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Ein teuflischer Job

Sie nannten ihn Mephistopheles: Olaf Glaeseker war zwölf Jahre Christian Wulffs Sprecher. Er erledigte seine Arbeit mit Bravour - und den Chef gleich mit?

Von Andreas Hoidn-Borchers

  "Puppe" und "Bauchredner": Christian Wulff und sein langjäriger Sprecher Olaf Glaeseker

"Puppe" und "Bauchredner": Christian Wulff und sein langjäriger Sprecher Olaf Glaeseker

Er ist jetzt erledigt. Aussätzig. Persona non grata. Es ist wie immer in solchen Affäre-Fällen: Plötzlich will niemand mehr etwas mit einem zu tun gehabt haben, ja, im Grunde haben sie diesen Olaf Glaeseker eigentlich gar nicht gekannt in der niedersächsischen CDU. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da haben sie den Zwei-Meter-Mann mit dem glänzenden Schädel bewundert, wohl auch ein wenig gefürchtet in Hannover. Mephistopheles haben sie ihn genannt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er ein wenig an Gustav Gründgens erinnert in der Schwarzweiß-Verfilmung von Goethes Drama. Sie haben dabei wohl nicht an Wulff gedacht, der dann Faust sein muss - jener Mann, der dem Teufel seine Seele verkaufte.

Es ist vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen, Wulff umweht so gar nichts Faustisches. Aber ganz falsch ist der Vergleich auch nicht. Auf jeden Fall hat sich der CDU-Politiker seinem Sprecher ziemlich verschrieben. "Wenn man das Verhältnis der beiden befreundeten Männer beschriebe wie das von Bauchredner zu Puppe, dann wäre Glaeseker nicht die Puppe", notierte einmal die "Süddeutsche Zeitung".

Wulffs "mea culpa"-Rede

Als Wulff vor zwei Jahren schon einmal kinntief im Schlamassel steckte, nachdem aufgeflogen war, dass Air Berlin ihn und seine Familie auf dem Weihnachtsurlaubsflug nach Miami in die Business Class heraufgestuft hatte, da riet der Künstler seiner Kreatur: Offensive ist die beste Verteidigung. Nachzahlen, Fehler gestehen, Besserung geloben. So geschah es. Als Christian Wulff dann seine "mea culpa"-Rede im Landtag hielt, konnte man den geistigen Vater der Zeilen beobachten, wie er lässig an eine Wand im Landtag gelehnt den Vortrag des Ministerpräsidenten verfolgte: Olaf Glaeseker, formal Regierungssprecher im Range eines Staatssekretärs, in Wirklichkeit aber nur für Wulff zuständig, hatte seinen Boss mal wieder rausgehauen.

Dabei kann man Glaeseker nicht nachsagen, dass er früher, als politischer Korrespondent der "Augsburger Allgemeinen" in Bonn, immer nur liebedienerisch über seinen späteren Chef berichtet hätte. Gut, als der niedersächsische Oppositionsführer Christian Wulff sich 1998 zum zweiten Mal sehr vergeblich mühte, gegen Gerhard Schröder zu bestehen, da beschrieb Glaeseker ihn freundlich als "intelligent, gebildet und" – worauf man erst mal kommen musste – "rhetorisch außerordentlich begabt", als einen Mann "ohne Makel und Affären". Aber er gab seinen Lesern auch getreulich wieder, wie zum Beispiel CSU-Chef Theo Waigel über den Schwesterparteifreund ätzte: dass Wulff "die Körperschaftsteuer für eine Bekleidungszulage hält" und dass er, Waigel, verstehe, warum Schröder so gute Laune habe: "Einen solchen Gegner möchte ich auch mal haben. Der Mann hat keine Ahnung."

