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27. August 2008, 08:06 Uhr

Die SPD, die Pest und die Cholera

Er liebt Filme, Rotwein, Cash - und deutliche Worte. Im stern-Interview lederte Finanzminister Peer Steinbrück gegen Pessimisten, die eine Rezession an die Wand malen. Und griff seine Genossin Ypsilanti frontal an: "Ich halte die Risiken in Hessen für unvertretbar." Von Andreas Hoidn-Borchers

"Reden wir über Batman": Finanzminister Peer Steinbrück© Clemens Bilan/ddp

Peer Steinbrück war im Urlaub, in der Schweiz, schwimmen, wandern. Er hat dabei drei Kilo verloren, aber nicht seinen Biss und seine Angriffslust. "Also, wir reden über die Bundesliga und den neuen Batman-Film, oder?", frotzelte er die stern-Redakteure zu Beginn des Gesprächs in seinem Ministerbüro an. Es gibt ja in der Tat Erfreulicheres, als über die SPD zu sprechen. Das machte der Finanzminister und stellvertretende SPD-Vorsitzende dann aber doch - und das in einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. So klar und scharf wie Steinbrück im jüngsten stern hat sich noch keiner aus der engeren Parteiführung von der Genossin Andrea Ypsilanti abgegrenzt, die sich im Herbst mit den Stimmen der Linken zur Chefin einer rot-grünen Minderheitsregierung in Hessen wählen lassen will.

"Ich halte die Risiken der politischen Szenarien in Hessen für unvertretbar", sagte Steinbrück nun dem stern. "Wir stehen zwischen Pest und Cholera." Sollte Andrea Ypsilanti zur Wahl antreten und verlieren, "wird das sie selbst, die SPD in Hessen und die Bundes-SPD vor der Bundestagswahl schwer beschädigen". Werde sie gewählt, "ist sie abhängig von der Linken und den Traumata des Herrn Lafontaine. Sie begibt sich in die Hände einer Partei, die Einfluss ohne Verantwortung, ohne jede Verpflichtung hätte, die wöchentlich dafür sorgen kann, dass Regierungsfähigkeit wieder verloren geht."

Kein Interesse an Rebellion

Indirekt empfahl Steinbrück, die Linke - wenn schon, denn schon - wenigsten formal in die hessische Koalition einzubinden: "Es stört mich, dass die Linke nicht in eine politische Haftung genommen werden würde. Darauf hat Franz Müntefering schon im Februar hingewiesen." Allerdings bezweifelt Steinbrück, dass das Linken-Chef Oskar Lafontaine wolle. Auch die hessische Linke hat bereits abgewunken: Mitwählen ja, tolerieren ja, aber keine Koalition. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Die Möglichkeit eines rot-roten Bündnisses auf Bundesebene schloss SPD-Vize Steinbrück dagegen rigoros aus. Die Linke ist ihm zutiefst zuwider. Er könne sich angesichts der Zwangsvereinigung von KPD und SPD, verfolgten Sozialdemokraten in der DDR und des verschobenen SED-Vermögens "nicht vorstellen, mit Leuten auf einer Bank zu sitzen, die zum Teil mitverantwortlich waren, diese Geschichte nicht aufarbeiten und sich nicht davon distanzieren", sagte er dem stern. "Das geht mir gegen den Strich."

Seinen Hang zu Scherz, Ironie und Sarkasmus samt tieferer Bedeutung ließ Steinbrück im stern-Gespräch immer wieder aufblitzen, wenn es um seine Partei ging. Die Agenda 2010? Deren Notwendigkeit habe die SPD im Kopf begriffen, im Bauch noch nicht - und muss zu allem Übel "feststellen, dass die Reformen zwar für unser Land notwendig waren, wie aber dafür nicht belohnt worden sind". Ob er keine Rebellion fürchte, falls Kurt Beck Kanzlerkandidat werden wolle? "Wieso? Die SPD hat ein Interesse daran, stark in die Bundestagswahl zu gehen und sich nicht selbst zu beschädigen." Nachfrage: Seit wann denn das? Antwort: "Seit jeher." Pause. "Gelegentlich ist es uns auch gelungen."

Keine Konjunkturprogramme

Auch den Untergangs-Propheten in Wirtschaft, Politik und wirtschaftspolitischen Instituten gab Steinbrück einen mit. Die deutsche Wirtschaft sei besser aufgestellt als vor fünf Jahren, "besser als die britische, die amerikanische oder japanische", sagte der Finanzminister. Sein Haushalt sei gut kalkuliert. "Es gibt Abwärtsrisiken, die ich nicht unterschätze. Aber ich widerspreche allen, die schnellzüngig eine Rezession herbeireden. Wir sind in keiner Rezession." Er lehnt es entschieden ab, staatliche Maßnahmen gegen das abschwächende Wirtschaftswachstum zu ergreifen. Dies hatten in letzter Zeit sowohl Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wie auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) gefordert. "Mit kurzatmigen Konjunkturprogrammen wird nur Geld verbrannt", sagt der Finanzminister. "Ich erinnere, wie das in den 70-er und 80-er Jahren gelaufen ist. Die Schulden sind gestiegen, der Abschwung kam trotzdem."

