Sie sind weder Vollprofis noch völlige Chaoten: Die Piraten nehmen auf ihrem Parteitag Kurs auf die Bundestagswahl 2013 – kämpfen aber noch mit Startschwierigkeiten.
Die Mitte Deutschlands ist es nicht, der Nabel der Welt schon gar nicht. Vielleicht fanden auch deshalb nicht ganz so viele Piraten ihren Weg nach Neumünster in Holstein zum Bundesparteitag, wie die Organisatoren gehofft hatten. 1500 etwa waren es am Samstag. Zuvor war von 2000, vielleicht 2500 die Rede gewesen.
Eine beeindruckende Zahl ist es dennoch, der bisherige Parteivize Bernd Schlömer zieht gar einen Vergleich mit dem chinesischen Volkskongress. Die Piratenpartei Deutschland ist auf dem Weg in die Zukunft, mit viel Rückenwind aus Wahlen und Umfragen.
Besonders bunt kommt die junge Truppe nicht daher, eher in dunklen Farben, Freizeitkleidung, und längst nicht immer über den Laptop gebeugt, wie ihnen nachgesagt wird. Fast exotisch nur die scheidende Geschäftsführerin Marina Weisband, im bodenlangen Kleid, Blume im Haar. "Einen geilen Vorstand" wünscht sie sich - selbst will sie aber nicht dabei sein. "Gegen Oktober ist mir das ganze um die Ohren geflogen", gesteht sie in ihrem Tätigkeitsbericht. "Ich habe nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe."
Viele hatten sich gefragt, wie die unerfahrene Partei diesen wuseligen Riesenkongress wohl bewältigen würde. Aber am ersten Tag war schnell klar: mit erstaunlicher Professionalität - und hin und wieder durchaus autoritärem Ton. "Das ist hier kein Kaffeekränzchen", ruft Philipp Brechler vom Organisationskomitee in den Saal, als es mal wieder ziemlich laut wird: rote Locken, rote Backen, korpulent und sehr bestimmend. Als dann der alte Vorstand entlastet wird, springen die Mitglieder von ihren Sitzen, jubeln und feiern sich selbst - die strengen Regeln für einen Augenblick vergessend.
Auf ihrem zehnten Parteitag haben die Piraten schon einige Übung in Disziplin. Vor eineinhalb Jahren gab es in Chemnitz noch heftige Turbulenzen: Persönliche Querelen und immer neue Anträge zur Verfahrensordnung prägten den ersten Tag des Programmparteitags. Sogar zu Tätlichkeiten kam es damals - ein Parteimitglied wurde von der Versammlung ausgeschlossen, weil er einem anderen das Bändchen für die Zulassung zum Parteitag vom Arm gerissen hatte.
Das gehört zur Vergangenheit der schnell lernenden Partei. In Neumünster darf jeder reden und Anträge stellen. Aber Versammlungsleiter Jan Leutert hat die Sache fest im Griff. Die Redezeit wird auf eine Minute begrenzt. "Basisdemokratie heißt, dass jeder seine Meinung äußern kann", sagt Leutert. "Aber das kann auch in kompakter Weise geschehen."