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14. September 2005, 10:00 Uhr

Der Mann für den Fall der Fälle

Wo Schröder drauf steht, könnte Steinbrück drin sein. Im Fall einer großen Koalition wird der Ex-Ministerpräsident als Vizekanzler und Minister gehandelt. stern.de hat den vielleicht entspanntesten Wahlkämpfer des Landes begleitet. Von Florian Güßgen

Kann offenbar schon jetzt gut mit dem politischen Gegner: Peer Steinbrück (r.) und sein Nachfolger in NRW, der CDU-Mann Jürgen Rüttgers© Federico Gambarini/DPA

Es ist eigentlich absurd. Überall reden sie sich die Köpfe heiß über eine große Koalition. Und jeder weiß, dass dieser Mann einer von denen ist, die es dann werden richten müssen - für die SPD, unter einer Kanzlerin Merkel. Minister könnte er werden, Vizekanzler gar. All das - und trotzdem scheint sich an diesem Tag kein Mensch für Peer Steinbrück zu interessieren.

"Steinbrück. Kompetent. Freundlich. Preiswert"

Halb vier. Ein trüber Nachmittag in Rheinbach, einem Städtchen unweit von Bonn. Vorhin hat es geregnet, jetzt ist der Himmel wolkenverhangen, die Luft feucht. Roter Sonnenschirm, Schröder-Flugblätter. Steinbrück, nunmehr Ministerpräsident a. D., steht an einem Infostand vor dem Raiffeisen-Haus in der Hauptstraße. Er verteilt Rosen. Er macht Wahlkampf, hier im traditionell schwarzen Kreis Rhein-Sieg. Für die Abgeordnete Ulrike Merten. Für die SPD. Für den Reformer Gerhard Schröder. Eine handvoll Leute umringen ihn. Zehn sind es, vielleicht auch weniger. Von den Passanten bleibt kaum einer stehen. Der Chef des Ortsvereins hat sich einen Lautsprecher mit Mikro besorgt. Mit hellem Trenchcoat und dunklem Hut preist er den Gast an wie ein Kirmes-Losverkäufer seine rosaroten Riesen-Teddies. "Rheinbach hat Besuch. Rheinbach hat hochrangigen Besuch. Rheinbach hat Besuch von Peer Steinbrück." Und er macht weiter. "Peer Steinbrück. Kompetent. Freundlich. Preiswert." Er sagt das wirklich, denn es hört ja ohnehin keiner hin. "Es ist einfach eine schlechte Tageszeit. Da haben die Leute anderes im Sinn", murmelt eine SPD-Ratsfrau entschuldigend.

"Er ist einfach ein Sympathieträger"

Steinbrück selbst ist das alles herzlich egal. Er ist völlig entspannt. Entspannter geht es eigentlich gar nicht. Er wirkt, als hätte er selbst Spaß an der Situationskomik - nur zeigen darf er das natürlich nicht. Deshalb spielt er den Wahlkämpfer. "Wissen sie überhaupt noch, wann sie ihrer Frau das letzte Mal Blumen geschenkt haben?", fragt er einen Passanten - und überreicht ihm eine Rose. "Wissen sie schon, was sie wählen?", fragt er einen anderen. Irgendwann nimmt er sogar selbst das Mikro in die Hand, spielt den Unterhalter. Er sagt, dass die anderen eine andere Gesellschaft wollen, dass sie den Bürgern vorgaukeln, das Land sei schwach. In Wirklichkeit aber sei es stark, das Land. So etwas sagt Steinbrück. Genauso gut könnte er sagen, die Russen hätten Rheinbach umzingelt. Seinem sarkastischen, trockenen Humor würde das entsprechen. Aber auch das lässt er. Natürlich. "Er ist einfach ein Sympathieträger," versichert die treue Ratsfrau. "Die Leute wollen, dass er eine Funktion übernimmt."

Wo jetzt Schröder drauf steht, könnte schon bald Steinbrück drin sein

Die Leute? Die Partei? Die Funktion? Steinbrück ist wahrscheinlich einer der entspanntesten Wahlkämpfer in der Geschichte dieser Republik. Irgendwie scheint er nicht dazu zu gehören zu dem ganzen Zirkus dieser Tage, dem aufgeregten Spekulieren über Bündnisse und Koalitionen. Denn eigentlich ist er draußen, eigentlich hat er im Mai eine verheerende Niederlage erlitten, eigentlich hat seine Abwahl diese Neuwahl-Lawine erst ausgelöst. Eigentlich ist Steinbrück ein Wahlverlierer. Eigentlich. Denn tatsächlich ist Steinbrück eine der größten Hoffnungen der SPD, zumal im Fall einer großen Koalition. Wo derzeit Schröder drauf steht, könnte schon am Abend des 18. September Steinbrück drin sein - als Minister, vielleicht sogar als Vizekanzler einer großen Koalition. Er weiß das. Ihn macht das noch entspannter.

