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7. Dezember 2010, 17:27 Uhr

"Wir brauchen die Özils in den Klassen"

Ein Viertel der 15-jährigen Jungs und Mädchen in Deutschland sind Migranten, in der Schule hinken sie oft hinterher. Die am Dienstag vorgestellte neue Pisa-Studie beleuchtet ihre schwierigen schulischen Umstände - und meldet gleichzeitig große Leistungsfortschritte. Von David Bedürftig, Berlin

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Die neue Pisa-Studie zeigt: Das deutsche Bildungssystem hat sich leicht verbessert© Berthold Stadler/DAPD

Zur Champions League reiche es noch nicht - "aber Deutschland ist von der zweiten Liga in die erste aufgestiegen". Fußballerisches Fachvokabular dringt über Lautsprecher an die Ohren der rund 50 Journalisten auf der Bundespressekonferenz in Berlin. Teamgeist und Training seien weiterhin nötig, "denn es sitzen immer noch zu viele Talente auf der Bank". Einige Reporter rätseln. Falsche Veranstaltung? Nein, dies ist nicht die Pressekonferenz der Nationalmannschaft. Vorne sitzen auch nicht Joachim Löw und Bastian Schweinsteiger, sondern ungleich steifere und ungelenkere Damen und Herren.

Es werden die internationalen Ergebnisse der Pisa-Studie 2009 vorgestellt. Die Experten analysieren: Vieles läuft schon gut. Zwar gibt es immer noch etwas zu verbessern, aber die Trainingsmethoden müssten erst noch greifen. In manchen Bereichen spiele man mittlerweile aber schon in der Weltspitze. Das würden schließlich die Zahlen belegen. Was klingt wie eine Spielanalyse des Bundestrainers ist in Wirklichkeit die Bilanzziehung nach einem Jahrzehnt Pisa-Studie durch die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, den Leiter des OECD Berlin Centre, Heino von Meyer und Professor Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Im Lesen lediglich Durchschnitt

Die Damen und Herren auf dem Podium wirken, als wollten sie ein 1:0 über Aserbaidschan schönreden. Verhaltenes Gestikulieren, ab und an ein gezwungenes Lächeln. "Deutschland ist einer der wenigen OECD-Staaten, dessen Bildungssystem sich im Verlauf von zehn Jahren Pisa durchgängig positiv entwickelt hat", so Klieme. Die Bilanz hinkt. 2000 war das deutsche Bildungssystem ähnlich unerfolgreich wie die damalige Nationalmannschaft unter Erich Ribbeck. Zwar erzielten die Jugendlichen in Mathematik und Naturwissenschaften gute Leistungen, doch im Lesen ist man lediglich Durchschnitt. Was nützt es, wenn Abwehr und Mittelfeld funktionieren, doch vorne keine Tore fallen? Gewinnen kann man damit nichts.

Fußball-Deutschland gelang der Einzug in die Weltspitze erst wieder, als Spieler mit Migrationshintergrund in das DFB-Team integriert wurden. Es scheint, als müsste im Bildungssystem ähnliches passieren, die "Talente auf der Bank" müssen zum Einsatz kommen. "Wir brauchen die Özils nicht nur beim Fußball, sondern auch in den Klassen", fordert Heino von Meyer. Für den Leiter des OECD Berlin Centre ist der Bildungsrückstand der Migranten in Deutschland immer noch unakzeptabel hoch. Rund ein Viertel der Fünfzehnjährigen Deutschlands wurde im Ausland geboren oder hat zumindest ein oder zwei ausländische Elternteile. Im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund hinken diese 25 Prozent mehr als ein Schuljahr zurück. Die Pisa-Weltspitze wird Deutschland ohne die Verbesserung der Kompetenzen der Migrantenkinder nicht erreichen.

Schritt nach vorne auf Migranten zurückzuführen

Von der ersten Liga können 15-jährige Schüler mit Migrationshintergrund meist nur träumen. Meist kommen sie aus sozio-ökonomisch schwachen Familien und besuchen so genannte "Problemschulen". Besonders das Schulumfeld wirkt in Deutschland hindernd: Bis zu zwei Jahre fallen Schüler ähnlichen Hintergrunds im Lernstoff zurück, wenn sie Schulen mit einem ungünstigen Umfeld besuchen. In keinem anderen Land der gesamten Pisa-Studie hat die Schulsituation einen derart hohen Einfluss auf die Jugendlichen.

Dennoch ist deutlich erkennbar, dass mehr und mehr Jugendlichen mit Migrationshintergrund versuchen, zu schulischen Özils, Podolskis oder Khediras zu werden. "Der Schritt nach vorn in der Pisa-Studie ist hauptsächlich auf Migranten zurückzuführen", sagt Professor Klieme vom DIPF. Vergleicht man die Werte von 2000 mit denen von 2009, fällt auf, dass im 500-Punktesystem der Pisa-Studie Schüler mit Migrationshintergrund ihren Leistungsabstand zu Einheimischen um 27 Punkte reduziert haben. Betrug der Lernrückstand vormals fast zwei Jahre, sind es jetzt nur noch etwas mehr als eines.

Auch die Leistungsdifferenz zwischen Jugendlichen, die zu Hause deutsch sprechen beziehungsweise nicht deutsch sprechen hat sich auf die Hälfte vermindert. Daraus lässt sich schließen, dass Förderprogramme oft greifen und Lehrer meist einen guten Job machen. Das heißt aber auch, dass weiter gefördert werden muss und dass Deutschlands Migrantenkinder sich bemühen, Fortschritte zu machen - sei es nun als Fußballer oder auf der Schulbank.

Von David Bedürftig, Berlin
 
 
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