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15. November 2008, 17:59 Uhr

"Yes, we Cem"

Es war ein Deal zwischen Realos und Linken: Wir wählen Roth, dafür Ihr Özdemir. Also bekam sie 82,7 Prozent, er 79,2 - ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ergebnis für die neuen Vorsitzenden der Grünen. Die kuriose Kampfkandidatur gegen Cem Özdemir fiel durch. Von Lutz Kinkel, Erfurt

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Cem Özdemir und Claudia Roth freuen sich über ihr Ergebnis© Christof Stache/AP

"Ich rechne mit null Stimmen", sagt Lars Willen, 40, zu stern.de. Und warum in aller Welt bewirbt er sich dann um den Parteivorsitz der Grünen? "Wenn Cem Özdemir nicht gekommen wäre, hätte ich eine geringe Chance gehabt." Der Oldenburger gilt bei den Grünen als bizarrer Sonderling, in seinem Bewerbungsschreiben an die Parteiführung hat er für den massiven Ausbau der Hanf-Kultivierung plädiert. Zu "industriellen Zwecken", wie er im Gespräch mit stern.de erläutert - aber für die Legalisierung der Droge Hanf sei er natürlich auch. Diese Positionen auf dem Parteitag vorzustellen, kam Willen nicht in den Sinn. Er sei kein großer Redner, außerdem habe seine Freundin gerade ein Baby bekommen, also sei er nicht zum Parteitag nach Erfurt gekommen. Sein Ergebnis in Abwesenheit: 1,16 Prozent.

Immerhin: Willens Kandidatur verlieh der Wahl zum Parteivorsitz einen Anschein von Demokratie. Denn eigentlich wollte die Parteifüh rung nur ihre Kandidaten Cem Özdemir und Claudia Roth mit möglichst guten Wahlergebnissen durchsetzen. Kritisch sah es vor allem für Özdemir aus, der in Teilen der Partei als konturloser Selbstdarsteller mit einem übergroßen Hang zum Kommerz gilt. "Das Ergebnis muss so gut sein, dass die Debatte 'Özdemir ist nur ein Notkandidat' aufhört", sagte der grüne Bürgermeister Boris Palmer am Samstagmittag zu stern.de. Aber natürlich wusste auch Palmer, dass sich Özdemir auf einen Deal stützen konnte, der ein passables Ergebnis liefern würde: Die Realos hatten versprochen, Roth mitzuwählen, dafür hatten die Linken versprochen, für Özdemir zu stimmen. Schlussendlich holte Roth 82,7 Prozent, Özdemir 79,2 Prozent. Applaus, Blumen, Glückwünsche. "Es hat offensichtlich so funktioniert, wie wir es uns auf beiden Seiten der Partei vorgestellt haben", kommentierte ein breit grinsender Jürgen Trittin.

Claudia Roth fängt nicht an zu weinen

Zuvor hatten sowohl Özdemir als auch Roth unter dem Jubel der Delegierten leidenschaftliche Reden gehalten. Roth reihte die grünen Themen wie Dominosteine vor sich auf, um sie dann Satz für Satz abzuräumen: Atomausstieg, soziale Gerechtigkeit, Friedenspolitik in Afghanistan. Gegen Diskriminierung, gegen den Überwachungsstaat, gegen Gentechnik. Nebenbei signalisierte sie den Delegierten, dass sie auch Özdemir mit einem guten Ergebnis wählen sollen. Als sie das Thema Integration streifte, sagte sie, dass es auf diesem Parteitag dazu einen "ganz besonderen personellen Vorschlag" geben werde - jeder wusste, wer gemeint war. Als ihr Wahlergebnis bekannt wurde - 82,7 Prozent - sagte sie: "Ich fange jetzt nicht an zu weinen, wie ich das sonst immer mache. Vielen, vielen Dank - und jetzt weiter so!"