In einer großen Koalition könnte Steinbrück (l.) als Merkels Vize Schröders Erbe verteidigen© Picture-Alliance

Versprochen hat er nichts

Der 58-Jährige kann ganz locker bleiben. Weder der Partei noch den Wählern ist er offiziell etwas schuldig geblieben, er hat offiziell nichts versprochen. Ein paar Mal ist er in den vergangenen Wochen in Berlin gesichtet worden. Das ja. Aber an öffentlichen Spekulationen hat er sich nicht beteiligt - und um ein Bundestagsmandat hat er sich auch nicht beworben. Lediglich vor dem Berliner Parteitag soll er bei den Netzwerkern, den Pragmatikern im SPD-Lager, gesagt haben, dass eine große Koalition nicht die schlechteste aller Lösungen sei. Steinbrück hat in der SPD einen guten Ruf. Und er weiß, dass die Partei für die Zeit nach dem Wahl-Sonntag nicht viele hat wie ihn. Die Personaldecke ist dünn. Kommt die große Koalition, ist Schröder weg. Müntefering wird bleiben, Otto Schily vielleicht, Peter Struck vielleicht - und dann wird es auch schon eng. Es gibt die Männer-Riege der Pragmatiker - Steinbrück, Olaf Scholz, Matthias Platzeck, dann gibt es noch den unberechenbaren Sigmar Gabriel und die Linke Andrea Nahles. Das ist nicht viel. Steinbrück und Scholz gelten als Verfechter der Agenda 2010, der Kanzler-Reformen. Beide sind sie Techniker, Leute, die sich in Details einfuchsen - das alles macht sie zu SPD-Kandidaten für eine großen Koalition. Steinbrück, ehemals Minister in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, Regierungschef in Düsseldorf, wirtschaftsnah - er wäre es, so die Überlegung, der auch den Spagat zwischen der Rolle des Gestalters und der des Aufpassers hinkriegen könnte. Er sehe sich ohnehin nicht als Mann der Legislative, heißt es. Eher als einen, der regiert, als Macher in der Exekutive. Auch deshalb könnte er es sein - der SPD-Mann für den Fall der Fälle.

"Wir bereiten die nächste Saison vor"

In Rheinbach scheint das alles an diesem Nachmittag unendlich weit weg. Von den Leuten am Infostand hat sich Steinbrück verabschiedet. Strammen Schrittes ist er hinüber gelaufen zum "Himmeroder Hof", einem Restaurant. Eigentlich soll hier in der Stube ein Gespräch stattfinden, mit der Lokalpresse. Gekommen ist zunächst keiner, nur ein Fotograf, der offenbar auch nicht so richtig weiß, was das alles soll. "Können Sie mir in drei Sätzen sagen, worum es hier heute geht?", fragt er Steinbrück, dem die Journalisten noch im Mai in Bussen hinterherfuhren. "Wir sind hier zusammengekommen, um die nächste Spielsaison der Fußball-Bundesliga vorzubereiten", antwortet er gelassen - und isst Kuchen.

Erst respektierten sie ihn, jetzt wird er geliebt

Irgendwann an diesem Tag sagt Steinbrück, er wolle die Wahlfreiheit haben. Er meint damit nicht die Wahl am Sonntag, sondern die Wahl zwischen einem Leben in der Politik und einem Leben außerhalb. Vorstellen kann er sich das. Bestens. Das Landtagsmandat, das er immer noch hat, dürfte ihn kaum ausfüllen. In keinem Fall. Wahlfreiheit? Sehr kokett klingt das. Steinbrück ist Stratege genug, um zu wissen, dass es nur eine Auszeit ist, die er sich genommen hat, eine Art "Sabbatical", eine kurzzeitige Freistellung. Tatsächlich steht er gegenüber der Partei in diesen schweren Tagen in der Pflicht. Zu sehr sind sie zusammengewachsen - er, der früher als Oberlehrer verschrien war, als hölzerner Bürokrat, und die SPD, seine Partei. Wie Schröder in diesem Spätsommer hat Steinbrück im Frühjahr in schier aussichtloser Position nicht aufgegeben, hat ihnen immer wieder Mut gemacht, hat durch seine persönlichen Sympathiewerte das katastrophale Ergebnis in ein schlechtes verwandelt. Aus "dem Steinbrück" wurde so "der Peer", der ihnen das Herz wärmte, den sie nicht nur respektieren, sondern jetzt auch lieben. Seit 1969 ist er in der SPD. Jetzt wird er sie wohl kaum hängen lassen.

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