wohnmobil fällt hier auf. Auch den beiden Polizisten, die mit ihrem Streifenwagen um 12.05 Uhr vorbeikommen. Nummernschildabfrage per Funk: V-MK 1121. Antwort: wohl ein Mietwagen. Die Streife soll sich schon mal das Wohnmobil näher anschauen, vorsichtig.

Die Fahrerkabine ist leer. Aus dem Innern plötzlich ein Schaben, als ob ein Stuhl verschoben würde. Dann ein Schuss. Die Polizisten sprinten auf die andere Straßenseite, der eine hinter ein Auto, der andere hat sich gerade hinter einen Papiercontainer gebückt, da fällt ein zweiter Schuss, er klingt anders, nach größerem Kaliber. Pause. Sekundenlang. Wieder ein Schuss, ein Stück Dachisolierung fliegt in die Luft, das Wohnmobil steht schnell in Flammen.

So erinnern sich die Streifenpolizisten, als sie später beim NSU-Prozess und vor dem Untersuchungsausschuss in Thüringen aussagen. Wieso im Sachstandsbericht der Polizei Gotha von zwei Schüssen die Rede ist, konnten sich die Polizisten nicht erklären. Als der stern damals Anwohner befragte, hatten viele zwar den Brand bemerkt, aber keine Schüsse gehört. Einige sind nie von der Polizei befragt worden. Als in Eisenach das Wohnmobil brennt, spricht um 12.11 Uhr in Zwickau jemand auf die Mailbox von Beate Zschäpe, 51, Sekunden lang. Wer, weiß nur sie. Die Nachricht wurde gelöscht. Sie sitzt noch immer vor ihrem Computer, sucht nun "bild 3 11". Nachrichten vom Vortag?

  Ausgebranntes Wohnmobil in Eisenach-Stregda: Zwei Leichen, Waffen, Brandschutt

Ausgebranntes Wohnmobil in Eisenach-Stregda: Zwei Leichen, Waffen, Brandschutt

Wo sind Fotos des Feuerwehrmanns?

Das Wohnmobil brennt noch, als Polizeichef Michael Menzel gegen 12.30 Uhr in Eisenach ankommt. Er trifft auf einen Feuerwehrmann mit Kamera. Lässt die Speicherkarte beschlagnahmen, Beweismittel für die Akten. Leider sind die Fotos bis heute verschwunden.

Als der Brand gelöscht ist, stellt sich Menzel auf die Gummifußmatte, die man über die Schwelle der seitlichen Eingangstür gelegt hat, bloß keine Spuren verwischen. Er sieht, so sagt er später: im Gang eine Leiche. Verbrannte Haut an Beinen und Oberkörper, der Schädel zertrümmert. Im hinteren Teil des Wohnmobils eine zweite Leiche, kaum Verbrennungen, der Kopf zerschossen. Und er sieht Waffen. Vor allem aber eine Waffe auf dem Tisch in der Sitzecke, teilweise von Brandschutt verdeckt. Die Munition ist aus dem geschmolzenen Magazin herausgefallen, das macht ihn aufmerksam. Eine Polizeiwaffe, das will er schnell erkannt haben.

Er entscheidet: Der Camper muss weggebracht werden, in eine Garagenhalle zur Spurensicherung. Eine Spurensicherung, die erst einmal Spuren schädigen wird.

Wie erfuhr Zschäpe vom Tod ihrer Komplizen?

Zu dieser Zeit, zwischen 13.54 Uhr und 14.06 Uhr, wählt sich ein Handy in eine Mobilfunkzelle in der Nähe des Wohngebiets Eisenach- Stregda. Besitzer: André Kapke. Ein rechtsradikaler Weggefährte von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Kapke wird später sagen, er habe ein Auto kaufen wollen und sei deshalb bei Eisenach auf der Autobahn gewesen. Die Ermittler glauben Kapke.

In Zwickau sucht Beate Zschäpe am frühen Nachmittag keine Neuigkeiten zu Autounfällen, keine Nachrichten mehr. Sie tippt nun: "greenpeace", "gegen pelze" und "biobauern zwickau". Um 14.28 Uhr klickt sie das letzte Mal eine Internetseite an, zwei Minuten später schaltet sie den Rechner aus. Hat sie erfahren, dass Mundlos und Böhnhardt tot sind?

Es ist 15 Uhr, als in Eisenach ein Sattelschlepper das Wohnmobil über eine Rampe hochzieht, Neigung 40 Grad, Leichen, Waffen, Patronenhülsen, alles verrutscht. Menzel sagt, er habe den Tatort nur sichern können, indem er das Wohnmobil aus dem Neubaugebiet schaffen ließ. Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss in Thüringen werden sagen, die Spurensicherung hätte an Ort und Stelle stattfinden müssen, ihnen sei kein Fall bekannt, in dem "eine derartige Verschiebung eines Ereignisorts stattgefunden hat".

