. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
20. Juni 2008, 09:27 Uhr

Kurt Beck fühlt sich gemobbt

Politik auf dem kleinen Dienstweg, zwischen Rollbraten und Bier: "Da mache mehr gleisch Näschel mit Köppe." So regiert König Kurt in Rheinland-Pfalz. In Berlin wird er regiert, und das macht ihn krank vor Wut. Eine Sommerreise mit dem SPD-Vorsitzenden. Von Lutz Kinkel

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck ist auf Sommerreise durch Rheinland-Pfalz© Markus Schreiber/AP

Von hinten sieht Kurt Beck aus wie ein Preisboxer. Wuchtiges Kreuz, breite Schultern, borstiges, graues Haar mit zwei, drei Wirbeln. Ein stattlicher Mann, ein stolzer Sozialdemokrat, der sich von unten hochgearbeitet hat, der jetzt Parteivorsitzender ist und Ministerpräsident, und zwar in Rheinland-Pfalz, der ehemaligen Festung Helmut Kohls. Doch wer die Augen zusammenkneift, kann auf seinen Schultern ein paar Figuren sehen. Meinungsforscher. Journalisten auch. Merkelmänner, Sozialdemokraten und Oskar Lafontaine. Mit kleinen Spitzhacken bearbeiten sie sein Kreuz. Manchmal treffen sie einen Nerv und Kurt Beck schreit laut auf.

Die Nerven liegen blank

"Schreiben Sie über Ihren Artikel: Kurt Beck macht alles falsch. Dann haben sie es erledigt und können zur Sache kommen. Ich will Ihnen ja nur die Arbeit erleichtern." Abgang des SPD-Vorsitzenden. Wütend stapft er in eine unbevölkerte Ecke des Vorhofes der Maschinenbaufirma Minitec, Standort Waldmohr im Landkreis Kosel. Was war passiert? Eigentlich nichts. In einer Frage an Bernhard Bauer, Chef von Minitec, waren die Worte "Kurt Beck" und "Versäumnis" gefallen. Es ging darum, ob die Landesregierung mehr für Mittelständler wie Bauer tun könne. Beck schnappt im Vorübergehen einen Satzfetzen auf, wittert eine dieser verhassten Debatten über sein Berliner Wirken, bellt und geht. Ratlosigkeit bei den Anwesenden. Beck steht in der Ecke, die Nerven liegen blank. Er müsste aus der Ecke wieder herauskommen. Schnell. Bloß wie?

Eine Sommerreise mit Kurt Beck. Seit 1995 macht er das so. Packt zwei Dutzend Journalisten in einen Reisebus und fährt mit ihnen durch Rheinland-Pfalz, sein Königreich, das er seit den letzten Landtagswahlen mit absoluter Mehrheit regiert. Dem Land geht es gut, die Arbeitslosenquote liegt bei 5,5 Prozent, die Wirtschaft wuchs 2007 um 2,6 Prozent, beide Werte sind besser als der bundesweite Durchschnitt. Was die Bayern können und die Baden-Württemberger, das können wir auch, flöten die Mitteilungen aus dem Pressestaab der Mainzer Staatskanzlei - und so falsch ist das nicht. Hier gibt es nicht nur Woscht und Woi, sondern auch viel mittelständische, exportorientierte Industrie. Minitec ist natürlich ein Vorzeigunternehmen, der Chef lässt fleißig ausbilden und lehnt es ab, für seinen Dienstwagen auf dem Firmengelände einen Parkplatz reservieren zu lassen. Beck war vor seinem Wutausbruch durch die Firmenhallen gelaufen, hatte Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Schwätzchen gehalten. Niemand lacht hier über seine Vokuhila-Frisur, seine Anzüge und seinen Dialekt. Auch Bauer, der Firmenchef, sagt "Autsörsing", wenn er Outsourcing meint.

So schön kann Politik sein

Heimat. Hier kann Beck seine Stärken ausspielen. Er kann gut mit den "einfache Leut", er kann schlagfertig sein, sogar witzig, ohne Witze zu erzählen. Beim Textilmaschinenhersteller KSM schnappt er sich einen BH, der dort testweise zusammengeklebt wurde, hält ihn sich vor die Brust und sagt, so einen kaufe er sich auch. Klagt jemand über ein lösbares Problem (jeder hat was auf dem Herzen, wenn der Ministerpräsident kommt), pfeift Beck einen Mitarbeiter heran, der sich kümmern soll. Sein Stil, Menschen ernst zu nehmen, schnell und unbürokratisch zu helfen, hat ihn im Land populär gemacht. Bei größeren politischen Projekten organisiert Beck Diskussionsprozesse von unten nach oben, alle sollen mitreden, alles fließt in ein Konzept ein, darüber wird noch mal geredet, dann haut die Regierung die notwendigen Gesetze im Landtag mit ihrer Mehrheit durch. So erläutert es Beck auf den Busfahrten zwischen Waldmohr, Konken und Kusel, am Fenster huschen blühende Landschaften vorbei. So schön kann Politik sein.

Könnte. Abendessen auf der Wasserburg Reipoltskirchen, kleines Orchester, große Küche. Wieder platzt Beck nach einer eher belanglosen, ironischen Frage ("Die Partei steht also hinter ihnen?") der Kragen, Bitterkeit ergießt schwallweise sich über die weißen Tischdecken. Lässt er sich nicht ständig übertölpeln? Hat ihm nicht Jürgen Rüttgers die Verlängerung des Arbeitslosengeldes II eingebrockt, Andrea Ypsilanti seine unbedachten Äußerungen zur Linkspartei, Gesine Schwan ihm ihre Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten aufgezwungen? Ist er nicht längst ein Getriebener? Beck wird laut, so laut, dass sich sonst kaum noch etwas rührt. Er habe bei Gesine Schwan einen "Abwägungsprozess" durchgeführt. Dass seine Stellvertreterin Andrea Nahles Schwans Kandidatur vorzeitig favorisiert habe, sei nicht ausschlaggebend gewesen. Er habe gesagt: Wir äußern uns erst nach Horst Köhler, so sei es geschehen, er stehe zu seinem Votum. Bumms-Aus-Ende. Ungläubiges Staunen. Eigen- und Fremdwahrnehmung klaffen soweit auseinander, dass die Realität in einem schwarzen Loch zu verschwinden scheint.

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Patient SPD Die Jusos - eine zerrüttete Jugend

Die Zeit, als Deutschlands Polit-Jugend noch rockte, ist lange vorbei. Vor allem die Jusos sind seit Jahren in der Krise. Jetzt hat ihre Vorsitzende Franziska Drohsel eine neue, alte Parole ausgegeben: Sozialismus! Sie bringt sich damit selbst in Bedrängnis. mehr...

Aktionsplan zur Kinderarmut Beck will wieder in die Offensive

Endlich mal nicht um die K-Frage kreisen, endlich mal wieder über Themen und Konzepte reden - nichts anderes wollte Kurt Beck. Am Montag stellte er in Berlin einen Aktionsplan gegen Kinderarmut vor. Und sah nicht gut dabei aus. mehr...

Regierung CDU-Wirtschaftsrat kritisiert Staatswirtschaft

Kritik an der Arbeit der Großen Koalition: Der CDU-Wirtschaftsrat hat der Regierung vorgeworfen, auf dem Weg in eine Staatswirtschaft zu sein. Für viele beklagte Tendenzen sei die SPD verantwortlich. Aber auch Kanzlerin Angela Merkel sei nicht konsequent genug. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston