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Heimliche Medikamententests sorgen für Empörung

Westdeutsche Pharmafirmen sollen heimlich Medikamente an DDR-Bürgern getestet haben. Nun fordern Politiker Konsequenzen. Selbst nach über 20 Jahren könnte noch Schadensersatz eingeklagt werden.

  Patienten in der DDR wurden zum Teil im Unklaren darüber gelassen, dass an ihnen gerade Medikamente getestet werden.

Patienten in der DDR wurden zum Teil im Unklaren darüber gelassen, dass an ihnen gerade Medikamente getestet werden.

Westdeutsche Pharmaunternehmen haben nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" in den 1980er Jahren im großen Stil Experimente an offenbar ahnungslosen DDR-Bürgern vorgenommen. Das Blatt beruft sich auf Unterlagen des einstigen DDR-Gesundheitsministeriums, wonach 50 Unternehmen in den Jahren 1983 bis 1989 insgesamt 165 Studien dort in Auftrag gegeben haben. Für eine einzelne Studie zahlten die West Unternehmen demnach bis zu 860.000 D-Mark (etwa 440.000 Euro).

Dem Bericht zufolge, der auch frühere Veröffentlichungen zu diesem Thema aufgreift, wurden die Tests in DDR-Krankenhäusern zumindest teilweise ohne Wissen der betroffenen Patienten vorgenommen - was sowohl nach westdeutschem Recht wie auch nach DDR-Recht illegal gewesen wäre. In sieben Fällen verfügt das Blatt nach eigenen Angaben über entsprechende Aussagen oder Belege. Auch seien in den Akten des DDR-Gesundheitsministeriums keinerlei Einwilligungserklärungen von Patienten zu finden. Mehrere beteiligte Unternehmen gaben dem Blatt zufolge allerdings an, alle Vorschriften seien eingehalten worden.

Juristische Folgen möglich

Vor allem ostdeutsche Politiker reagierten empört. Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), sprach in der "Mitteldeutschen Zeitung" (Samstag) von Konsequenzen - im Sinne von möglichen Entschädigungszahlungen an Betroffene. Auch strafrechtliche Folgen seien denkbar. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fälle, die jetzt Aufregung verursachen, im Einklang mit dem westdeutschen Recht gewesen sind. Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen halte ich für skandalös", sagte Bergner dem Blatt.

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt, sprach im "Tagesspiegel" von einem "besonders drastischen Fall von Skrupellosigkeit". Devisen seien der DDR-Führung offenbar wichtiger gewesen als die Gesundheit der Bürger. Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch nannte das Vorgehen sowohl der Unternehmen als auch beider deutscher Staaten "menschenverachtend".

Unions-Fraktionsvize Arnold Vaatz sagte, die Hauptschuld liege aus seiner Sicht bei den Behörden der DDR: "Die wollten Geld verdienen und das Politbüro der SED hat das ermöglicht." Allerdings bescheinigte Vaatz auch den westdeutschen Pharmakonzernen "kriminelle Energie". Vaatz sowie der Stasiakten-Beauftragte Roland Jahn forderten weitere Aufklärung der Vorgänge.

Studie nach Todesfällen abgebrochen

Zuvor hatten unter anderem bereits der MDR über solche Studien berichtet. Die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) hatte in diesem Zusammenhang dem Sender gesagt, ihr seien solche Studien nicht bekannt gewesen. Der damalige Präsident des für die Zulassung von Arzneimitteln zuständigen Bundesgesundheitsamts, Dieter Großklaus, sagte nun dem "Tagesspiegel": "Offiziell habe ich nichts von Pharmastudien in der DDR gewusst."

Früheren Medienberichten zufolge sollen auch Patienten gestorben sein, die an den Studien beteiligt waren. Die Rede ist im "Tagesspiegel" beispielsweise von einem herzkranken Lehrer, dem nach MDR-Recherchen offensichtlich Placebos statt Herzmedikamenten verabreicht worden seien. Eine andere Studie in einem Magdeburger Krankenhaus war einem vom MDR dokumentierten Schreiben zufolge 1989 nach mehreren Todesfällen abgebrochen worden.

tkr/AFP/DPA/DPA

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