Dafür brachte Steinbrück im stern-Interview die Einführung eines Freibetrags bei den Sozialabgaben analog zum Steuerfreibetrag ins Spiel. Steuerentlastungen würden den unteren Einkommensschichten wenig nutzen, da sie kaum Steuern zahlen, "sie zahlen aber sehr hohe Abgaben", so Steinbrück. "Wir gucken uns verschiedene Varianten an, wie man das ändern könnte. Ein Freibetrag ist dabei eine denkbare Möglichkeit." Dies werde allerdings erst im Wahlkampf ein Thema.

Keine Benzinsubventionierung

Kein Herz und wenig Verständnis hat der Finanzminister dagegen für Forderungen, die Bürger angesichts hoher Energiepreise zu entlasten. "Ich werde den Menschen keine Subventionierung der Benzin- und Dieselpreise versprechen", sagte Steinbrück. "Ich tu´s nicht, auch auf die Gefahr hin, dass die Menschen sagen, den Steinbrück mag ich nicht. Ich verspreche nichts, um über die nächste Wahl zu kommen. Wir brauchen mehr Ehrlichkeit." Die einzige Konsequenz sei: "Wir müssen unser Verhalten ändern, uns anpassen", nämlich "energieeffizienter werden, Häuser besser dämmen, Kraftwerkstechnik verbessern".

Am Schluss machte Steinbrück klar, dass er gerne auch nach der Wahl Finanzminister bleiben würde. 2011 soll laut der mittelfristigen Finanzplanung erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Haushalt aufgestellt werden, der ohne neue Schulden auskommt. Den würde er gerne selber vorlegen. "Ich fände, das wäre ein guter Abschluss. Das sollte ich nicht anderen überlassen."

Das komplette Interview...

Das komplette Interview... ...mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück lesen Sie im neuen stern.

Von Andreas Hoidn-Borchers
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
ganzbaf (29.08.2008, 23:05 Uhr)
Zusammen 48...

