24. Oktober 2009, 10:36 Uhr

Der Guido, der Horst und der bemühte Jubel

Es ist der erste große Auftritt des Trios gewesen: Angela Merkel, Guido Westerwelle und Horst Seehofer stellten den Koalitionsvertrag vor - Risse konnten sie nicht übertünchen. Von Florian Güßgen

Merkel, Koalition, Westerwelle, Bundespressekonferenz, Schwarz-Gelb

Der erste große Auftritt: FDP-Chef Guido Westerwelle (l.) mit CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Boss Horst Seehofer©

Es ist vollbracht. Der Vertrag steht, das Kabinett auch. Jetzt steht Schwarz-Gelb. Und Angela Merkel, Guido Westerwelle und Horst Seehofer können erst einmal durchatmen.

Entsprechend locker wirken die Parteivorsitzenden von CDU, FDP und CSU auch, als sie am Samstagvormittag in der Bundespressekonferenz in Berlin jenen Koalitionsvertrag vorstellen, den sie in der vorhergehenden Nacht ausgehandelt haben. "Die neue Regierung hält Wort", verkündet die Kanzlerin mit rotem Jackett und schwarzer Hose. "Wir erhöhen keine Abgaben und Steuern, sondern halten sie konstant beziehungsweise senken sie deutlich", lobt sie. Der Vertrag sei eine hervorragende Grundlage für Veränderungen in dem Land, er trage die liberale Handschrift, stimmt Guido Westerwelle ein, der Mann mit der knallgelben Krawatte. Das Papier stehe nicht nur für Wachstum, sondern auch für soziale Gerechtigkeit, fügt er hinzu. Und auch Horst Seehofer hält sich an die Devise "Freundlich sein": "Auch die CSU freut sich", sagt er. "Uns ist ein gutes Kursbuch für die nächsten Jahre gelungen."

"Seit 2.15 Uhr sagen wir Horst und Guido"

Es ist der erste große gemeinsame Auftritt des Trios, der Auftakt zu einer neuen, einer schwarz-gelben Regierung. Bis um zwei Uhr in der Früh haben die drei in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin um das Papier gerungen, haben am Schluss noch den Durchbruch bei der Steuerpolitik geschafft - und sich auf Steuersenkungen von bis zu 24 Milliarden Euro geeinigt. In einem ersten Schritt sollen nun bereits im Januar 2010 der Kinderfreibetrag auf jährlich 7008 Euro und das Kindergeld um jeweils 20 Euro pro Monat angehoben werden. Zugleich soll nach einem Rettungspaket für Banken und Unternehmen auch ein "Schutzschirm" für Arbeitnehmer gespannt werden. Damit sollen krisenbedingte Milliarden-Ausfälle bei der Bundesagentur für Arbeit und den Krankenkassen gesamtstaatlich aufgefangen werden. Dazu kommen maßgebliche Änderungen im Steuer- und im Gesundheitssystem. Während der zwischenzeitlichen Pläne für einen Schattenhaushalt hatten die Neu-Koalitionäre inmitten der Woche schon einen PR-Gau erlebt. An diesem Vormittag wollen sie eine Aufbruchstimmung vermitteln - vor allem Westerwelle.

Als wolle er auch die persönlichen Durchbrüche illustrieren, die diese Verhandlungen gebracht haben mögen, berichtet der designierte Außenminister von einem neuen Duzfreund. "Um 2.12 Uhr waren wir mit der Arbeit fertig", erzählt er den Journalisten. "Und seit 2.15 Uhr sagen wir Horst und Guido zueinander."

Handfeste Konflikte hinter aufgesetzter Fröhlichkeit

Und dennoch. Dieser erst große Auftritt der neuen Bündnispartner in der Bundespressekonferenz ist keine befreite Jubelfeier. Er wirkt seltsam bemüht. Zwar rattern alle drei ihre jeweiligen Erfolge herunter - Westerwelle die Pläne bei den Steuern, die geplante Reform des Gesundheitssystems, Seehofer das geplanten Betreuungsgeld und Hilfen für Bauern. Aber die etwas aufgesetzte Fröhlichkeit des künftigen Vize-Kanzlers Westerwelle steht im krassen Gegensatz zu dem Sarkasmus, den der bayerische Ministerpräsident Seehofer an den Tag legt. Schnell wird deutlich, dass hinter den Unterschieden im Auftritt durchaus auch handfeste Interessenkonflikte stehen. Etwa bei der Gesundheitspolitik. Laut Koalitionsvertrag ist vorgesehen, dass die Arbeitnehmer künftig eine einkommensunabhängige Pauschale an ihre Kasse zahlen. Der Arbeitgeberbeitrag soll nicht weiter steigen. Für sozial Schwache ist ein Ausgleich aus Steuermitteln geplant. Eine Regierungskommission soll ein Modell für die Zeit ab 2011 erarbeiten. In der Übergangsphase soll der von der großen Koalition eingeführte und von CSU und FDP heftig kritisierte Gesundheitsfonds noch bestehen bleiben.

