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23. November 2007, 14:53 Uhr

Auf dem Weg in die Hauptstadt

Oswald Metzger bereut nichts. Auch nicht seine Aussage, dass viele Sozialhilfeempfänger ihren Lebenssinn darin sähen, Kohlehydrate und Alkohol in sich hinein zu stopfen. stern.de begleitete den Landtagsabgeordneten, für den es beim Bundesparteitag der Grünen eng werden dürfte. Von Katharina Schönwitz

Oswald Metzger: "Die Grünen bewegen sich auf einen Abgrund zu, ohne ihn zu sehen"© Michael Latz/DDP

Oswald Metzger ist schnell gefunden. Der kleine Provinzbahnhof von Bad Schussenried ist überschaubar. Den Mann zu begrüßen ist schon schwieriger. In der einen Hand hält er einen silberfarbenen Rollkoffer und eine schwarze Aktentasche, mit der anderen presst er sein Handy ans Ohr. Umständlich zerrt er das Gepäck in den Interregio, mit dem es von seiner oberschwäbischen Heimat zum Flughafen Friedrichshafen gehen soll. "Ich steh' zu meinen Aussagen. Ich bereue nichts. Nein, ich weiß noch nicht, ob ich bei den Grünen austrete", sagt er bestimmt in sein Handy. Erst ein Funkloch bei Ravensburg erlaubt ihm eine Begrüßung. "Entschuldigen Sie bitte. Das war die taz aus Berlin. Die ist wichtig, das verstehen Sie sicher." Gleich darauf ist das Netz wieder da, und er spricht wieder über Sozialhilfeempfänger, Prekariat und Kurt Beck. Beim Telefonieren lächelt er selbstsicher, er scheint gerne Auskunft über sich und seine Ansichten zu geben. Noch schnell einen Mitarbeiter anrufen, denn irgendjemand sollte das Interview autorisieren. "Lies kritisch drüber, aber sei ruhig großzügig!" weist er an. Atempause. Gelegenheit zu erzählen, dass er vergangene Woche das Handy aufs Autodach gelegt und losgefahren sei. "Seit heute Morgen habe ich es wieder. Ich war praktisch eine Woche nicht erreichbar." Eine Katastrophe!

Ein Funkloch - Zeit zum reden

Wieder ein Funkloch, Zeit zum Reden. Ja, er sei schon ein wenig überrascht gewesen über das Echo auf sein Interview mit stern.de. "Das sind wohl meine deutlichen Worte gewesen", erklärt er mit einem Augenzwinkern und legt noch mal nach: "Die Grünen bewegen sich auf einen Abgrund zu, ohne ihn zu sehen." Die Forderung, ein Grundeinkommen für alle einzuführen, lehnt er kategorisch ab. "Wer soll das bezahlen? Dafür müsste man zum Beispiel die Mehrwertsteuer noch mal um mehrere Prozentpunkte erhöhen. Selbst das würde kaum reichen." Sollten sich die Grünen am Samstag auf dem Bundesparteitag in Nürnberg für diesen Plan entscheiden, wäre sein Austritt aus der Partei sicher.

Ankunft am Flughafen Friedrichshafen. Wieder klingelt sein Telefon. "Entschuldigung. Das ist die Süddeutsche Zeitung. Da muss ich ran." Noch einmal dasselbe über Grundeinkommen, mögliche Parteiwechsel und Kinder von Sozialhilfeempfängern. Mit dem Satz "Eine pointierte Ausdrucksweise ist mein Markenzeichen", beendet er das Gespräch.

Mit einem Seufzer schaltet er das Handy aus

Zügig geht's durch die Sicherheitskontrollen und zum Boarding. Mit einem stummen Seufzer schaltet er für die nächsten anderthalb Stunden sein Handy aus. So lange dauert der Flug nach Berlin. Dort wird er abends an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Die Föderalismusreform im politischen Diskurs" teilnehmen.

Im Flugzeug verschlingt er ein Schinkenbrötchen, Schwarztee und Mineralwasser. Zum Essen sei er heute noch nicht gekommen, entschuldigt er sich und bekräftigt noch einmal, dass er aus der Partei austreten werde, wenn sie beim Beschluss eines Grundeinkommens bleiben würde. "Ich habe schon mal eine Partei verlassen, die SPD 1979. Eine schmerzliche Erfahrung."

