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16. September 2005, 11:42 Uhr
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Das rote Gespenst

Dreht euch nicht um, die Linkspartei geht um. Seit Oskar Lafontaine um seine Rückkehr auf die Bühne der Macht kämpft, lehrt er die Konkurrenz das Fürchten. Wie die neulinken Genossen die politische Landschaft umpflügen.

Der alte Kerl und der neue Oskar - seit Lafontaine wieder auf der Bühne steht, hat die Lehre von Marx auch in Chemnitz (lange Zeit Karl-Marx-Stadt) wieder Konjunktur© Eva Häberle

Alle schubsen, alle drängen, ein Rentner mit Rollator kommt zu Fall. Oskar ist weiß und wächsern im Gesicht. Kameramänner brüllen, man packt sich gegenseitig am Kragen, und Oskar lächelt entrückt - wie auf Standby geschaltet. Reporter stechen mit Mikrofonen in sein Gesicht, er macht Schritt um Schritt, vorsichtig, eine große Holztür taucht vor ihm auf, wird aufgerissen und Oskar hineingespült in den Vorhof der Lorenzkirche. Zack, das Tor fliegt zu, der Spitzenkandidat der Linkspartei hat sich ins Kirchenasyl geflüchtet. Draußen sagt ein Kameramann: "Klasse, jetzt haben wir die Bilder, die wir brauchen."

Die Kundgebung auf dem Anger im thüringischen Erfurt war eigentlich als ganz normaler Wahlkampfauftritt geplant. Es hatte nur ein kurzes Pressestatement geben sollen, gleich nach seiner Rede, gleich hinter der Bühne. Doch als wieder diese "dummen Fragen" kamen, nach seinem Kolumnisten-Honorar bei "Bild", nach seiner Kandidatur für die frisierte PDS, da schnappte er ein und wollte nur noch weg. Also ist er losmarschiert. Und irgendwie ist dabei die Situation außer Kontrolle geraten - wie immer, wenn Oskar einschnappt und einfach nur wegwill.

Flüchtender Lafontaine, prügelnde Linkspartei: Ja, ja, Bodo Ramelow hat sich denken können, was die Fernsehfuzzis aus den Bildern machen werden. Der Mann mit dem Ohrstecker sitzt in Berlin in einem kleinen Zimmer im Hinterhaus der Linksparteizentrale. Er ist der Wahlkampfmanager der Partei - und ihr vielleicht wichtigster Architekt. Schlechte Presse ist er gewohnt, doch Erfurt war der Gipfel. Er war ja selbst mittendrin in diesem Knäuel. Er drängelte und dirigierte Lafontaine in sein Asyl und durch den Seitenausgang wieder raus. Er ist ein guter Dirigent. Gregor Gysi und Oskar Lafontaine machen die Show, Ramelow ackert in der Kulisse. Er schlägt die Schneisen für die bunte Truppe.

"Man hat mich lange unterschätzt", sagt Bodo Ramelow, "aber als es anfing, turbulent zu werden, war klar, wer hier der Motor ist." Das klingt nach viel PS und Hupen an der Ampel, doch auch er weiß, dass der beste Motor nicht ohne Treibstoff läuft - und den liefert nun mal Oskar. Erst mit ihm haben die Umfragewerte abgehoben wie eine rote Rakete. Bei zwölf Prozent flogen sie schon. Gut, die Werte sind wieder gefallen, die Rakete ist in die Umlaufbahn zurückgekehrt und kreist um einen harten Kern von Wählern, der vor allem eines ist: dagegen.

Sicher, 74 Prozent von ihnen wollen vor allem aus Enttäuschung ihr Kreuz ganz links machen. Und dass Manfred Güllner, der Chef des Forsa-Instituts, herausgefunden hat, immer mehr Anhänger stellten sich die Frage: "Was können die denn tatsächlich bewirken?", ist auch nicht schön. Doch sie haben schließlich erst begonnen. Und ohne Lafontaine wären sie von den derzeit acht Prozent genauso weit entfernt wie vom erklärten Ziel, drittgrößte Fraktion im Bundestag zu werden. Es sieht noch immer danach aus, als hätten sie damit nicht zu viel versprochen.