Das jedoch keinesfalls eindeutig ist, wie dieser Vertragstext umgesetzt werden soll, zeigt an diesem Vormittag ein Wortwechsel zwischen den Chefs von FDP und CSU. Während Westerwelle den Koalitionsvertrag als Start für die Einführung einer Kopfpauschale als Versicherungsprämie interpretiert, macht Seehofer klar, dass er das keinesfalls so sieht. Der CSU-Chef hatte sich in er Vergangenheit vehement gegen die Kopfpauschale gewehrt und diese als unsozial gegeißelt. Man habe jetzt erst einmal beschlossen, eine Kommission einzurichten, das ja, sagt Seehofer, aber: "In der Gesundheitspolitik ändert sich zunächst einmal gar nichts." Zunächst müsse abgewartet werden, welche Vorschläge die geplante Regierungskommission machen werde", sagt Seehofer.

Westerwelle sieht sich genötigt, dagegen zu halten, zu zeigen, dass sich doch etwas ändern wird. Man könne das jetzt nicht im Hauruckverfahren einführen, fühlt er sich bemüßigt einzugreifen, aber eine "höhere Beitragsautonomie" sei definitiv das Ziel.

Die Konflikte, die diese Koalition prägen könnten, werden so schon bei der ersten großen Show der schwarz-gelben Regierungsspitzen grell sichtbar. Dass vor allem ein widerborstiger, weil politisch angeschlagener Seehofer für Merkel und Westerwelle noch zum Problem werden könnte, wird auch deutlich, als er, gewohnt doppeldeutig, die Bereitschaft der CSU zur Mitarbeit unterstreicht: "Wie immer in unserer Geschichte werden wir im Rahmen unserer Möglichkeiten diese Regierung stärkstens unterstützen", sagt Seehofer. Der Saal lacht. Und die Kanzlerin antwortet. "Da ist nun die Freude wieder ganz auf meiner Seite."

Etwas später sagt Westerwelle noch, dass sich alle Beteiligten bewusst seien, dass sie nur gemeinsam eine Mehrheit im Parlament hätten. Für den Start einer neuen Regierung ist das schon einmal eine gute Grundlage.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
tri.star (26.10.2009, 09:37 Uhr)
wer hat diese Parteien eigentlich gewählt?
Wie dumm kann ein Land noch werden, d.h. sein Wahlvolk? Jetzt jammern sie alle rum, dabei haben sie diese Tigerenten doch selbst gewählt. Nach den nächsten vier Jahren werden sich die Meisten nach einer egal wie schlechten rot-grünen Regierung sehnen, die echten Gemeinheiten kommen doch alle erst später auf uns zu. Der Vertrag ist quasi die Spitze vom Eisberg.

Besonders peinlich ist in diesem Zusammenhang aber auch die Umfaler-SPD in Thüringen, die wegen irgendwelcher Pöstchen mit der CDU jetzt gemeinsame Sache macht, obwohl man mit einer ganz anderen Aussage in den Wahlkampf dort gezogen war.

Die Grünen, die mittelfristig mit Jamaika oder gar nur schwarz-grün liebäugeln sollten auch noch mal in sich gehen und bedenken, welche Ziele sie eigentlich mal verfolgt haben und theoretisch auch heute noch verfolgen.
VolkerRockel (24.10.2009, 20:02 Uhr)
Ich sehe das inzwischen so:
Der große gelbe ''Einsparnix'' und die schwarze ''Weissnix'' haben gemeinsam mit dem verkannten ''Quellnix'' einen Koalitionsvertrag vereinbart.

Dieser Koalitionsvertrag mit dem markanten Namen ''Wirdnix'' wird nun vier Jahre lang die Koalition (redaktioneller Hinweis: Die auch Tigerenten-Koalition - wegen der ganz kleinen Rädchen, auf der sie daher kommt - genannt wird) begleiten!

Das Ende ist jetzt schon abzusehen! Wobei ''Machtnix'' der große Denker der deutschstämmigen Bürger schon jetzt sagt: ''Wenn das alles vorüber ist, dann räumern wir einfach wider auf und fangen von vorne an!''.


Recht hat der der ''Machtnix'',- der unverbesserliche Optimist...
Prologo (24.10.2009, 15:07 Uhr)
Die drei Affen von schwarz gelb
Ja, die fallen mir da sofort ein, wenn ich diese Jubelfotos anschauen muß.
Nichts hören, nichts sprechen, nichts sehen.
Schwarzgeldkassierer, CDU Spender nicht preisgeben, und Mindestlohnverhinderer.

Und und und .........................!

Eine tolle Regierungsmannschaft.
Die Deutschen haben das, was sie gewählt und somit verdient haben.

Zurück in die Zukunft, kann man da nur sagen.
MfG,
Tobi
Sternchen2020 (24.10.2009, 13:58 Uhr)
Alles ist relativ
Sagt Schäuble: "Ich habe nur einmal gefehlt und Geld von einem Waffenhändler genommen."

Sagt Merkel: "Macht nichts, Wolfgang, Du hast mein Vertauen und ich belohne Dich für Deine Taten mit einem weiteren Amt. Du erhälst jetzt das wichtigste Ressort. Du wirst Bundes-Finanzminister."