"Das Geld kommt doch gar nicht an"

Am kommenden Dienstag in der Fraktionssitzung in Stuttgart will er seine Entscheidung bekannt geben. Doch er sieht auch eine Chance, bei den Grünen zu bleiben, wenn seine beiden Änderungsanträge Gehör finden: Der erste betrifft die Erhöhung der Grundversorgung, also des Arbeitslosengelds II. "Das kommt doch meist bei denen, die es am nötigsten haben, also den Kindern, gar nicht an. Viel sinnvoller wäre es, das Geld in eine qualitative Kinderbetreuung zu investieren." Zum anderen ist es die Individualisierung des Sozialstaats, die Metzger ablehnt. Danach sollte in Zukunft die Versorgung zum Beispiel durch Ehepartner wegfallen. "Wo kämen wir denn hin, wenn eine Millionärsgattin Geld vom Staat bekommen würde, nur weil sie kein eigenes Einkommen hat." Sollten seine Anträge nicht zumindest diskutiert werden, käme ebenfalls der Austritt für ihn in Betracht. Womit sich natürlich die Frage stellt, welche andere Partei für ihn geeignet wäre.

"Ohne Partei kommt man nicht in die Bundespolitik." Und genau da möchte Metzger wieder hin. Seine Themen sind Finanzpolitik, Arbeitsmarkt und Globalisierung. Damit fühlt er sich im baden-württembergischen Landtag unterfordert. Die Linke, die SPD und die Rechten hat er bereits ausgeschlossen. Übrig bleiben CDU und FDP. Welche der beiden er favorisiert, dazu schweigt er beharrlich. Allerdings hat der CDU-Kreisverband seiner Heimatstadt Biberach schon öffentlich erklärt, dass man auch künftig "sehr gut ohne ihn klar" kommen werde.

"Das wird nicht einfach"

Bei der Landung am Flughafen Tempelhof wartet schon ein Kamerateam. Wieder spricht er über die Grundversorgung, Grundeinkommen und Hartz-IV-Empfänger. Noch während die letzten Bilder gemacht werden, hört er schnell seine Mobilbox ab. Im Anschluss daran geht es mit dem Taxi ins Hotel. Metzger wird etwas leiser und spricht darüber, wie es wäre, wenn er bei den Grünen bleiben würde. "Das wird auch nicht einfach, das können Sie mir glauben." Claudia Roth forderte ihn bereits auf, sich zu entschuldigen, und die grünen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis finden seine Äußerungen "absolut unakzeptabel". "Persönlich hat mir das aber noch keiner gesagt", erklärt Metzger. "Das läuft bislang alles über die Medien." Eine kleine Pause, ein Lächeln: "Dadurch, dass sich alle Parteioberen zu mir äußern, nehmen die mich doch viel zu wichtig." Aber eigentlich scheint ihm genau das ganz gut zu gefallen. Seine Aussage, dass viele Sozialhilfeempfänger ihren Lebenssinn darin sähen, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, bereut er nicht. Ganz im Gegenteil. "Gerade von Leuten, die sich mit dem Thema auskennen, also von Sozialarbeitern oder Lehrern, habe ich Zustimmung erhalten. Kritik kommt hauptsächlich von denen, die nichts mit der Branche zu tun haben."

Im Hotelfoyer wartet schon eine Hörfunkreporterin auf ihn. Auch sie hört dieselben Sätze von Oswald Metzger wie alle anderen Journalisten vor ihr. Ohne Pause geht es weiter zu der Podiumsdiskussion, auch hier warten schon wieder zwei Fernsehteams auf ihn. Der eine Reporter hat zwei Hartz-IV-Empfänger mitgebracht, die Metzger vor laufender Kamera auffordern, sich dafür zu entschuldigen, dass er sie und ihresgleichen als Alkoholiker bezeichnet hat.

Zum ersten Mal an diesem Tag wirkt der smarte Grünalternative Oswald Metzger nicht mehr ganz so entspannt.