Währenddessen in Zwickau, Frühlingsstraße 26. Ein dumpfer, heftiger Knall, er drückt die Außenwand im ersten Stock gut einen Meter nach außen, dann stürzt sie hinunter. Eine Rauchwolke, Flammen. Beate Zschäpe hastet kurz vor der Explosion aus dem Haus. Stellt zwei Katzenkörbe bei einer Nachbarin ab, trägt ein rotes Mobiltelefon in der Hand. Sie muss in der Tasche über ein Dutzend Briefumschläge gehabt haben. Wenn sie, wie die Bundesanwaltschaft annimmt, allein die meisten DVDs verschicken wird, auf denen sich der NSU in den nächsten Tagen mit einem Paulchen- Panther-Video zu seinen Morden bekennt. Fingerabdrücke von Zschäpe fand man allerdings nur auf einem Umschlag. Und in Nürnberg lag später ein Bekennervideo unfrankiert im Briefkasten, obwohl Zschäpe auf ihrer Flucht dort nicht vorbeikommt. Hatte sie einen Komplizen?

Ab 15.19 Uhr wählt sie viermal eine Mobilnummer, spricht jeweils nur einige Sekunden mit ihrem wichtigsten Unterstützer im Untergrund, André Eminger. Der sammelt sie kurz darauf mit seinem schwarzen VW Golf ein, die Flucht beginnt. Bis heute ist unklar, wie Beate Zschäpe vom Tod ihrer beiden Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erfahren hat. Eine Spur: Als das Bundeskriminalamt die Funkzellen an den Tatorten in Eisenach und Zwickau für den 4. November 2011 auswertete, soll es auf zwei schwedische Mobilfunknummern gestoßen sein, die sich an diesem Tag ins Internet einwählten. Eine Nummer wurde morgens in Eisenach-Stregda geortet, bevor sie gegen Mittag in einer Funkzelle aktiv war, in der auch die Frühlingsstraße in Zwickau liegt. Doch die Nummern waren in Schweden ohne Registrierung gekauft worden, für Prepaid-Handys. Spuren, die offenbar nie konsequent verfolgt wurden.

  Beate Zschäpe, BKA-Aufnahme vom 1. Dezember 2011: Hektische Anrufe von einem Handy, das auf das sächsische Innenministerium zugelassen ist.

Beate Zschäpe, BKA-Aufnahme vom 1. Dezember 2011: Hektische Anrufe von einem Handy, das auf das sächsische Innenministerium zugelassen ist.

Anrufe vom Ministeriums-Handy

Sie sehen aus wie Horrorwesen, die Leichen, die nun 180 Kilometer von Zwickau entfernt in der Halle in Eisenach aus dem Wohnmobil geborgen werden. Blutverschmiert, rußbedeckt, leichenstarr gekrümmt. Im Wagen bleibt eine Blutlache zurück. Und ein Waffenlager.

Polizeichef Menzel, wieder getrieben von ungewöhnlichem kriminalistischen Instinkt, lässt zuerst die Pistole untersuchen, die ihm noch in Stregda aufgefallen war. Die Überprüfung der Seriennummer, ein kriminalistisches Erdbeben: Es ist die Waffe der Polizistin Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn von Unbekannten erschossen wurde.

Eine Geheimsache. Seit 14.30 Uhr schirmt Menzel die Untersuchungen ab, ordnet an, den Informationsfluss zu unterbrechen, lange bevor die Toten identifiziert und die Waffe von Kiesewetter entdeckt werden. Er handelt so, als gehe es in diesem Fall um mehr als um tote Bankräuber. Verhindert, dass die Verbindung zum Mord in Heilbronn frühzeitig öffentlich wird, nur das LKA in Baden-Württemberg, zuständig für den Polizistenmord in Heilbronn, wird informiert. Menzel will ermitteln, so sagt er, ungestört.

Während in Jena Gerichtsmediziner beginnen, die Leichen aus dem Wohnmobil zu identifizieren, geht Menzel in den Feierabend. Die Sterbeanzeige von 23.13 Uhr stellt fest: Bei dem einen Toten handelt es sich um Uwe Mundlos, 38,. Später wird Uwe Böhnhardt, 34, identifiziert.

Wo genau sich Beate Zschäpe in diesen Stunden aufhält, ist bis heute ungeklärt. Seit 16.32 Uhr, so viel lässt sich rekonstruieren, klingelt ständig ihr Handy. Die Anrufer, unter anderen: vier Mal die Polizei in Zwickau, wohl um zu klären, wo die Mieterin des explodierten Hauses ist. Ab 18.12 Uhr ein Anrufer mit einem Mobiltelefon, fast panisch, 18 Mal hintereinander innerhalb einer dreiviertel Stunde. Wer es an diesem Abend benutzte, ist nicht klar. Auf wen es zugelassen ist, hingegen schon: das Innenministerium in Sachsen.

