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"Bitte, bitte, bitte bleibt gewaltfrei!"

Die Anti-Islam-Bewegung Pegida in Dresden wächst und wächst – den Organisatoren über den Kopf? Eine friedliche Demonstration scheint immer schwieriger.

Von Anna-Beeke Gretemeier, Dresden

Neben Deutschlandflaggen wehen an diesem Montag auch die französischen Nationalfarben über den Skatepark an der Lingnerallee in Dresden. Transparente mit Aufschriften wie "Heute Paris morgen Dresden?" flankieren den Himmel. Allein das Flattern der Stoffflaggen und Pappplakate im orkanartigen Wind ist zu vernehmen, als Pegida-Begründer Lutz Bachmann um 18:46 Uhr zu einer Schweigeminute aufruft: "Lasst uns gemeinsam aller Opfer des religiösen Fanatismus gedenken. Dresden zeigt wie es geht."

"Ich bitte Euch jetzt um einen Moment des Gedenkens für alle Opfer jeglicher Art des religiösen Fanatismus auf dieser Welt! Dresden zeigt wie es geht." Es ist die zwölfte Kundgebung der Patriotischen.

Es ist die zwölfte Kundgebung der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Und wie erwartet, begründen die Organisatoren die Daseinsberechtigung der Anti-Islam-Bewegung mit dem Terroranschlag in Frankreich auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo".

"Wir demonstrieren gewaltfrei!"

Wer sich zuvor gefragt hat, was der Terrorzug dreier Islamisten in Paris bei Pegida auslöst, hat in Dresden eine klare Antwort bekommen: Es haben sich so viele Menschen zur rechtspopulistischen Demo versammelt wie nie zuvor. Die Dresdener Polizei spricht von 25.000, die Pegida-Organisatoren von 40.000 Demonstranten. So oder so sind es erneut viel mehr als die Woche zuvor.

Pegida-Gründungsmitglied Kathrin Oertel ruft übers Megafon unter lauten Jubelrufen eine Kriegserklärung gegen den Islam aus: "Seit dem 07.01. ticken die Uhren in Europa anders." Und beeilt sich, die Menge kurz danach anzuhalten: "Trotzdem: Wir demonstrieren gewaltfrei! Bitte, bitte, bitte, bleibt dabei."

Als das erste Mal der so typische "Lügenpresse!"-Gesang angestimmt wird, greift Lutz Bachmann ebenfalls ein und ruft schnell: "Nein, heute nicht." Auch ihm scheint klar: Sich mit den getöteten Pariser Journalisten zu sympathisieren, dann aber an anderer Stelle wieder gegen die "System-Medien" zu hetzten – so etwas kommt nicht gut an und wirkt schnell unglaubwürdig.

Hooligans gegen linke Gegendemonstranten

Auch an anderer Stelle wird das Konzept der Pegida-Organisatoren durchkreuzt: Anstelle eines geplanten schweigenden Trauermarsches, liefern sich geschätzte hundert Hooligans, die sich unter die sonst weitestgehend friedlichen Pegida-Anhänger gemischt haben, einen verbalen Schlagabtausche mit den linken Gegendemonstranten. Provozierende Brüll-Parolen und Andeutungen von Handgreiflichkeiten fordern die Polizei. Einige Züge der Hundertschaften wirken gestresst und etwas chaotisch, behalten am Ende aber die Lage unter Kontrolle.

Wie bereits am vergangenen Montag bemühen sich die Pegida-Ordner und -Organisatoren durchgehend um Ruhe und einen respektvollen Umgang mit Polizei und Gegendemonstranten. Ausschreitungen und Rangeleien sind nicht gewünscht. Sie würden dem Image der propagierten "friedlichen Bürger-Bewegung" schaden und wahrscheinlich gerade die zahlreich erschienenen älteren Mit-Demonstranten schnell vergraulen. Denen ist das Gerangel in der Masse auch so schon zu viel.

Etliche Grüppchen gucken sich das Geschehen von weiter abseits an, "ohne das ganze Geschuppste". Diejenigen, die nicht so schnell mitmarschieren können, fallen beim anschließenden Lauf durch die Innenstadt zurück. Die Abschlusskundgebung verzögert sich um fünfzehn Minuten, bis man beschließt nicht mehr länger auf die Nachzügler zu warten. Eine neue organisatorische Herausforderung ist geboren. Wie werden sehen, wie lange Dresden ihr noch gewachsen ist.

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