Von Katharina Schönwitz
 
 
KOMMENTARE (10 von 25)
 
ganzbaf (24.11.2007, 12:44 Uhr)
Oswald Metzger und seine Claqueure...
beklagen nur die Auswirkungn ihrer eigenen Politik. Das müssen die Kernmerkbefreiten einfach irgendwann checken, ne?...
(((O;
Rechts-Konservennaiv hat die lezten 30 Jahre Wirtschaftskriecher-Politik bestimmt! Nicht irgendwelche ominösen 68er oder Linksintellektuelle... ;-P
.
Kohl, Schröder und ihre Vasallen sind für die Zustände verantwortlich. Da helfne auch keine noch so bunten Nebelkerzen oder sonstige Ablenkungsmanöver. Ihr werdet alle zur Rechenschaft gezogen.
(*:
Dirk_37 (24.11.2007, 11:50 Uhr)
@ otto von grunt
Sehr schön formuliert! Leider gibts in der BRD immer wieder nur schwarz oder weiss, kein Platz für Grauzonen. Wer nicht für ..(egal).. ist, ist dagegen. Die meisten Kommentare hier lassen eben den Schluss zu, daß die Verfasser lieber in verträumten Ideologien schwelgen als sich den Realitäten zu stellen. Und wehe einer sagt mal etwas, was nicht in ihr "rosa Alice im Wunderland - Weltbild" passt,ohje. Dann ist man entweder Nazi (sehr beliebt bei einigen hier als Argument,lol) oder ein ausbeuterischer Großkapitalist( auch nett). Metzger hat Recht, wenn auch die Aussage selber sehr scharf formuliert war. Aber er hat damit zumindest eine Debatte erreicht. Arbeit muss sich wieder lohnen in diesem Land, Arbeitslosigkeit ist keine Schande aber es muss klar sein: wer nicht arbeiten will soll auch nichts bekommen, von mir aus verrotten die unter der Brücke ( ACHTUNG, das war zynisch ). Wenn zB junge Skins sich lieber die Zeit mit Saufen und Pöbeln anstelle zu arbeiten totschlagen, soll es nicht einen Cent Stütze geben! Wenn ein Familienvater mit 50 Jahren arbeitslos wird, sieht die Sache schon anders aus! Metzger steht für den Realismus bei den Grünen.
ganzbaf (24.11.2007, 00:08 Uhr)
Otto_(?)_Grunz´ Kommentar...
...erinnert mich an mich an einen hühnchenhaften, kleinen und pickliger BWL-Studenten.
Statt sich mit reflexartiger, ideologischer Verbohrtheit über schon beinahe verniedlichende Beiträge zum ausgewiesenen McDoof-Kinseyaner und Würstchenwender Ossi Metzger zu ereifern, sollten sich der kleinadelige Herr vielleicht mal überlegen, ob in den Aussagen der meisten Schreiber hier nicht einges mehr an Wahrheit steckt, als er vertragen kann ;-Pp
Fox59Fire (23.11.2007, 21:43 Uhr)
Manche wissen eben, wie man es macht!
Von der SPD zu den Grünen, dann möglicherweise zur FDP ... Metzger muss selbst wissen, ob ihm dieses Parteien-Hopping nützt oder vielleicht eher schadet. Selbst wenn mir Metzger nicht sonderlich sympathisch ist: Fakt ist, das er nicht von "den Sozialhilfeempfängern" im Allgemeinen sprach, sondern "vielen" ein derartiges Verhalten unterstellte. Und damit könnte er sogar recht haben, denn es ist ebenso Fakt, das sich viele Empfänger von Sozialleistungen mit ihrer Situation arrangiert haben und in der Tat ein derartiges Verhalten, wie es Metzger beschrieb, an den Tag legen, anstatt einem Job den Vorzug zu geben. Der Fairness halber muss ich jedoch anmerken, dass auch so mancher Berufstätiger "Kohlehydrate und Alkohol in sich hinein stopft". Ob dieses Verhalten jedoch deren Lebenssinn spiegelt, vermag ich nicht zu beurteilen. Eines hat Metzger mit dieser Aussage jedoch erreicht: Er erhält die mediale Aufmerksamkeit, die er ohne diese Aussage sicher nicht bekommen hätte. Manche wissen eben, wie man es macht!
Otto_von_Grunt (23.11.2007, 20:24 Uhr)
