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Ein Leben für Christian Wulff

Olaf Glaeseker war Wulffs Macher und Freund. Im Verborgenen kreierte er dessen Image und bügelte Störendes aus - mit hohem persönlichen Risiko. Jetzt muss er den Kopf hinhalten.

Von Hans Peter Schütz

  Bundespräsident Christian Wulff (l.) und sein Sprecher Olaf Glaeseker gehen künftig getrennte Wege

Bundespräsident Christian Wulff (l.) und sein Sprecher Olaf Glaeseker gehen künftig getrennte Wege

Für Olaf Glaeseker ist die Bundespräsidentenkrise ein doppeltes Desaster - persönlich wie beruflich. Sang- und klanglos, mit wenigen Worten, schob ihn Christian Wulff aus dem Amt, ging in seiner ohnehin kurzen Ansprache nicht lange auf Glaeseker ein. Warum er gehen muss? Es brauchte ein Opfer. Aus Gründen der Staatsräson konnte das nicht der Bundespräsident sein - und auch nicht die Bundeskanzlerin, die Wulff auf den Thron hob und dort hält.

Weggeschickt wurde ein Mann, ohne den Wulff es vermutlich gar nicht zum niedersächsischen Ministerpräsidenten gebracht hätte. Ohne den er mit Sicherheit nicht so lange im Amt geblieben wäre, wie er es geschafft hat.

Ein Schuldiger musste her für die verheerende PR-Arbeit in dieser Präsidentenkrise. Und dafür wurde jetzt einer geopfert, der über Wulff beim Amtsantritt einmal gesagt hat: "Christian Wulffs großes Plus ist, dass er an Menschen interessiert und neugierig ist. Er ist offen und zugänglich und in all den Jahren normal geblieben. Er ist ein ernsthafter, harter Arbeiter, der sich sein Leben lang enorm engagiert. Er ist in der Lage, sehr Kritisches in der Sache zu sagen, aber verbindlich im Ton zu bleiben. Und er hat einen guten Humor. Diesen Stil wird er auch als Bundespräsident pflegen." Und nach diesem Plädoyer für Wulff bat er dann noch darum: "Bitte verzichten Sie auf das Bild vom ungeschliffenen Rohdiamanten."

Hohes persönliches Risiko

Wer ist dieser Olaf Glaeseker? Seinen Sprecherjob hat er einst gegenüber stern.de glasklar definiert. Er wolle vor allem eines: "Journalist bleiben, andere nicht missionieren, sich vor allem als Dienstleister sehen, der anderen hilft, ihren anspruchsvollen Job möglichst gut zu erledigen. Kollegen nicht bescheißen, sondern einen fairen Umgang pflegen."

Alles berufliche Maßstäbe, die sich in der Grauzone der Präsidentenaffäre offenbar kaum realisieren ließen. Da war mehr Tricksen, Tarnen und Täuschen gefragt, obwohl einem Profi wie Glaeseker von Anfang an klar gewesen sein musste, dass sich sein Chef damit kaum auf Dauer aus der Misere herauspauken lassen würde.

Dabei war der 50-Jährige in seinem ganzen Berufsleben alleweil mehr als ein Einflüsterer Wulffs. Er war sein Macher. Er war es, der Wulff vom biederen niedersächsischen Rechtsanwalt zum politischen Überflieger in seiner Provinz gemacht hat. Mit hohem persönlichen Risiko.

Die siamesischen Zwillinge der Landespolitik

Als die Wiedervereinigung gekommen war und das Bonner Pressecorps nach Berlin umzog, ging der Niedersachse Glaeseker zurück in die Heimat. Bis dahin hatte er aus Bonn für die "Augsburger Allgemeine" und den "Schwarzwälder Boten" als Korrespondent berichtet. Gelernt hatte der zweimalige Weitsprung-Landesmeister bei der heimatlichen "Nordwest-Zeitung" in Oldenburg. Seine bisherigen Arbeitgeber verloren den Mann mit seinen erstklassigen Kontakten in die Bonner Politikwelt nur ungern. Glaeseker nahm den Job als Chefverkäufer des CDU-Politikers Wulff an, obwohl ihm klar war: ein schwieriger Fall.

In seinen Anfangsjahren hatte diesen Wulff mit dem Ruf eines ewigen Junge-Union-Karrieristen neben dem politischen Profi Gerhard Schröder kaum jemand wahrgenommen. Doch Glaeseker mischte ihn systematisch auf, vom "Liebling aller niedersächsischen Schwiegermütter" zum versierten Politiker. Er hat Wulffs politische Karriere erst möglich gemacht. Der Olaf und der Christian galten als die "siamesischen Zwillinge" der Landespolitik. Sie ließen kein kritisches Wort aufeinander kommen. Zwei Freunde eben.

Glaeseker der strategische Kopf des Versteckspiels?

Der entscheidende Test kam, als Wulffs erste Ehe in die Brüche ging und die Scheidung zu verkaufen war. Glaeseker fütterte die einschlägig interessierten Medien so geschickt, dass Wulff diese für einen CDU-Politiker bedenkliche Lebensstation einigermaßen unbeschädigt überstand.

Allerdings: Auch damals schon kamen die wahren privaten Probleme, die mit dieser Scheidung verbunden waren, nur zögerlich in die Öffentlichkeit. Aus dem Ende der Ehe machte Glaeseker ein menschliches Rührstück ohne jede Schuldzuweisung an Wulff. Die alleinige Frage war: Wie kann man diesem wunderbaren Wulff nur sein neues Lebensglück neiden?

Wie weit Glaeseker jetzt in der Präsidentenaffäre ebenfalls am Versuch der Schönfärberei beteiligt war, ist unklar. Hat er das Kernproblem einer die Glaubwürdigkeit Wulffs zerstörenden Informationspolitik zu spät erkannt? Hat er seinen Freund falsch beraten? War er zu nett zu Wulff? Lag die Teilchenwahrheit an ihm – oder an Wulff, der sich durchzumogeln hoffte? War Glaeseker der strategische Kopf des Versteckspiels?

Vorbeugende Transparenz war nicht seine Stärke

Den "Präsidenten-Flüsterer" haben ihn viele Journalisten genannt. Und der scheint jetzt selbst in die Grauzone zu rutschen zwischen Amt und Freundschaften. Er habe zu sehr das Image Wulffs gepflegt, heißt es, ihn zu wenig vor den Fallstricken einer zu engen Bindung an Unternehmer gewarnt.

Vorbeugende Transparenz war in der Tat nicht Glaesekers starke Seite. Wenn ein Rohdiamant schon geschliffen werden sollte, dann wollte er es am liebsten selbst tun, ohne mediale, kritische Begleitung. Und keiner sollte die Schönheitsoperation bemerken.

Anmerkung der Redaktion: Dieser, ursprünglich am 22.12. erstellte, Artikel wurde am 20.Januar aufgrund eines Missverständnisses in der Redaktion ergänzt und aktualisiert, ohne dass diese Aktualisierungen korrekt gekennzeichnet worden wären. Dieses hat bei einigen Lesern zu Irritationen geführt. Im Sinne einer sauberen Abgrenzung haben wir den Text nun wieder in die Erstversion zurückredigiert und bitten um Entschuldigung.

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