Denn Lafontaine hat seine Reiseflughöhe erreicht, ungeahnte Sphären. Er ist zurück - auf Augenhöhe mit der Prominenz des Politbetriebes. Erst haben sie auf ihn eingeschlagen, jetzt duellieren sie sich mit ihm. Oskar Lafontaine gegen Edmund Stoiber im "Spiegel". Oskar Lafontaine gegen Friedrich Merz bei "Sabine Christiansen". Oskar Lafontaine gegen Joschka Fischer und Guido Westerwelle bei Maybrit Illner. Nur die SPD-Spitze schneidet ihn - und überlässt ihm damit das weite Feld der Linken. Bei der großen Allparteienrunde jüngst im ZDF durfte er nicht dabei sein. Weil Franz Müntefering gedroht hatte, sonst nicht zu kommen. Vergebens der Boykott, denn nun zogen ihn andere an die Brust - gerade in dem Moment, als die Linke bröckelte. Als wäre Lafontaine der wahre, der gefährlichste Gegner von CDU-CSU-FDP-Grünen.

Darum verteidigen die Linksparteiler ihren Oskar öffentlich gegen alles und jeden. Auch wenn sie ihn selbst manchmal nicht recht verstehen. Auch wenn er ihnen oft so unnahbar und kühl erscheint. "Eigentlich ist er gar nicht so", sagt Bodo Ramelow. Aber sobald zu viele Menschen um ihn seien, da spüre man, wie sehr ihm das Attentat noch in den Knochen stecke, dieser Messerstich in den Hals, den er im Wahlkampf 1990 nur knapp überlebte.

Essen, Kongresscenter, ein Foyer in Graublau. Oskar Lafontaine steht einsam an einem Bistrotisch und nippt am Filterkaffee. Er ist eine halbe Stunde zu früh gekommen. Hinter der grauen Tür liegt der Saal "Deutschland". Kein schlechter Ort, um sich zum Spitzenmann in Nordrhein-Westfalen küren zu lassen. Ein paar Genossen wuseln durch das Foyer, sie scheinen ihn gar nicht zu sehen. Und trotzdem werden sie ihn gleich wählen, ihn, ihren unnahbaren Rächer. Vorher werden einige noch fragen, warum er denn ausgerechnet hier kandidieren wolle. Weil es in Deutschland Brauch sei, dass der beste Mann im größten Bundesland antritt, wird Oskar sie bescheiden. Das muss reichen. Das reicht auch. Alle klatschen.

In der Pause sitzt er wieder ganz allein am langen Tisch, erste Reihe, vor der Bühne. Selbst Katja Kipping, die junge Vizechefin der Partei, die sich eben noch rührend um ihn kümmerte, ist in der Tiefe des Saales verschwunden. Die Fotografen lehnen gelangweilt am Bühnenrand. Er hat darum gebeten, das ewige Knipsen doch mal einzustellen. Es hat wie ein Verbot geklungen. Jetzt sitzt er da und traut sich nicht weg.

Zum Glück kommen doch noch ein paar Genossen vorbei. Sie stellen sich brav an, und wenn sie dran sind, hocken sie sich vor den Tisch und tragen ihr Begehr vor. Sie hocken. Er sitzt. Der Tisch ist nicht das Einzige, was sie trennt. Er passt hier nicht hin. Nicht zu diesen aufgeregten Linken, nicht zu den verbitterten PDS-Senioren - wie ein Gourmet, der sich an die Pommesbude verirrt hat, wie ein Bourgeois auf dem Sozialamt.

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Ausgabe 36/2005

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