Thema verfehlt
Die meisten Kommentatoren erinnern mich an einen Hühnerhaufen kleiner, pickliger Sozialpädagogik-Studenten. Statt sich mit reflexartiger, ideologischer Verbohrtheit über eine –traurige- Politposse zu ereifern, sollten sich die Herrschaften mal überlegen, ob in den Aussagen von Herrn Metzger nicht mehr Wahrheit steckt, als sie vertragen können.
Es-ist-zum-Kotzen (23.11.2007, 20:07 Uhr)
lehrer und sozialarbeiter als hilfstruppe???
"sozialarbeiter und lehrer" teilen metzgers ansicht über die "kohlenhydrat und alkohol" in sich stopfende sozialhilfeempfänger.
was bezweckt metzger mit dieser denunziation dieser beiden berufsgruppen?
Midnight_74 (23.11.2007, 19:53 Uhr)
Studiumsabbrecher mit dem Wunsch Berufspolitiker
Schön, wenn man trotz einem abgebrochenen Studiums und ohne erlernten Beruf noch Gönner und Helfer findet, so dass man seine Lebensziele verwirklichen kann, ohne jemals selbnst in die Hartz IV-Grube zu fallen. Nicht jeder hat diese Möglichkeiten... Als Berufspolitiker hat man ausgesorgt, die Massenmedien schenken ja dann auch die ersehnte Beachtung... Das Schändliche sind nicht solche obergescheiten, berufslosen Daherschwätzer, sondern die Medien, die über solche Menschen auch noch berichten und ihnen so die Stimmen sichern....
mupfeline (23.11.2007, 19:23 Uhr)
Parteienhobbing
ist eh in also kann er auch die jetzige Partei wechseln und zur dritten gehen. Ich denkemal das als nächstes wohl die FDP in Frage käme. Die CDU/CSU wird ihn wohl als abgelegten Grünen nicht nehmen wollen. Na macht nix, Hauptsache unser Oskar fliegt durch die Gegend und verkündet seine Theorien. Mal naiv gefragt: Wer finanziert eigentlich SEINEN Lebensstil?
talkingkraut (23.11.2007, 19:14 Uhr)
Austreten, Oswald!
Die CDU-Platzhirsche im Biberacher Kreisverband werden ihn nicht willkommen heißen, aber in der Bundes-CDU könnte man ihn vielleicht gebrauchen. Metzger hat immerhin das richtige Gespür, wenn er das sinkende Schiff Gruene jetzt verlässt. Der Nürnberger Parteitag wird es zeigen, dass die Gruenen keine wetterfesten Konzepte mehr präsentieren können. Für Metzger ist es auf jeden Fall besser, wenn er diesen Fantasten den Rücken kehrt.
mcblog (23.11.2007, 19:10 Uhr)
Dümmliches Betroffenheits-Pathos
Im Kern trifft O. Metzgers Aussage zu:
Durch eine Sozialpolitik des Verteilens ohne dafür Gegenleistungen einzufordern hat man in der Vergangenheit viel Übles angerichtet: Ganze Kreise von Sozialhilfeempfängern haben sich aus der Gesellschaft verabschiedet und sich in der Nische Prekariat eingenistet.
Wer kennt die Bilder nicht: Die Stütze abgeholt und mit dem Taxi in die Kneipe, um sie gleich wieder zu versaufen.
Von den anderen, die nicht in dieses Klische passen, war bei O. Metzger nicht die Rede.
Leider gibt es in Deutschland eine Tendenz zum Betroffenheits-Pathos und zur Political Correctness a la USA:
Dort darf man sich rhetorisch nicht vergreifen, sonst wirds teuer. Gleichzeitig stört es die Mehrheit nicht, wenn durch Folterung o. Ä. der kern der westlichen Zivilisation verraten wird.
Auch in Deutschland wird lieber noch ein Denkmal mehr in die Welt gesetzt, anstatt ein Thema wie bsp.weise die Judenverfolgung im 3. Reich mal ernsthaft jenseits aller Klischees zu untersuchen.
Ich nenne das verlogen und scheinheilig - symptomatisch für den intellektuellen Diskurs im Deutschland des Jahres 2007.

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