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Kommentar

Was ist eigentlich was Ordentliches, Herr Tauber?

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat sich mit einem Kommentar zu Minijobs in die Nesseln gesetzt und eine Debatte entfacht. Unsere Gastautorin Ninia LaGrande hat ja mal Kunstgeschichte studiert. Ist das denn nun was Ordentliches? Oder was?

verdient als Generalsekretär der CDU sehr viel Geld. Mehr Geld als ich vermutlich jemals in meinem Leben monatlich werde verdienen können. Peter Tauber hat Mittlere und Neuere Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert und dann promoviert. Das ist toll. Ich habe ebenfalls Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Das ist auch toll. Ich weiß nicht, ob Peter Tauber von sich behaupten würde, er hätte etwas Ordentliches gelernt. Ich musste mir im Studium zumindest immer anhören, dass das nichts Ordentliches sei. Ordentlich sei: Jura, Medizin, BWL und Mikrobiologie. Aber da Peter Tauber meines Wissens nach keine drei Minijobs hat, hat er wohl etwas Ordentliches gelernt. Peter Tauber sagt: "Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs." Nun.

Peter Tauber

Wenn Sie aufpassen, was Sie schreiben, dann brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, Herr Tauber

"Ach toll, ich habe auch Kunstgeschichte studiert!"

Als meine Freundin S. und ich auf unsere erste kunsthistorische Exkursion fuhren, waren wir dekadent und leisteten uns ein Taxi von unseren Wohnungen, die nah beieinanderlagen, zum Abfahrtsort des Busses. Die Taxifahrerin war sehr freundlich und erkundigte sich nach unserem Vorhaben. "Wir studieren Kunstgeschichte und fahren auf Exkursion!", berichteten wir aufgeregt. "Ach, toll", antwortete sie, "ich habe auch mal Kunstgeschichte studiert." Und es war kurz sehr still in dem Taxi bis man leise hörte wie unsere Zukunft vor unseren Köpfen in Scherben zerbrach. Nichtsdestotrotz ist aus S. und mir etwas geworden. Mit vielen Hürden, längeren Zeiten der Arbeitslosigkeit und hunderten von Bewerbungen, aber es ist etwas Ordentliches aus uns geworden. Oder zumindest aus S.. Ich bin selbstständige Moderatorin und Autorin und dass das nichts Ordentliches ist, merke ich sowohl beim Arbeitsamt als auch bei jedem Mietvertrag, den ich nur mitunterschreiben darf, weil mein Partner Beamter ist.

Angeblich liegt die Arbeitslosenquote bei Akademikern bei 2,6 Prozent. Gefühlt kenne ich jeden, der in diese 2,6 Prozent reinfällt. In meinem Freundeskreis waren nach dem Studium diverse Menschen arbeitslos. Fast egal, was sie studiert hatten (die Informatiker und Maschinenbauer haben ein schönes Leben). Und uns geht es dabei ja noch gut. Irgendwas finden wir schon, immerhin haben wir einen Studienabschluss. Man bemüht sich um uns.

In einem zweiten Tweet schreibt Peter Tauber, man würde nur mit einer guten Ausbildung genug verdienen, um über die Runden zu kommen. Ich würde behaupten, dass die Ausbildung zum Krankenpfleger oder zur Altenpflegerin oder zur Erzieherin gut und etwas Ordentliches ist. Dass überhaupt ziemlich viele Ausbildungen etwas Ordentliches sind. Nur leider sind diese Berufe genau so ordentlich bezahlt, dass zahlreiche Menschen in diesen Berufen ihr Gehalt vom Staat aufstocken lassen müssen, um über die Runden zu kommen. Anderes Beispiel: Wie viele Alleinerziehende gibt es, die etwas Ordentliches gelernt haben, aber trotzdem auf Minijobs oder schlecht bezahlte Teilzeitstellen angewiesen sind? Weil sie einfach keine anderen Möglichkeiten haben. Oder wie viele Menschen mit vermeintlich nicht deutsch klingendem Namen haben etwas Ordentliches gelernt und sind trotzdem auf Aushilfsjobs angewiesen, weil ihre Bewerbung bei den vernünftigen Stellen immer gleich auf dem Absagestapel landet? Aber das sind natürlich Erfahrungen, mit denen ein privilegierter Herr Tauber nichts anfangen kann.

Eine Entschuldigung reicht nicht

Ich bin enttäuscht von dem romantisch-verklärten Bild, das Herr Tauber mit seinem Tweet propagiert. Damit sind wir wieder bei dem alten Argument "Wer sich anstrengt, bekommt auch einen Job" – und nein, das ist eben nicht immer der Fall und wenn, dann ist das oft auch nicht der Job, den man gelernt hat oder den man gerne machen würde.

Peter Tauber hat das gemacht, was man eben so macht, wenn Menschen sich auf Twitter aufregen. Er hat sich entschuldigt. Das ist nett. Aber es reicht eben nicht. Statt unrealistischen Zielen wie Vollbeschäftigung nachzuhängen und Menschen, die sich teilweise für sich und ihre Familie aufreiben, für deren wirtschaftliche Situation alleinig verantwortlich zu machen, sollte man doch lieber nachdenken. Zum Beispiel, wie man es vermeiden könnte, diese Menschen zu verletzen. Oder, ganz und gar waghalsig, wie man ihnen sogar helfen könnte. Damit es ihnen irgendwann wirtschaftlich wenigstens halb so gut geht wie Peter Tauber.

Ninia LaGrande

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