Im Herbst entscheidet der Bundestag, ob die Afghanistan-Mandate der Bundeswehr verlängert werden. In der SPD rumort es. Fraktionschef Struck will auch das Mandat für die "Operation Enduring Freedom" verlängern. Im stern.de-Interview sagt der SPD-Außenpolitiker Annen, weshalb er dagegen ist.

Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr bei einer Übung in Deutschland: Die Stimmen im Bundestag mehren sich, dass die KSK die "Operation Enduring Freedom" in Afghanistan nicht länger unterstützen soll© Jens Köhler/DDP
Sozialdemokratische Außenpolitik ist immer Friedenspolitik gewesen. Die Arbeiterbewegung war immer internationalistisch. In einer Zeit globaler Probleme sollten wir uns auf diese Tradition wieder stärker besinnen. Dieser internationale Ansatz ist aktueller denn je.
Wir glauben, dass man Sicherheit nicht nur als eine Frage von militärischer Sicherheit verstehen kann. Deshalb haben wir einen umfassenden Sicherheitsbegriff entwickelt, der auch soziokulturelle Konfliktursachen mit berücksichtigt. Wir legen den Schwerpunkt auf die Verhinderung militärischer Konflikte. Das unterscheidet uns von unseren politischen Konkurrenten.
Das kann man an einer konkreten Entscheidung deutlich machen: Die Union unter ihrer Vorsitzenden Angela Merkel hätte sich am Irak-Krieg beteiligt. Kanzler Gerhard Schröder hat eine mutige und nicht einfache Entscheidung gegen die Beteiligung an diesem Krieg getroffen. Wenn man sich heute die Nachrichten ansieht, kann man jeden Tag sehen, dass es eine richtige Entscheidung war.
Weil die Sozialdemokraten nicht leichtfertig über den Einsatz und das Leben von Bundeswehr-Soldaten im Ausland entscheiden. Wir beschäftigen uns jetzt mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen wir unser Engagement in Afghanistan verlängern können. Bei einer so sensiblen Frage können unsere Wählerinnen und Wähler Sorgfalt erwarten.
Deutschland kann sich jetzt nicht einfach aus Afghanistan zurückziehen. Die Menschen dort verlassen sich auf uns. Sie haben sich darauf verlassen, dass wir Stabilität und Sicherheit für den Wiederaufbau und die demokratische Entwicklung des Landes gewährleisten. Genau das ist der Auftrag der Schutztruppe Isaf.
Genau. Das Mandat mit der Bezeichnung "Operation Enduring Freedom" war nach dem 11. September nötig, um die Taliban zu entmachten und die Al-Kaida-Lager in Afghanistan zu zerstören. Dieser Auftrag ist nun erfüllt. in den vergangenen Jahren ist OEF leider immer mehr zur Legitimierung der Antiterror-Kriegsführung der Amerikaner herangezogen worden. Ich denke, es wäre daher vernünftig, das Bundeswehr-Mandat für die "Operation Enduring Freedom" auslaufen zu lassen.
Die Kriegsführung der Amerikaner hat den Erfolg der Nato-Schutztruppe Isaf in Afghanistan gefährdet. Es gab immer wieder unabgestimmte und unverhältnismäßige Operationen. Die immer höher werdende Zahl von zivilen Opfern untergräbt die Legitimität der Regierung in Kabul, sie führt den Terroristen neue Unterstützer zu. Diese Form des Antiterrorkampfes führt zu keinen Ergebnissen. Sechs Jahre nach dem 11. September 2001 muss man die Frage stellen dürfen, ob man sich noch immer auf Artikel 51 der Uno-Charta berufen kann, also das Selbstverteidigungsrecht, oder ob man eine neue völkerrechtliche Legitimation etwa zur Absicherung von internationalen Seewegen benötigt. Das ist die Diskussion, die wir mit unseren amerikanischen Freunden führen müssen.
Wir sind uns einig, dass wir den Aufbau in Afghanistan weiter unterstützen wollen und dass wir dafür eine militärische Absicherung brauchen. Außerdem werden wir unser ziviles Engagement verstärken. Ich bin zuversichtlich, dass wir zu einer gemeinsamen Haltung kommen.
Unsinn, es war ja gerade Peter Struck, der zu Recht diese Debatte angeregt hat.
Das ist genau die Frage, die wir uns stellen müssen. Aber wir wissen auch: Ohne eine militärische Absicherung des Wiederaufbaus würden heute nicht sechs Millionen Menschen wieder zur Schule gehen, Frauen könnten nicht für das Parlament kandidieren. Und gerade im Norden, wo die Bundeswehr präsent ist, gäbe es nicht die relative Stabilität, die dort jetzt vorherrscht. Ohne die Anwesenheit von Isaf würde Afghanistan im totalen Chaos versinken. Wir kommen also wieder auf das zentrale Element sozialdemokratischer Außenpolitik zurück. Für uns kann ein militärischer Einsatz eben nur einen Teil der Lösung beitragen, mindestens genauso wichtig sind zivile und polizeiliche Maßnahmen.