In den folgenden Tagen fährt Beate Zschäpe mit der Bahn umher, ziellos, so scheint es: Leipzig, Bremen, Magdeburg, Halle, Dresden, sie wird sogar in Eisenach- Stregda gesehen, dort, wo ihre Freunde starben. Ruft die Eltern an, von Mundlos, von Böhnhardt: "Der Uwe ist nicht mehr, der Uwe lebt nicht mehr." Am Dienstag, 8. November 2011, betritt eine 36-jährige Frau mit strähnigen Haaren zusammen mit einem Anwalt die Polizeiinspektion Jena. Der Anwalt legt ein Schreiben auf den Tresen: "In einer Ermittlungssache gegen Beate Zschäpe zeige ich die Vertretung der Betroffenen an. Diese macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch."

Fragen - seit drei Jahren

Was seitdem, nach nunmehr drei Jahren, bleibt, sind Fragen. Zu den letzten Stunden des NSU und zu dem riesigen Schuttberg, den er hinterließ. Tausende Asservate, aus der Ruine in der Frühlingsstraße und dem Wohnmobil, allein die Funde hieraus füllen 40 Umzugskartons. Tausende Fragen.

Warum zum Beispiel geht eine Terrorgruppe, die 14 Jahre lang unerkannt im Untergrund lebte, das Risiko ein, mit einem Waffenarsenal im Wohnmobil erwischt zu werden? Waren sie auf dem Weg in ein anderes Versteck? Wieso überfallen Mundlos und Böhnhardt die Sparkasse, obwohl sie genug Geld haben? In der Wohnung in Zwickau werden die Ermittler 190.000 Euro finden. Wieso greifen die sonst so brutalen Killer Mundlos und Böhnhardt nicht zu den Waffen, die griffbereit im Wohnmobil liegen, auf Tisch, Herd und Sitzecke? Wieso entscheiden sie sich zum Selbstmord? Und wieso finden sich am Boden zwei Patronenhülsen der Pumpgun, mit der sie sich umbringen, wenn Mundlos Böhnhardt und dann sich selbst erschossen hat? Bei einer Pumpgun wird die Hülse nur ausgeworfen, wenn man den Schlitten an der Waffe noch einmal voll durchzieht. Ein Toter kann das nicht.

Wieso wurde ein Rucksack, der auffallend fleckenlos auf einer angekohlten Matratze im Wohnmobil gefunden wurde, nicht gründlich untersucht? Noch am 5. November öffnen ihn Beamte und fotografieren den Inhalt, auf den Fotos sind drei Kartons mit Patronen und Geldbündel zu sehen. Erst einen Monat später, als das Bundeskriminalamt sich den Rucksack noch einmal ansieht, findet man sechs DVDs. Die Bekennervideos, die man erst Tage später im Schutt in der Frühlingsstraße fand. Hätte man die Videos sofort im Rucksack gefunden, die Ermittlungen wären vielleicht anders verlaufen, die Bundesanwaltschaft hätte sich vermutlich früher eingeschaltet. Oder: Wem gehörte die Kindersandale, die man im Wohnmobil fand? Eine DNASpur kann darauf gesichert werden. Es ist die eines Mädchens. Auch eine Angestellte der Wohnmobilvermietung erinnert sich daran, ein Mädchen bei Böhnhardt gesehen zu haben, als er zusammen mit einer Frau den Caravan anmietete. Das Kind fand man bis heute nicht. Und auch nicht die unbekannte Person, die eine Socke getragen haben muss, die man im Wohnmobil fand.

Zschäpe schweigt, Polizisten drucksen rum

Es gibt so viele Fragen, die ungeklärt bleiben. Diejenige, die so vieles beantworten könnte, nein müsste: Sie sitzt in München im Gerichtssaal und schweigt. Diejenigen, die ein wenig beantworten könnten, Verfassungsschützer und Polizisten: Sie drucksen herum.

Epilog Oberverwaltungsgericht in Münster, Beschluss vom 28. Juni 2013. „Kann mithin retrospektiv eine Notwendigkeit, Herrn M. bei seiner dienstlichen Tätigkeit besonders anzuleiten und zu überwachen, nicht festgestellt werden, so muss angenommen werden, dass diesem mit der Aktenvernichtung eine einmalige Fehlleistung unterlaufen ist, die zwar nicht wegen des Inhalts dieser Akten, wohl aber wegen der später aufgetretenen Wirkung in der Öffentlichkeit erhebliches Gewicht erhalten hat."

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