Kreation eines "Bild"-Lieblings

Die kleinen Reminiszenzen aus der journalistischen Vergangenheit Glaesekers belegen zweierlei. Erstens, wie groß ein Jahr später - am Anfang der liaison dangereuse zwischen dem chronisch erfolglos scheinenden CDU-Politiker und seinem PR-Alter Ego - Wulffs Not gewesen sein muss, einen Sprecher zu finden; denn der Niedersachse ist extrem misstrauisch, verfügt über ein brillantes Gedächtnis und kann noch Monate später passagenweise aus kritischen Artikeln über ihn zitieren. Und es zeigt zum Zweiten, dass Olaf Glaeseker sehr klar gewesen sein muss, wie schwer sein Job in Hannover werden würde.

Wie man heute sagen kann, hat er ihn mit Bravour erledigt. Den Job – und ganz nebenbei möglicherweise auch seinen Chef.

Wulffs Pressesprecher, meist mit offenem Hemdkragen unterwegs, wurde über die Jahre immer einflussreicher. Und, vor allem: Er wurde zum Freund. Der einstige Mehrkämpfer schaffte es, den drögen Osnabrücker Wulff zu entsteifen, ihm Lockerheit einzuimpfen, ihn mit Show-Sternchen zu umgeben – und gleichzeitig sein Saubermann-Image zu schmirgeln. Dafür spannte er bevorzugt "Bild" und "Bunte" ein – die er auch mit exklusiven Infos und Fotos über die neue Liebe Bettina Körner bediente, nachdem Wulff seine erste Frau verlassen hatte. Die Rechnung ging auf: Die Blätter blieben Wulff gewogen. Wenig später schaffte es Wulff sogar an die Spitze - in Umfragen galt er den Deutschen als beliebtester Politiker.

Zwillingspaar Wulff/Glaeseker

Es war in erster Linie Glaesekers Werk, der einmal über Wulff sagte: "Er war wie ein Edelstein, den man polieren muss, damit er Strahlkraft gewinnt." Wulffs Aufstieg ist ohne Glaesekers Wirken nicht vorstellbar. Manche Minister nannten ihn "den heimlichen Stellvertreter von Wulff". Es war kein Spott, eher Neid. Tatsächlich war irgendwann nicht mehr klar zu trennen, was Wulff war und was Glaeseker. "Wir sind wie siamesische Zwillinge", beschrieb Wulff folgerichtig die Beziehung. Als er 2007 überraschend den CDU-Landesvorsitz an David MacAllister abgab, waren nur zwei eingeweiht: die Kanzlerin – und Glaeseker. Zwischen ihnen gebe es, sagte Wulff einmal, "sehr viel an Übereinstimmung, ohne dass man sich darüber unterhalten muss". Und: "Wenn Sie diesen Mann nicht mehr in meiner Nähe sehen, müssen Sie sich Sorgen um mich machen."

Dieser Olaf Glaeseker, den sie Freund, Vertrauten, Einflüsterer, Strippenzieher und Vordenker des Ministerpräsidenten nannten, könnte Wulff jetzt endgültig hinab ziehen. Ist es denkbar, dass Wulff nichts wusste von all dem, was sein Sprecher da anrichtete in Hannover? Dass er einen Teil seiner Arbeitszeit damit verbrachte, Sponsoren für privatwirtschaftliche PR-Veranstaltungen beizuschaffen, auf denen Wulff in glanzvollem Licht erscheinen durfte? Dass er dafür frei fliegen und gratis urlauben durfte.

Eine Frage der politischen Verantwortung

Doch, im Prinzip ist das denkbar; es ist ja auch noch möglich, dass die Mayas Recht behalten und im Dezember die Welt untergeht. Aber selbst falls der Ministerpräsident ahnungslos gewesen sein sollte, was da direkt vor seiner Nase vor sich ging, was sein siamesischer Zwilling trieb: die politische Verantwortung dafür trägt er allemal - und die für seine eigenen Verfehlungen sowieso. Das sehen sie inzwischen auch in der CDU-Spitze mit wachsender Sorge.

"Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", sagt Goethes Mephisto zu Faust. Bei Olaf Glaeseker könnte es sich genau umgekehrt verhalten.

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