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"Na, du linksintellektuelle Prostituierte!"

Unsere Autorin war am Montag zum ersten Mal auf einer Pegida-Demo in Dresden. Jetzt sitzt sie wieder in Hamburg am Schreibtisch. Und wird diese Szenen nicht los.

  15.000 Menschen waren auf der Pegida-Demo in Dresden - so viele wie noch nie

15.000 Menschen waren auf der Pegida-Demo in Dresden - so viele wie noch nie

Szene 1

Ich bin wieder zurück aus Dresden. In meinem Büro in Hamburg. Wenn ich mich ans Fenster stelle, kann ich den Hafen sehen. Ich habe immer noch diese Bilder im Kopf und diese Sätze im Ohr: "Lügenpresse!" "Wir sind das Volk!"

15.000 Menschen: Die Pegida-Demo beginnt Montagabend an einer beschmierten Halfpipe in Dresden. Ein Skatepark als Treffpunkt. Hier sammeln sie sich und halten Plakate hoch. Um mich herum schwenken Menschen Deutschlandflaggen, einige tragen Deutschlandkrawatten, andere halten Deutschlandlaternen. Irgendjemand ruft: "Keine Scharia in Europa!" Auf einem Plakat steht: "Alibaba und die 40 Dealer".

Ich krame mein Notizbuch aus der Tasche. Ein Mann kommt und sagt: "Na, du linksintellektuelle Prostituierte?" Ich sage: "Meinen Sie mich?" Er: "Na, du bist doch von der Lügenpresse!" und zeigt auf meinen Block. "Nee", sage ich, "von der Lügenpresse muss jemand anderes da sein, ich bin vom stern." "Sag ich doch", sagt der Mann und verschwindet.

Szene 2

Ein anderer alter Mann: "Wofür schreiben Sie?"
Ich: "Für den stern."
Er: "Mein Beileid. Aber Sie sind ja noch jung, Sie können doch noch was aus Ihrem Leben machen!"
Ich: "Was soll ich denn machen?"
Er: "Im Internet schreiben."
Ich: "Was soll ich denn im Internet schreiben?"
Er: "Mal zur Abwechslung die Wahrheit!"
Ich: "Aber im Internet schreiben doch nicht alle Menschen nur die Wahrheit?"

Dann sagt er irgendwas von Gleichschaltungspresse, Besetzung, Henri Nannen, Hitler und Amerika. Und er sagt, dass ich immer lügen müsse. Dass das mein Job sei, die Lügen der Amerikaner zu verbreiten. Und dass ich eigentlich staatenlos sei und dass ich mich schämen soll.

Ich sage ihm: "Ich muss nicht lügen."
Er: "Doch."
Ich: "Nein."
Er: "Doch."
Ich: "Nein."
Er: "Entweder sind Sie dumm oder Sie lügen schon wieder!"
Dann spuckt er mir vor die Füße.

Szene 3

Ich spreche einen Mann an, der neben mir steht, und frage, warum er hier ist. Er sagt, es ginge nicht so weiter. Ob ich von dem Roma-Haus in Duisburg gehört hätte? Da würden "die alles zukacken". Seiner Meinung nach sei da "alles zugekackt". Dabei gibt es das so genannte "Romahaus" in Duisburg überhaupt nicht mehr, aber das stört den Mann nicht.

Er sagt jetzt: Kreuzberg. Kreuzberg also, die Dealer, die Asylbewerber. Er habe da eine ZDF-Reportage gesehen. Grauenvoll. Man müsse was tun. Und als ich frage: "Was?", da sagt er, mit der NPD sei er voll einer Meinung, nur ein Problem gebe es da: deren Forderungen seien ihm noch zu lasch. Schließlich machen die ganzen Asylbewerber hier nur "Urlaub auf Rauschgift."

Ich frage den Mann, ob ich ihn zitieren darf und er sagt, ja, als "einen besorgten Bürger der Stadt Dresden". Der Mann hat einen polnischen Akzent. Ich sage dem Mann, dass in Dresden ja kaum Migranten leben würden und dass es hier auch keine Kreuzberger Verhältnisse gebe und er sagt, das stimme, aber das sei eben genau so, weil sie es erst gar nicht so weit kommen lassen wollen.

Ich muss an den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick denken und an dessen Geschichte mit den verscheuchten Elefanten. Die Geschichte in dem Buch "Anleitung zum Unglücklichsein" geht so: Ein Mann klatscht in die Hände. Als ihn jemand fragt, warum er das tue, erklärt er: "Um die Elefanten zu verscheuchen." Darauf erwidert der andere: "Elefanten? Hier sind doch gar keine Elefanten!" Dann sagt der in die Hände klatschende Mann: "Na, also! Sehen Sie? Es funktioniert doch!"

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