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Weisband vs. "Spiegel" vs. Weisband

5. November 2012, 17:51 Uhr

Ungewöhnlicher Kleinkrieg: Piratin Weisband zerreißt öffentlich einen "Spiegel"-Artikel über ihr mögliches Comeback. Sie fühlt sich als "arrogante Schlampe" dargestellt. Nun antwortet der "Spiegel". Von Lutz Kinkel

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"Habe keinen Bock mehr": Piratin Marina Weisband©

Die Piraten sind, das ist niemandem entgangen, in einer schweren Krise. Im stern-RTL-Wahltrend stürzten ihre Umfragewerte von 13 Prozent im Mai auf aktuell 5 Prozent ab, andere Meinungsforschungsinstitute sehen sie sogar in der Todeszone, also bei bei nur 4 Prozent. Julia Schramm und Matthias Schrade haben sich abgekämpft aus dem Bundesvorstand zurückgezogen, der umstrittene Politische Geschäftsführer Johannes Ponader bleibt, Parteichef Bernd Schlömer ringt mit den innerparteilichen shitstorms und den Nebenwirkungen des knochenharten Berliner Politikbetriebs.

Wen wundert's, wenn sich die Augen in dieser Situation wieder auf eine populäre Lichtgestalt der Partei richten: Marina Weisband, 25. Sie hatte sich im April aus der aktiven Bundespolitik zurückgezogen, vorerst, wie es damals hieß. In seiner aktuellen Ausgabe zitiert der "Spiegel" jetzt zwei Landesvorsitzende der Piraten, die ein Comeback Weisbands herbeisehnen. Auch Weisband selbst kommt zu Wort. Mit Zitaten wie: "Die Rufe nach mir nehmen zurzeit sehr zu." Oder auch: "Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde." In der auf "Spiegel-Online" verbreiteten Vorabmeldung zu dem Stück heißt es, Weisband wolle sich bis Anfang Januar entscheiden, ob sie für den Bundestag kandidiere. Nun hat sich Weisband auf ihrer persönlichen Homepage zu dem Artikel geäußert - und ihn mit wütenden Attacken auf die Autorin Merlind Theile in der Luft zerissen.

"Ich habe keinen Bock mehr"

Die Vorwürfe, die Weisband erhebt, sind für die Autorin ehrenrührig. Theile habe die Zitate aus dem Zusammenhand gerissen und sinnentstellend verfremdet. Weisband nennt unter anderem folgendes Beispiel:

Sie fragt: "Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?" Und ich antworte kopfschüttelnd: "Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin." (Daraus wurde das Zitat: "Für die Piraten ist es wohl das Beste, wenn ich kandidiere.")

Solche Verdrehungen habe es in einer Reihe von Fällen gegeben, so dass ein falscher Sound entstanden sei: "Dass 'Weisband ein Comeback erwägt' ist nämlich so ziemlich das Gegenteil von dem, was gerade passiert. Der Grundtenor in dem Teil, wo es um meine Pläne geht, war nämlich, dass ich gerade äußerst skeptisch dahingehend bin. Dass ich definitiv nicht festlegt bin, und sogar zurzeit eher abgeneigt bin. Im Gespräch mit ihr habe auch viele Argumente dazu gebracht", schreibt Weisband. Der Titel ihres Blogeintrags lautet "Ich habe keinen Bock mehr" - und diese Botschaft ist wohl als doppelte zu verstehen. Keinen Bock auf Bundespolitik und keinen Bock auf Journalisten, die, so Weisband, allein ihrem "Narrativ" folgten. Mehrere Medien, darunter "Bild", "Focus" und "Zeit", hatten die "Spiegel"-Meldung aufgegriffen.

Unselige Praxis der Autorisierung

Widerspruchsfrei ist das, was Weisband schreibt, indes nicht. Sie merkt an, dass sie mit Theile gar nicht habe reden wollen. Getan hat sie es trotzdem. Und sie kritisiert, dass die Autorin die - eigentlich unselige - Praxis der Autorisierung von Zitaten nicht kenne. In den nächsten Sätzen räumt sie ein, dass sie ihre Zitate sehr wohl vor Veröffentlichung zur Kenntnis nehmen konnte, wenn auch "ohne Möglichkeit der Einflussnahme". Diese Zitate seien vom "Spiegel" dann aber nochmals neu zusammengesetzt worden, "Kleinigkeiten, die mich halt wie eine selbstverliebte, arrogante Schlampe aussehen lassen", so Weisband.

Tatsächlich wirkt der "Spiegel"-Artikel in der Gesamtschau so, als sei sich Weisband ihres Wertes für die Piraten sehr bewusst und tendiere dazu, wieder anzutreten. In ihrem Blog - und sehr scharf auch auf Twitter - argumentiert Weisband, die Piraten sollten sich nicht in Personaldiskussionen "hineintrollen" lassen, die Inhalte seien wichtiger und sie neige eher nicht zur Kandidatur. Sind das nur zwei unterschiedliche Wahrnehmungen oder hat der "Spiegel" sie tatsächlich sinnentstellend porträtiert?

Konter des "Spiegel"

Theile hat inzwischen auf Weisbands Blog mit einem eigenen Eintrag auf "Spiegelblog" reagiert. Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, sie habe Zitate verfremdet. "Die abgedruckten Zitate entsprechen Frau Weisbands Autorisierung." Auch der Tenor des Artikels sei Weisband bekannt gewesen - "dass sich viele ihre Rückkehr wünschen und sie selbst nun abwägt, ob sie für den Bundestag antreten soll oder nicht. Mit diesem Inhalt war Frau Weisband völlig einverstanden."

Über die Frage, wie sich unter diesen Voraussetzungen Weisband so echauffieren konnte, schreibt Theile, dass sich die Piraten bereits dem System anpasst hätten. Ursprünglich hätten sie Transparenz gewollt: "Ein Politiker sagt, was er denkt und steht dazu. Kein Abwägen der Worte, keine Schreibverbote." Inzwischen würden auch sie ihre Aussagen im Nachhinein korrigieren können wollen. "Ärgerlich wird es, wenn Politiker ihre eigenen, sogar autorisierten Aussagen hinterher ungeschehen machen wollen, indem sie der Presse unsauberes Arbeiten vorwerfen. Im Fall von Marina Weisband ist es nun leider so passiert", schreibt Theile.

Damit existieren zwei Versionen, Aussage gegen Aussage. Zu lernen ist daraus dreierlei: Die Piraten scheinen in der Krise sehr nervös. Ihr Verhältnis zu den Medien, in der Anfangsphase von totaler Offenheit geprägt, wandelt sich. Und ob Marina Weisband in verantwortlicher Position zurückkehren wird, ist nun noch zweifelhafter als vor dem "Spiegel"-Artikel.

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