Özdemir registrierte Roths Aufforderung dankbar, stürmte in Jeans und Jackett auf die Bühne und umarmte seine Kollegin herzlich. Das Rätselraten, welchem Thema er sich in seiner Bewerbungsrede noch widmen könnte, beendete Özdemir schnell. "Manches Mal haben wir uns zu sehr mit uns selber beschäftigt als mit dem politischen Gegner", sagte Özdemir - und genau das tat er nun. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, SPD, bekam sein Fett weg, weil er sich nicht für den in Deutschland geborenen Murat Kurnaz eingesetzt hatte, der Jahre im US-Gefangenenlager Guantanamo einsaß. "Herr Steinmeier, übernehmen Sie, Sie haben da auch etwas wieder gut zu machen!" sagte Özdemir. Noch intensiver knöpfte er sich Sigmar Gabriel vor, den sozialdemokratischen Umweltminister. "Der kommt viel zu gut weg mit seiner Politik. Dass er immer noch Umweltminister sein kann: Ich versteh's nicht!" Gabriel stehe für die Autolobby, nicht für den Klimaschutz. Özdemir erntete Beifallsstürme für seine Attacken, bei denen er nicht nur SPD, sondern auch CDU, FDP und Linkspartei aufs Korn nahm.

Als positives Gegenbild baute Özdemir die Regierungsfähigkeit der Grünen auf. Ausdrücklich lobte er die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder. "Wir haben sieben erfolgreiche Jahre hinter uns", sagte Özdemir und erinnerte an Atomausstieg, Erneuerbare Energiengesetz, Schwulen-Ehe und vieles mehr. Auf diesen Lorbeeren aber könnten sich die Grünen nicht ausruhen. Sie müssten gestalten - in den Ländern, im Bund und in Europa. Damit vermittelte Özdemir den Delegierten etwas, was auf diesem Parteitag sonst nicht spürbar war: den Willen zur Macht. Und da er offenbar glaubte, dies würde noch nicht reichen, um seine Kandidatur attraktiv zu machen, legte der 40-Jährige noch einen obendrauf: Er spielte die Karte Integration, mit der er, der "anatolische Schwabe", schon immer hat punkten können. "Ich möchte für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle mitgenommen werden. Egal ob sie aus Kasachstan kommen, aus Anatolien oder ob sie schon im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft haben", sagte Özdemir zum Abschluss seiner Rede. Er bekam standing Ovations.

Rede Özdemirs bügelt Fehler aus

Als sein Ergebnis - 79,2 Prozent - feststand, löste sich die Spannung in der Führungsriege der Grünen. "Das ist ein starkes Comeback", sagte Realo Fritz Kuhn über Özdemir. "Eine souveräne Rede", lobte auch Bärbel Höhn im Gespräch mit stern.de. "Er hat die Leute stärker mitgenommen, als man das vorher prognostiziert hat." Sie alle hatten gehofft, dass die Grünen Özdemir nicht für seine Sünden abstrafen würden. Zuletzt hatte sich der Oberrealo kurz vor dem Parteitag in Sachen Kohlekraftwerke verplappert, die bei den Grünen inzwischen als Teufelszeug gelten. Seine Aussage, er könne sich den Neubau von Kohlekraftwerken vorstellen, hatte er zwar innerhalb von Stunden als "Missverständnis" kassiert, aber eine emotionale Delle blieb. Der Wahl-Deal mit den Linken und seine Rede bügelten sie wieder aus - aber auch die Chance, die alte Führungsriege Roth, Trittin und Renate Künast mit einer frischen, jungen Kraft zu ergänzen, schien den Grünen offenbar mehr als verlockend.

Richtig glücklich über die Wahl war eine sonst unbekannte türkischstämmige Delegierte aus Hamburg. Die Wahl Özdemirs sei ein "Symbol", sagte Canan Ulufer, er könne die beiden Enden der Gesellschaft zusammenführen - die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. An ihrem Kleid hatte Ulufer einen Sticker befestigt. Die Aufschrift: "Yes, We Cem".

Von Lutz Kinkel, Erfurt
 
 
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