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Habt Angst vor der eigenen Größe!

Der Erfolg der Piraten hat einen Grund: Jedes Mitglied darf den Kurs gleichberechtigt steuern, die Chefs wollen nichts bestimmen. Das führt zu einem Programm wie im Gemischtwarenladen - und geht nur so lange gut, wie die Partei klein bleibt.

Ein Kommentar von Philipp Elsbrock, Offenbach

In zehn Jahren, wenn die Piratin Marina Weisband als Kanzlerin regiert und ihre Partei die absolute Mehrheit im Bundestag stellt, sieht es in Deutschland ungefähr so aus:

Jeder bekommt 800 Euro vom Staat, jeden Monat, egal ob er arbeitet, ehrenamtlich alte Menschen pflegt oder in der Hängematte schaukelt. Willy von der Trinkhalle verkauft nicht nur Pils und Marlboro, er bietet auch Kokain und Gras in kleinen Tütchen an. Auf den Straßen fahren kaum noch Autos, dafür viele Busse und Fahrräder, die Straßenbahn hält an jeder zweiten Kreuzung.

Zugegeben, einiges davon scheint übertrieben, vielleicht kommt es auch nie so weit. Vollkommen utopisch ist es aber nicht, einige dieser Positionen haben die Piraten gerade auf dem Bundesparteitag in Offenbach beschlossen: Drogen sollen erlaubt werden, der Nahverkehr darf nichts mehr kosten, jeder bekommt ein festes Grundeinkommen. Manche Kombinationen sind ungewohnt: Hartz IV-Empfänger nicht zu bestrafen, wenn sie sich nicht um Arbeit bemühen, könnte auch eine Idee der Linkspartei sein. Sich gegen eine obere Grenze bei Managergehältern zu stellen, kennt man von den Liberalen.

Basisdemokratie als Markenkern

Was auf den ersten Blick nicht zueinander passt, ist in Wahrheit eine Folge aus dem Markenkern der Piraten: Basisdemokratie. Die Partei folgen dem absoluten Willen ihrer Mitglieder, und die sind ziemlich unterschiedlich: viele Computerexperten sind darunter, ehemalige Mitglieder der FDP, friedensbewegte Mütter, bärtige Kiffer.

Das spiegelt sich auch im Vorstand: Psychologiestudentin Marina Weisband sitzt dort ebenso wie Sebastian Nerz, der acht Jahre in der CDU war und Bioinformatiker ist. Von ihnen gibt niemand Positionen vor, die Idee des Leitantrags existiert nicht. „Wir handeln als Vorstand nicht geschlossen, sondern sind einfach sieben Piraten, die jeder eine Stimme haben“, sagt Weisband, die politische Geschäftsführerin. Delegierte lehnen die Piraten ohnehin ab.

Sie samplen sich lieber aus den Ideen ihrer Mitglieder ein Programm zusammen: Ein Tupfer grün, ein Schuss linke Romantik, ziemlich viel Freigeist.

Das passt gut zum unverbindlichen individuellen Lebenstil unserer Zeit, deshalb wird die Partei weiter wachsen. Und genau hier liegt das Problem. Wenn einmal nicht mehr nur 18 000 Piraten wie im Moment, sondern 50 000 den Kurs ihrer Partei direkt bestimmen möchten, stellt sich die Frage: Wie soll das funktionieren?

Spannendes direktdemokratisches Experiment

Schon jetzt dauert es bisweilen quälend lange, wenn die Piraten debattieren. Jeder möchte etwas sagen, und wenn es nur um einen Halbsatz im Antrag geht. Weil die Stadthalle in Offenbach nur 1500 Menschen fasst, kamen einige Piraten nicht rein, obwohl sie sich angemeldet hatten. Wenn irgendwann einmal 5000 mitdiskutieren wollen, droht das Chaos.

Das wissen auch die Piraten. Sie grübeln und haben Ideen, etwa dezentrale Parteitage an verschiedenen Orten, die über das Internet zusammengeschaltet werden. Darüber sollten sie sich weiter Gedanken machen. Denn wenn sie nicht garantieren können, dass jeder gehört wird, bricht der Partei ihr besonderer Charakter weg.

Das wäre schade. So ein spannendes Experiment über direkte Demokratie hat es seit den frühen Tagen der Grünen nicht gegeben. Und die hatten ja noch kein Internet.

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