Er ist 30 Jahre alt, Nordrhein-Westfale und Chef der Jungen Union: Zerknirscht zieht Philip Mißfelder im stern.de-Interview Bilanz der NRW-Wahl. Er weiß: "Die SPD wird nun selbstbewusster auftreten."
Der Wahlausgang ist in der Tat ein sehr bitteres Ergebnis. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so schlecht ausfällt. Wir sind natürlich alle sehr enttäuscht.
Fehler wurden sowohl in der Landes- als auch in der Bundespolitik gemacht. Ich glaube allerdings nicht, dass das Thema Griechenland einen so großen Einfluss hatte, wie viele unterstellen. Richtig ist jedoch, dass wir im Zusammenhang mit der Finanzkrise sehr oft Maßnahmen laut angekündigt, aber bislang noch nicht zügig genug umgesetzt haben. Wir haben in Berlin das Thema "Vertrauen in der Krise" nicht ausreichend besetzt. Jetzt muss verlorenes Vertrauen zurück gewonnen werden.
Natürlich wird es schwieriger im Bundesrat. Außerdem wird die SPD überall selbstbewusster auftreten. Die Politik der Bundesregierung in Berlin muss daher so vorbereitet werden, dass wir möglichst viel davon ohne Bundesrat durchsetzen können. Was das angeht, bleibe ich aber optimistisch.
Das Thema war alles andere als ein positiver Beitrag für unseren Wahlkampf in NRW. Jetzt ist es Zeit, dass sich alle, die sich daran beteiligen, vor allem unser Koalitionspartner FDP, mehr Disziplin zulegen. Wir brauchen endlich mehr Realismus, was möglich ist und was nicht. Utopische Steuerversprechen bringen uns nicht weiter.
Wenn die SPD das ernsthaft anstrebt, tut sie sich keinen großen Gefallen. Das wäre ein spektakulärer Akt der Selbstbeschädigung, den sich die SPD gut überlegen muss. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ohne weiteres eine rot-rot-grüne Koalition gebildet wird.
Jürgen Rüttgers ist jetzt von der CDU beauftragt worden, die kommenden Gespräche zu führen und dafür zu sorgen, dass wir die stärkste Kraft bleiben.
Dazu müssen sie den Kollegen Röttgen selbst befragen.
Wolfgang Schäuble ist auf dem Weg der Genesung. Und gemessen an seiner fachlichen Kompetenz kann niemand daran zweifeln, dass er in diesem Amt der Beste ist.
Die Koalition in Berlin muss jetzt zu mehr Geschlossenheit und zu einem deutlich verbesserten Auftreten nach außen hin kommen. Das gelingt nur, wenn wir bei der Gesundheitspolitik endlich gemeinsam operieren und den Dauerstreit der vergangenen Monate beiseite lassen. Ich unterstütze ausdrücklich FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler bei seinem Vorhaben, das Gesundheitssystem zu reformieren. Das Gezänk darüber muss aufhören. Und wir müssen uns auf eine realistische Steuerpolitik auf der Basis der Steuerschätzung von letzter Woche einigen.
Dass Schwarz-Gelb in NRW jetzt so dramatische verloren hat, das muss uns alle und damit auch die FDP alarmieren. Ich arbeite mit Herrn Westerwelle gut und vertrauensvoll zusammen. Wie er die Partei führt, ist aber seine Sache.
Das Wahlergebnis muss uns sowohl im Blick auf die Wechselwähler wie auf die Stammwähler, im Blick auf die Mitte-Wähler wie auf die konservativen Wähler sehr zu denken geben. Wir haben schließlich auf der ganzen Breite unserer Partei Wähler verloren. Alle Flügel unserer Partei haben jetzt ihren Beitrag zu leisten.
Die Wahlanalyse ist eine Aufgabe für Düsseldorf, aber sollte auch in Berlin aufmerksam verfolgt werden.
Das Ergebnis von 2005 war auch der schlechten Politik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder geschuldet. Jürgen Rüttgers ist damals viel Vertrauen entgegen gebracht worden. Das war dieses Mal nicht so. Also müssen wir fragen: Welche Fehler sind gemacht worden? Es liegt jetzt an uns, ob wir es schaffen, die SPD zur Vernunft zu bringen und dazu, mit uns auch zusammen zu arbeiten. Oder ob in NRW eine rot-rot-grüne Chaos-Regierung antritt.
Ich hätte sehr viel lieber die Schlagzeile gelesen "Rüttgers stärkt Merkel".