Sagt Schäuble: "Danke Angela, es ist schön, ein Politiker zu sein."

Sagt die Verkäuferin: "Ich habe die Maultaschen gegessen, weil sie sonst auf den Müll gelandet wären. Und ich hatte Hunger.

Sagt der Chef:: "Du bist ein Dieb, Du kommst vor Gericht und bekommst nie mehr ein Bein an die Erde, dafür sorge ich.

Sagt die Verkäuferin: "Das Leben ist ungerecht. Wäre ich Politikerin, bekäme ich zur Belohnung das Landwirschaftsministerium".

Sagt der Chef: "Bestimmt nicht bei den paar Maultaschen, die Du verschlungen hast.".
laketahoe (24.10.2009, 13:56 Uhr)
Bitte nicht lächeln......
.....da wir einem doch kalt dabei, wenn die drei ihr schönstes Feiertagslächeln aufsetzen.

Was diese Leute für mich abbilden, ist der Umstand, dass wir zur Rentnerrepublik muteren. Man merkt das eben, dass kein Land der EU so überaltert ist wie Deutschland. Von den sechs Jahren Differenz zwischen den jungen Amerikanern mal ganz zu schweigen.

Ginge es nach den jungen Deutschen und könnte es ein deutscher Barack Obama bis zu einer Bundestagswahl schaffen, dann könnte Frau Dr. Merkel nicht mal mehr den Kaffee servieren.

Seehofer ist bräsig und unsympathisch; Merkel und Westerwelle sind die unechtesten Persönlichkeiten, die ich kenne. In diesem Alter hat man sich seinen entgleisten Gesichtsausdruck schon redlich verdient.
undueberhaupt (24.10.2009, 13:38 Uhr)
Na endlich!
Jetzt kann der Wolfgang endlich wieder seinen Geldkoffer entstauben. Er hat ihn ja wiederbekommen, von einem gewissen Herrn S., der seit kurzem wieder in der Republik verweilt, und ein wenig gesiebte Luft einatmet.
Sternchen2020 (24.10.2009, 13:34 Uhr)
Schäuble
Verschluckt werden sollte aber auch nicht, dass auf der Pressekonferenz neben Erläuterungen zum Koalitionsvertag auch Nachfragen anstanden. So wollte ein niederländischer Journalist wissen, was wir alle eigentlich wissen wollen: Wwarum Merkel einen Mann zum Finanzminister machen will, der vergessen habe, dass er einmal eine Million DM von einem Waffenhändler bekommen habe. "Damit spielt er auf Wolfgang Schäubles Verwicklung in die CDU-Spendenaffäre und sein mutmaßliches Treffen mit dem Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber an.

Merkel antwortet: "Weil diese Person mein Vertrauen hat." Zum ersten Mal gibt sich die Kanzlerin hörbar kühl. Auch auf mehrfaches Nachfragen lehnt sie einen weiteren Kommentar ab."

Hm......!

Asara (24.10.2009, 13:20 Uhr)
Wieviel Schulden?
das ist doch die Frage... was anderes konnte noch keine Regierung...alles Lug und trug....

Stern bitte ein Schuldenbarometer für Gelb Schearz eistellen....

Ach Ja... wurden 100% der Wahlversprechen gebrochen... bitte auch rechergieren...
BrunoK (24.10.2009, 12:56 Uhr)
Phönix aus der Asche
Nicht eine Zeile, wie denn die 24 Mrd Entlastungen finanziert werden sollen, man "hofft auf Wachstum".
Konkrete Fragen der Journalisten wurden nicht beantwortet, stereotypische Worthülsen und Standardformulierungen wie eh und je,
"Schutzschirme"(?) für Arbeitnehmer, Guido und Horst dutzen sich seit 02.15 Uhr und wollen sich gegenseitig bekochen.

Deutschland wird wie Phönix aus der Asche auferstehen.
jps-mm (24.10.2009, 12:35 Uhr)
Krisenhafte Situation in Deutschland
Merkel soll trotz fortgesetzter Menschenrechtsverletzungen schwerster Art erneut gewählt werden.

Der Schäuble schafft bewußt - mit Billigung der Merkel - ein Klima von Angst und Einschüchterung. Seit 2005 hat sich die Menschenrechtslage in Deutschland - nicht zuletzt durch das BKA-Gesetz - drastisch verschlechtert, die Bürgerrechtsverletzungen schwerster Art werden - mit Billigung der Merkel - unverändert fortgesetzt. Hinzu kommt, dass die Merkel systematisch die Strafverfolgung der dafür verantwortlichen Rechtsbrecher hintertreibt.

In Deutschland sind die Bürgerrechte schon vollständig ausgehöhlt und die letzten Restbestände der Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt. Und immer noch leugnen CDU-Politiker - wider besseren Wissens - die drastische Verschlechterung der Menschenrechtslage und die fortgesetzte Missachtung von Bürgerrechten schwerster Art in Deutschland.

Die Merkel muss weg.
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