Der ehemalige Polizist und Ohnesorg-Todesschütze Karl-Heinz Kurras wäre bereits vor Jahren beinahe als Stasi-Spitzel aufgeflogen. Offenbar verhinderte nur ein Zufall seine Enttarnung. Die Polizei kassierte unterdessen bei einer Kontrolle in Kurras' Wohnung eine Waffe und Munition ein.

Wäre schon 2003 beinahe als Stasi-Spitzel aufgeflogen: der Ohnesorg-Todesschütze und Ex-Polizist Karl-Heinz Kurras© Dennis Gundlach/DDP
Der frühere West-Berliner Polizist und Todesschütze des Studenten Benno Ohnesorg, Karl-Heinz Kurras, wäre beinahe schon 2003 als Stasi-Spitzel enttarnt worden. Nach einem Bericht der Stasi- Unterlagenbehörde vom Mittwoch hatte damals eine externe Forscherin Stasi-Akten über die West-Berliner Polizei beantragt. Nachdem sie jedoch ihre Arbeit beendet hatte, ohne die Unterlagen mit Hinweisen auf Kurras einzusehen, seien die Akten Anfang 2004 ungelesen und unbearbeitet wieder ins Archiv zurückgebracht worden.
Nach Angaben der Birthler-Behörde war ein Sachbearbeiter bei der Bearbeitung der 180 Stasi-Bände über die West-Berliner Polizei in Band 13 auf einen Informationsbericht eines "Geheimen Mitarbeiters" (GM) der Stasi mit dem Decknamen "Otto Bohl" gestoßen. Das war - wie in der vergangenen Woche bekannt wurde - der Deckname von Kurras, der am 2. Juni 1967 Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah-Besuch erschossen hatte.
Der Sachbearbeiter habe Anfang März 2003 Nachforschungen im Archiv zu weiteren Berichten "Bohls" beantragt, um sie der Forscherin vorlegen zu können. Diese Seiten - 17 Bände mit einem Umfang von bis zu 6000 Blättern - seien im Archiv durchnummeriert, aber nicht inhaltlich bewertet worden. Im Herbst 2003 wurden die Unterlagen nach Angaben der Behörde dann an den Sachbearbeiter geschickt. Die Forscherin habe jedoch in der Zwischenzeit ihre Arbeit beendet, ohne dass die Unterlagen eingesehen worden wären.
Kurras übergab unterdessen bei einer Kontrolle in seiner Wohnung eine Waffe und Munition an die Polizei. Ein Behördensprecher teilte am Mittwoch mit, zwei Beamte der beim Landeskriminalamt angesiedelten Waffenbehörde hätten Kurras in seiner Wohnung in Berlin-Spandau aufgesucht. Er habe "die einzige Waffe, die er nach seinen Angaben im Haus hatte, den Polizisten freiwillig ausgehändigt". Es habe auch keine Durchsuchung der Wohnung oder des Hauses gegeben. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte zuvor erklärt, er wolle prüfen, ob die Waffenbesitzkarte Kurras' eingezogen werden müsse. Körting bezog sich auf Aussagen des Ex-Beamten, wonach heutige Polizisten "viel zu selten" von der Schusswaffe Gebrauch machen würden.
Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz sprach sich unterdessen für eine umfassende Stasi-Überprüfung in der Bundespolitik aus. Die Birthler-Behörde müsse dafür "mit angemessener Intensität" den Aktenbestand erforschen, sagte der Bundestagsabgeordnete dem "Handelsblatt". "Ich möchte, dass kein Bereich ausgespart wird. Der FDP-Antrag springt viel zu kurz", wurde der Politiker zitiert. Am Freitag entscheidet der Bundestag über einen Antrag der FDP, nach dem der Einfluss der DDR-Staatssicherheit auf den Bundestag für den gesamten Zeitraum zwischen 1949 und 1989 untersucht werden soll. Zudem soll die Bundesregierung über die Tätigkeit ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in den Bundesbehörden aufklären. Der Kulturausschuss lehnte den Antrag bereits vor zwei Wochen ab. Wiefelspütz sprach von einem "Quatsch-Antrag", weil er dem Umstand nicht gerecht werde, dass die Stasi ein wichtiges Machtinstrument gewesen sei, mit dem alle gesellschaftlichen Bereiche unterwandert worden seien. "Daher bin ich für einen umfassenden Ansatz, der auch die Bundespolitik mit einschließt."