Ich bin generell skeptisch, ob wir mit mehr Militär zu einer besseren Problemlösung kommen können. Ich setze den Schwerpunkt auf unser ziviles Engagement und den Aufbau von Polizeikräften. Wir dürfen uns nicht auf das Militär alleine fixieren. Wenn unsere Analyse der Situation in Afghanistan allerdings zu dem Ergebnis kommt, dass wir mehr Soldaten benötigen, werden wir darüber diskutieren müssen. Aber wenn wir zu dem Ergebnis gelangen, dass es vor allem an zivilen Kräften fehlt, dann muss man den Schwerpunkt anders legen.
Der Einsatz der Tornados ist sinnvoll. Aber wir müssen den Einsatz in Afghanistan als Gesamtpaket diskutieren. Deshalb hat es keinen Sinn, einzelne Teile des Mandats herauszupicken. Es ist aber unbestritten, dass wir Aufklärungskapazitäten brauchen.
Lafontaine kalkuliert, dass alle sich mit seinen Äußerungen auseinandersetzen. Ich habe nicht vor, das zu tun. Er soll seine Position darstellen, ich stelle unsere dar.
Wir setzen uns mit den Argumenten auseinander. Ich halte seine Argumente für falsch. Die Bürger wissen, dass Lafontaine keine Alternative anbietet. Der bedingungslose Rückzug würde dazu führen, dass man die Demokraten in Afghanistan alleine lässt. Für einen verantwortungsbewussten Politiker ist das keine Alternative.
Um welche Mandate geht es? Wenige Monate vor Ablauf der Mandate für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gibt es sowohl bei der SPD als auch in der Union Streit über die Zukunft des deutschen Engagements am Hindukusch. Aber was für Mandate gibt es überhaupt?
Nato-Friedenstruppe Einsatz Isaf Unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 beschloss der Bundestag im Dezember desselben Jahres das älteste Mandat für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Danach können als Teil der Nato-Trupe Isaf bis zu 3000 deutsche Soldaten am Hindukusch stationiert werden. Ihr Einsatzgebiet ist hauptsächlich der relativ ruhige Norden des Landes. Außerdem sind deutsche Soldaten in Kabul stationiert. In Ausnahmefällen darf die Bundeswehr auch in anderen Regionen des Landes zum Einsatz kommen - allerdings nur zeitlich und im Umfang begrenzt "sofern dies zur Erfüllung des Isaf-Gesamtauftrages unabweisbar ist". Dies gilt vor allem für Logistik, Sanitätsversorgung, Nachrichtengewinnung und Aufklärung. So waren bereits deutsche Fernmeldetechniker im südafghanischen Kandahar im Einsatz. Außerdem half die Bundeswehr mit Transportflügen in den Süden aus. Das Isaf-Mandat läuft Mitte Oktober aus.
Tornado-Einsatz Auch die sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr, die seit Anfang April im nordafghanischen Masar-i-Scharif stationiert sind, unterstehen dem Kommando der Isaf. Dieses zweite deutsche Isaf-Mandat umfasst außerdem weitere 500 Soldaten für Betrieb und Wartung der Flugzeuge. Die Tornados sollen Luftbilder aus ganz Afghanistan liefern und damit den Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban und andere Extremisten unterstützen. Bewaffnet sind die Maschinen lediglich zum Selbstschutz. Das Tornado-Mandat ist bei den Grünen und bei der SPD umstritten. Bei der Abstimmung im Bundestag votierten allein 69 SPD-Abgeordnete dagegen. Das Mandat läuft ebenfalls Mitte Oktober aus.
Anti-Terror-Einsatz "Operation Enduring Freedom" Die Beteiligung an dem US-geführten Einsatz ist das mit Abstand umstrittenste Mandat der Bundeswehr am Hindukusch. Danach können bis zu 100 Soldaten der Elitetruppe KSK zum Einsatz kommen, um den US-Truppen bei der Jagd auf Extremisten zu helfen. Ihre Unterstützung wurde aber seit Jahren nicht mehr angefordert. Wegen zahlreicher ziviler Opfer war der Anti-Terror-Einsatz zuletzt stark in die Kritik geraten.
DPA
Zur Person Seit 2005 sitzt Niels Annen, 34, im Bundestag. Im Parlament ist Annen, der der SPD-Linken zugerechnet wird, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Der frühere Juso-Chef, der einen Hamburger Wahlkreis vertritt, gehört auch dem SPD-Parteivorstand an.