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Schlagabtausch mit Schlagersänger

Roland Kaiser schafft, was Politikern, Journalisten und Gegendemonstranten bisher nicht gelang: Er verunsichert die Pegida-Anhänger.

Von Anna-Beeke Gretemeier, Dresden

  Sänger Roland Kaiser hat vor der Frauenkirche in Dresden auf einer Kundgebung unter dem Motto "Für Dresden, für Sachsen - für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander" gesprochen

Sänger Roland Kaiser hat vor der Frauenkirche in Dresden auf einer Kundgebung unter dem Motto "Für Dresden, für Sachsen - für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander" gesprochen

Bei jeder Pegida-Demonstration kommt irgendwann der Punkt, wo einzelne Persönlichkeiten öffentlich angesprochen, angegriffen oder niedergemacht werden. An diesem Montag ging es nicht etwa um Justizminister Heiko Maas (SPD), der die Pegida-Anhänger kürzlich als "Heuchler" bezeichnete und von einem "widerlichen" Ausschlachten des Pariser Anschlags sprach. Auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der forderte, die Montagsmärsche aufgrund der Pariser Terrorangriffe auszusetzen, wurde verschont. Ein deutscher Schlagersänger war das Ziel von Verunglimpfungen.

Das Zugpferd wechselt den Stall

Es ist ein besonderer, sehr persönlicher Moment für die Pegida-Bewegung: Ihr Volksheld Roland Kaiser hatte sich am Wochenende als unumstrittenes Zugpferd der von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) organisierten Kundgebung vor 35.000 Dresdnern gegen die Anti-Islam-Bewegung Pegida ausgesprochen. Kaiser rief dazu auf, der "Angst vor dem Unbekannten Neugier" entgegenzusetzen und sich "vorbehaltlos auf Menschen einzulassen". Souverän erteilte er Pegida damit eine Absage und enttäuschte tausende Fan-Herzen. Denn ganz ohne sein Zutun wurden seine Melodien, die jedes Jahr an die 40.000 Menschen an die Elbwiesen locken, auch zum Soundtrack der Anti-Islam-Bewegung.

"Zu dem Kaiser gehen wir nicht mehr hin"

Pegida-Mitbegründerin Kathrin Oertel wirkt sichtlich verletzt, als sie sich vor ihren 25.000 erschienen Anhänger als "großer Kaiser-Fan" outet: "Und jetzt noch etwas Persönliches, was mich sehr enttäuscht hat", setzt sie an. "Lieber Roland Kaiser, seit Jahren verfolge ich Ihre Musik. Ich war ein großer Fan von Ihnen. Aber sie haben sich politisch verkauft!"

Buh-Rufe und Pfiffe aus dem Demonstranten-Publikum. Oertel fährt fort: "Wir hätten mehr Rückgrat von Ihnen erwartet. Viele Pegida-Anhänger haben Karten für Ihre Konzerte gekauft. Da hätten Sie etwas mehr Neutralität uns gegenüber zeigen können. Nie sind Sie auf uns zugekommen, um mit uns zu reden. Wir sind zu Ihnen gekommen." Lauthalsige Klarstellungen der Pegida-Fans lassen keine Zweifel: "Das war mal. Nie wieder!" Oertel fragt ihren nicht anwesenden Schlager-Star: "Was wollen Sie jetzt tun? Uns nicht mehr reinlassen?" Für die drum herum stehenden Passanten steht vorläufig fest: "Zu dem Kaiser gehen wir nicht mehr hin."

Es bleibt zu bemerken, dass dieser Verlust ein harter scheint. Auf die morgendliche "Lügen"-Zeitung war man bereit zu verzichten, aber was macht man jetzt mit den erworbenen Kaiser-CDs? Zum Wegschmeißen ja nun wirklich zu schade. Ratlose Gesichter – man sieht sie selten auf den Pegida-Demonstrationen in Dresden.

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