Prozent!
Ja, könnte hinkommen! (-;
.
Und inkl. den Grünen (auch überwiegend Ex-SPD Klinetel) wären sogar 60% drin...! ;-Pp
Katastrophenjunkie (29.08.2008, 12:31 Uhr)
da bleibt eigentlich nur noch...
...das Parteiausschlußverfahren, oder?
Wer sich getraut, in der SPD eine von der neuen linken Richtung abweichende Meinung zu haben und die auch noch öffentlich zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen! Raus aus der SPD mit ihm!
.
Wenn alle Realpolitiker aus der SPD verschwunden sind und die neuen Linken endlich unter sich sind, wird die SPD sicher wieder 48% bekommen - oder die Linken :-P
sternenhagel (29.08.2008, 04:50 Uhr)
Giftig
Die Pestbeulen am Leibe der verfaulten SPD platzen und sondern ihr giftiges Sekret ab. Rette sich wer kann vor diesem Lobbyfizierten Giftspritzen.
Westerle.Merkwelle (28.08.2008, 22:26 Uhr)
Steinbrück sollte sich zurückhalten
Steinbrück täte gut daran, sich in Sachen Hessen mal eines Kommentares zu enthalten. Nur eine Regierungsbildung in Hessen mit den Grünen und unter Duldung der Linken kann die hessische SPD davor bewahren, in den Abwärtssog der Bundespartei zu geraten.
Ihre Behauptung, dass die hessischen Wähler eine solche Regierung ablehnen, halte ich für völlig absurd. Ich tue das nicht und in unserer Straße kenne ich auch niemanden .Allein schon durch die Aufhebung der Studiengebühr an den hessischen Schulen hat sich für meine Familie für für viele andere die Wahl der Linken gelohnt. Ohne sie müssten wir jetzt 1000€ extra im Jahr zahlen. Und das bei sinkender Kaufkraft und stagnierenden Löhnen!!
gerdkallweit (28.08.2008, 17:18 Uhr)
Flickschusterei
Die SPD kündigt einen Schritt in die richtige Richtung an, wenn sie die Sozialversicherungsabgaben senken will. Den Schritt aber erst wagen zu wollen, wenn das Wirtschaftswachstum zusätzliche Steuereinnahmen beschert – diese Einschränkung lässt nicht hoffen, dass hier ein neuer Weg eingeschlagen werden soll. Vielmehr bleibt es bei Flickschusterei.
Unser Sozialsystem krankt an der Bindung der Beiträge an die Arbeitnehmer. Die Unternehmen müssen die Beiträge aufbringen und – auf dem Umweg über die Gehaltsabrechnung – zahlen. Dadurch sind nur die Arbeitgeber belastet. Durch die Bindung der Beiträge an Arbeitskraft und Gehalt werden personalintensive Unternehmen benachteiligt; Personalabbau und Lohndumping werden belohnt. Eine von allen Unternehmen und Selbstständigen aufzubringende Sozialsteuer könnte sowohl die Lohnsteuer als auch die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ersetzen. Sie wäre am Umsatz zu bemessen, unabhängig von der Zahl der Beschäftigten.
In meinem gerade erschienenen Buch „Verantwortung vor Gott? – Warum die Menschheit Werte und Konzepte selbst entwickeln muss“ (ISBN 978-3-8334-7730-0) habe ich dargelegt und mit Zahlen untermauert, dass eine entsprechende Umstellung des Systems durchaus machbar wäre.
Mainz, am 28.8.08, Gerd Kallweit
Salzsteuer (28.08.2008, 16:33 Uhr)
Rot/rot auf Bundesebene ??
Warum nicht, mit der SPD als Juniorpartner.
frank77777 (27.08.2008, 15:42 Uhr)
@berlin0110
Nochmal ! Ich habe von Sklaven Hartz IV
gesprochen ! gesunde Hartz IV arbeiten entweder für ein Euro oder bei der Zeitarbeit für Appel und Ei.
So wenig dass Sie dennoch vom Amt drangsaliert werden.
Falls Sie ein Bonze sind, spenden Sie
Ihre Kohle doch den IKB Zockern, wenn Sie den H IV keine Lohn zu Leben gönnen.
Erek (27.08.2008, 15:13 Uhr)
Man muss mal einiges sagen
Schröder hat den Riesenfehler gemacht, dass Leute, die als Ministerpräsidenten Wahlen verloren, sozusagen vom Wähler weggejagt wurden, kurz darauf im Bundeskabninett als Minister auftauchten. Ich nenne die Namen Klimmt, Eichel, Gabriel, Steinbrück.
Diese Leute glaubten und glauben, sie seien superschlau. Ich gebe mein Wort: sie sind es nicht wirklich. Was sich derzeit dieser Arschkriecherverein der Seeheimer leistet, ist ja eigentlich nur innerparteilich relevant, betrifft aber letztendlich das ganze Volk. Wer soll die sozialen Belange des Volkes in D vertreten? Die Stoppelhopser der GRÜNEN? Die von Industrie und Hochfinanz "Gestopften" von Union und FDP? Die NEO-Kommunisten plus Konsorten?
Mächtige Medienkonzerne und andere Lobbyistengesteuerte versuchen, die Macht der deutschen Oligarchen zu stabilisieren.
Fakt ist jedenfalls: Der Masse des Volkes geht es hier und heute deutlich schlechter als Mitte 2005. Dies sollte Grund genug sein, Merkel und Konsorten die rote Karte zu zeigen!
knilch_59 (27.08.2008, 15:06 Uhr)
Schuster, bleib bei Deinen Leisten!
Steinbrück – als Bundesfinanzminister geben Sie eine ordentliche Figur ab, aber alles darüber hinaus sollten Sie sich von der Backe putzen. Ich kann sogar verstehen, warum Sie SPD-Mitglied sein wollen: In der Partei gibt es sonst nicht so viele, deren mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten über das kleine Einmaleins hinausgehen. Und als Oberbuchhalter sollte einem Politik egal sein – in diesem Rahmen machen Sie ihren Job gut und die Mitgliedschaft in der SPD war Ihrer persönlichen Karriere förderlicher als in einer anderen Partei.
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Aber gestaltende Politik sollten Sie Menschen überlassen, die sich damit auskennen – Sie sind nur dafür zuständig das Geld dafür ranzuschaffen – und das ist auch gut so. Es spricht für die desolate Situation der SPD, so was wie Sie zum Parteivizen zu küren. Das ist wie Dieter Bohlen als Familienminister,
.
Hätten Sie geschwiegen, wären Sie ein Weiser gewesen. Gehen Sie lieber ins Kino, sehen sich Batman als dunklen Ritter an und träumen davon, im nächsten Leben ein Anderer sein zu können!
whismerh2 (27.08.2008, 14:54 Uhr)
fehlende Glaubwürdigkeit
Mehreinnahmen trotzalledem kein Konzept wie man mit diesem Geld den Schuldenabau vorantreiben könnte.
Die Konzerne werden geschont, oder wie die IKB sarniert, das Volk wird ausgepresst.
Ausgaben des Bundeshaushaltes steigen weiter.
Damit ist alles gesagt.
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