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Immer noch im Tal der Ahnungslosen

Dresden ist dabei zum größten Stammtisch der Republik zu werden und das Image Deutschlands zu ruinieren. Selbst mitten in Myanmar wundert man sich über die Parolen von Pegida.

Ein Kommentar von Andreas Petzold

Am Montagabend waren in Dresden rund 15.000 Menschen einem erneuten Demonstrationsaufruf von Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes") gefolgt

Am Montagabend waren in Dresden rund 15.000 Menschen einem erneuten Demonstrationsaufruf von Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes") gefolgt

Der Mann ist Amerikaner, und wir warten auf kargem Metallgestühl in der kleinen, schwül-warmen Flughafen-Halle von Bagan, mitten in Myanmar, eine Flugstunde nördlich von Rangun. Rasch tauschen wir die üblichen Freundlichkeiten aus. Was machen Sie? Aha, Journalist. Aha, Rohstoff-Händler, auch auf Urlaubsreise. Dann kommt's ziemlich schnell. Er habe da ein paar Sachen über Deutschland gelesen ... Was denn da los sei, in Dresden? Wieso da alle gegen Ausländer seien, ob diese "Guys" da in Sachsen eine neue Partei sind ...? Ich bemühe mich, die Dinge ein wenig einzuordnen, aber sein Flug wird aufgerufen. Schnell greife ich auf das Zitat von Heiko Maas zurück: "Pegida ist eine Schande für Deutschland ... Aber es ist nicht Deutschland", gebe ich ihm mit auf dem Weg, "so wenig wie die Tea Party Amerika repräsentiert!"

8000 Kilometer von zuhause entfernt holt mich also dieser radikale Haufen am anderen Ende der Welt ein. Eine Schande für Deutschland? Zuallererst sind diese 15.000 so genannten Montags-Demonstranten (was für eine Geschichtsvergessenheit) eine Schande für Dresden, diese großartige Residenzstadt mit einem atemberaubenden Kulturerbe, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Hände vieler Könige und Kriegsfürsten gegangen ist, die im Zweiten Weltkrieg 500.000 Kriegsflüchtlinge aus dem Osten aufgenommen hat und die während der großen Elbflut 2002 auf die Solidarität des ganzen Landes bauen konnte. Nun ruinieren ein paar Tausend Bürger aus dem Elbflorenz den Ruf ihrer Metropole, als säßen sie immer noch im Tal der Ahnungslosen.

Unaufgeklärte Deutschtümelei

Sie sollten vor allem mehr über den Islam wissen, als dass er dazu führt, dass im Nordirak Frauen und Kinder niedergemacht werden oder dass ein Schiit in Sydney ein Café in ein Schlachtfeld verwandelt. Sie sollten zumindest wissen, dass der Islam missbraucht wird: Für die blutrünstigen Träume jener, die sich als Reinkarnation der Kalifat-Kämpfer aus dem 12. Jahrhundert verstanden wissen wollen. So wie Kreuzritter und Inquisiteure, die im Namen Christi und des Papstes gemordet haben.

Verfolgt man die Äußerungen von Pegida-Kundgebungsteilnehmern, begibt man sich auf einen Schleuderkurs in die Tiefen unaufgeklärter Deutschtümelei. Meistens beginnen die Sätze mit "Ich habe ja eigentlich nichts gegen Ausländer, aber ..." Dann folgen die üblichen Blödheiten, dass beispielsweise Deutschland Millionen für Flüchtlinge ausgibt, aber die Rente nicht mehr sicher ist.

Eingerahmt von wehenden Deutschland-Fahnen wird alles unter Generalverdacht gestellt: Die "kriegstreibende" Regierung, die "gleichgeschalteten" Medien, die Parteien, die bloß missliebige Volksentscheide unterbinden, die Nato, die uns in einen Krieg mit Russland treibt und der Islam, dem das Verbrechen praktisch innewohnt. Der angeblich zwingende Zusammenhang zwischen Religion und Kriminalität ist zwar nicht ersichtlich (oder hat schon mal jemand ausgerechnet, wie viele deutsche Protestanten und Katholiken straffällig werden?), aber macht ja nichts. Fast schon komisch ist die Forderung der Dresdner Protestler nach dem Erhalt der "christländischen Abendlandkultur". Denn Statistiken zufolge sind 80 Prozent der Dresdner gar nicht konfessionell gebunden. Macht ja nichts, klingt halt gut. Ach ja, und dann noch die städtischen Rasenflächen, die von Ausländern zertreten werden ...

Toleranz ist auch Pegida nicht ganz fremd

Und mit der Behauptung, sie kämen "aus der Mitte der Gesellschaft", wollen die Pegidas einen schützenden Kordon um ihren Sumpf ziehen. Bislang war das ein gängiger Slogan der AfD, der sich längst entzaubert hat. Aber macht ja nichts. Da kann man sich halt toll verstecken, in der Mitte der Gesellschaft. Auf diesen ideologischen Selbstbetrug fallen nun auch noch einige Politiker rein, die das Pegida-Geschwurbel "ernst nehmen" wollen. Bitte nicht!

Dass laut Bundesministerium für Arbeit diesem Land schon bis 2020 fast sechs Millionen Erwerbstätige fehlen werden, wird einen strammen Pegida-Fan nicht anfechten. Jedoch: Zuwanderung, Demografie, Bildung, Asylpolitik - all diese komplexen Zukunftsthemen lassen sich nicht auf Transparentsprüche reduzieren. So lange die Pegida-Marschierer sich nicht einmal auf Diskussionen einlassen wollen, fällt es schwer, sie ernst zu nehmen.

Ist ihnen, diesen "bürgerbewegten" Demonstranten von Dresden, eigentlich klar, dass sie ihre Stadt gerade zum größten Stammtisch der Republik machen? Man kann nur hoffen, dass die schweigende Mehrheit von Dresdens Einwohnern nicht länger schweigt und sich nicht zum neuen deutschen Zentrum für Ausländerfeindlichkeit machen lässt. Immerhin: An der Indifferenz dieses Dresdner Meinungsklumpens liegt es vermutlich, dass die Ansteckungsgefahr des Pegida-Virus bislang gering ist. Ein paar hundert Anhänger sind es in wenigen anderen Städten, dabei bleibt es hoffentlich auch. Und die Pegidas seien daran erinnert, dass ihnen Toleranz eigentlich doch nicht so fremd ist: Immerhin haben sie ja mit Lutz Bachmann einen mehrfach Vorbestraften als Wortführer akzeptiert. Weiter so!

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