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Frisch, frech - und ahnungslos

Die Piraten-Partei präsentiert sich am Tag nach ihrem Wahlerfolg in Berlin schlagfertig. Doch eine Agenda für ihre Wähler müssen sie erst noch finden. Ein erstes Kennenlernen mit vielen Männern.

Von Caspar Schlenk

  Erklären das Internet: die Piraten Christopher Lauer (links) und Martin Delius

Erklären das Internet: die Piraten Christopher Lauer (links) und Martin Delius

Christopher Lauer hält seinen Laptop hoch. "Ich zeige ihnen heute das Internet", sagt er. Gelächter. Zu sehen ist ein Blog, der dokumentieren soll, wie die Piraten sich an das politische Tagesgeschäft herantasten. "Es kann ruhig ein bisschen Sendung-mit-der-Maus-mäßig sein", sagt Lauer. So soll der Blog etwa erklären was, eine kleine Anfrage ist. Das interessiert auch die 15 Piraten, die nun ins Berliner Abgeordnetenhaus einrücken. Politik - wie geht das eigentlich?

Bis spät in die Nacht haben die Piraten im Kreuzberger Club "Ritter Butzke" ihren sensationellen Wahlerfolg gefeiert: 8,9 Prozent - fast fünf Mal mehr als die FDP. Nun geben sie ihre erste Pressekonferenz im Berliner Abgeordnetenhaus und sehen trotz ausgiebigem Bierkonsum relativ frisch aus. Frisch, frech und ahnungslos. Damit kokettieren die Neu-Politiker gerne. Spitzenkandidat Andreas Baum trägt einen hell-blauen Kapuzenpulli und sagt häufiger das Wort "ungewohnt".

"Oh Scheiße, die wählen uns ja wirklich"

Vorsichtig beugt sich auch der Landesvorsitzende Gerhard Anger zu den vielen Mikrophonen herüber, die vor Andreas Baum stehen. "Ich bin kein großer Redner", sagt Anger. Es sei seine erste Pressekonferenz. "Wir sind eine Partei der ersten Male." Deswegen werde die Partei auch dieses Mal "experimentieren". Spitzenkandidat Baum fügt hinzu: "Wir haben keinen Masterplan, wo wir nur noch die Ergebnisse in eine Exceltabellen eintragen müssen." Die Fragen nach Gehalt, Dienstauto oder Anerkennung durch die anderen Parteien sind dem Piraten Baum fremd. Er zieht in solchen Situationen kurz die Augenbrauen zusammen und antwortet mit Sätzen wie: "Ich fahre gerne Fahrrad" oder "Sie sollten bis zur ersten Sitzung abwarten."

Die Medienresonanz - ist ihnen egal. Kürzlich hatten Internetnutzer ein Foto von Pirat Christopher Lauer gepostet, der panisch nach oben schaut. Das Bild war mit den Worten versehen "Oh Scheiße, die wählen uns ja wirklich" und landete später auf der Facebook-Seite von Lauer. Auf Nachfrage verweist der Pirat mit einem Schmunzeln darauf, dass er das Foto nicht erstellt habe, sondern irgendjemand im Internet. "Darauf müssen sie sich in Zukunft einrichten." Soll heißen: Wer für ein freies Internet eintritt, muss auf der anderen Seite selbst mit dem Netz fertig werden.

Mit Zahlen umgehen

Immer wieder fragen Journalisten nach dem niedrigen weiblichen Anteil der Partei, nur eine Frau steht auf der Landesliste. Baum antwortet, das Programm sei weitestgehend von Frauen geschrieben worden und auch die Parteifinanzen der Partei würden von einer Frau geregelt. Auch Pirat Lauer will noch etwas dazu sagen. Im Straßenwahlkampf sei er öfter von jungen Migranten gefragt worden, ob seine Partei nur aus "Hans-Jürgens und Dieters" bestünde. "Schauen Sie uns doch mal an, wir sind kein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft", sagt Lauer. Warum also nicht eine Frauenquote einführen? Und eine Arbeiterquote? Oder eine Migrantenquote?, fragt er ironisch. Es sei schon ein Problem, dass die Piraten auf eine Nerd-Partei reduziert würden, so Lauer. Andererseits gäbe es auch eine einfache, für alle verständliche Ausrede: "Hahaha, die ganzen Informatiker, Physiker und Maschinenbauer haben keine Frauen dabei."

Ebenso scharfzüngig pariert Lauer eine zweite Frage, nämlich jene, wie die Partei ältere Leute erreichen wolle, die keinen Internetanschluss haben. "75 Prozent nutzen das Internet. Das sind 15 Prozent mehr, als gestern zur Wahl gegangen sind", antwortet Lauer. Er lehnt sich zurück: "Ja, langsam lernen wir das mit den Zahlen." Es ist inzwischen ein Running Gag, dass Spitzenkandidat Baum im Wahlkampf die Haushaltsschulden Berlins um zig Milliarden unterschätzte.

"Ein bisschen Politik"

Wie geht es weiter für die junge Partei? Das erste Treffen steht am Abend bevor, es muss geklärt werden, wer in welchen Ausschuss kommt und wie die Aufgaben verteilt werden. Einen Raum hat die Verwaltung den Piraten schon zugeteilt, sie sollen von den Parteimitgliedern gestaltet werden. Weitere Räumen werden ihnen in den kommenden Wochen zugeteilt. Ob sie wohl die Räume der FDP ziehen?

Inhaltlich müssen die Piraten nun ausarbeiten, wie sie ihr Thema "Transparenz" in der Opposition umsetzen können. Beispielweise sollen viele Unterlagen aus den Ausschüssen und der Parlamentsarbeit online gestellt werden. Reicht das? Noch kursieren nur vage Ideen, die Praxistauglichkeit ist nicht erwiesen. In weniger als zehn Tagen wird es ernst, dann steht die erste Senatssitzung an. Andreas Baum versucht es locker zu nehmen. "Ich mache ein bisschen Politik", sagt er. Mal schauen, was die Politik mit ihm macht.

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