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5. Juli 2007, 11:50 Uhr

Transparency warnt vor Neiddebatte

Welche Jobs machen unsere Politiker noch so nebenher? Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts hat der Bundestag nun die Daten veröffentlicht. Gregor Gysi ein paar, Westerwelle noch ein paar mehr. Der Transparency International-Geschäftsführer warnte im stern.de-Interview jedoch vor einer Neiddebatte.

Friedrich Merz (CDU) hatte gegen die Offenlegung der Nebeneinkünfte geklagt© Bernd Thissen/DPA

Die Nebentätigkeiten der 613 Abgeordneten sind jetzt im Internet veröffentlicht. Damit setzte Bundestagspräsiden Norbert Lammert einen Tag nach dem dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts am die neue Transparenzregelung um. Auf der Internetseite bundestag.de oder auch unter abgeordnetenwatch.de sind nun Angaben über Beschäftigungsverhältnisse, Vereinstätigkeiten und Einkommensstufen zu finden.

Zu den Bestverdienern gehören demnach unter anderem die Abgeordneten Friedrich Merz und Heinz Riesenhuber. Der Rechtsanwalt und CDU-Politiker Merz, der auch Klage in Karlsruhe eingereicht hatte, gibt an, von acht Konzernen jährlich Einkommen der Stufe drei - also mehr als 7.000 Euro monatlich - zu beziehen. Darunter sind Versicherungskonzerne wie Axa, DBV Winterthur sowie die Commerzbank, BASF Antwerpen und die Deutsche Börse.

Auch der ehemalige Forschungsminister und CDU-Politiker Riesenhuber übt neben seinem Mandat mehrere Nebentätigkeiten der Stufe drei und andere bezahlte lukrative Funktionen in Unternehmen aus. Einkünfte in den jeweiligen Abgeordneten-Biografien werden, sofern vorhanden, in drei Einkommensstufen ausgewiesen: Stufe 1 erfasst monatliche Einkünfte von 1.000 bis 3.500 Euro, Stufe 2 Einkünfte bis 7.000 Euro und Stufe 3 Einkünfte über 7.000 Euro.

Merkel ist in Stufe drei

Auch andere prominente Politiker geben Auskunft: Im Eintrag von Angela Merkel (CDU) heißt es in der Rubrik "Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat": "Bundeskanzlerin, Berlin, monatlich Stufe 3." Will heißen: Merkel ist nicht nur Kanzlerin, sondern auch Abgeordnete und bezieht insofern zwei Gehälter. Auch bei Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) und den anderen Minister mit Parlamentsmandat wird für ihre "Nebentätigkeit" im Bundeskabinett naturgemäß mit Stufe 3 angegeben.

Ex-Außenminister Joschka Fischer hat hat elf Nebenverdienste, die ihm mindestens 7000 Euro eingebracht haben (Stufe 3), zusätzlich zwei der Stufe 2 (jeweils mindestens 3500 Euro). Bei Oskar Lafontaine ist nur seine - inzwischen eingestellte - Autorenschaft für den Springer-Verlag angegeben (Stufe 2), sein Parteifreund Gregor Gysi kommt auf mindestens 38.000 zusätzlich.

Transparency International geht Veröffentlichung nicht weit genug

Die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International übte Kritik an der Veröffentlichung. "Nach unserem Eindruck wird das Gesetz von den Abgeordneten nicht einheitlich angewendet", sagte der Geschäftsführer Christian Humborg zu stern.de. "Es gibt einige Anwälte, die keine Verdienststufe angeben. Doch um ob diese wirklich weniger als 1000 Euro verdienen, ist zumindest anzuzweifeln." Humborg nannte CDU-Politiker Merz oder den SPD-Abgeordneten Peter Danckert. Aber es gebe auch positive Beispiele. So etwa Anette Kramme (SPD), die jedes ihrer Anwalts-Mandate einzeln aufführt oder den FDP-Parteichef Guido Westerwelle, der seine Vorträge einzeln auflistet.

Um alle Politiker gleich zu behandeln, forderte Humborg den Bundestagspräsidenten auf, zu prüfen, ob wirklich alle Abgeordneten vollständig und einheitlich Auskunft über ihre Nebenjobs geben.

Die Veröffentlichung sei zwar ein schritt in die richtige Richtung, doch Humborg warnte vor einer Neiddebatte. "Wir halten es für gefährlich, wenn nun eine Hitliste der Abgeordneten mit den meisten Nebenjobs erstellt wird. Das ist nicht zielführend und lässt für sich genommen keine Rückschlüsse zu." Vielmehr sei es wichtiger, detaillierte Auskünfte zu erhalten. Humborg kritisierte, dass die Einkünfte der Abgeordneten bisher nur in Stufen veröffentlicht werden.

Nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten

Das Bundesverfassungsgericht hatte am Mittwoch die Klage von neun Parlamentariern gegen das entsprechende Gesetz zurückgewiesen. Die Entscheidung fiel bei einem Patt von vier zu vier Richterstimmen. Die Kläger hatten in der Offenlegungspflicht einen unzulässigen Eingriff in die Berufsfreiheit und die Unabhängigkeit des Abgeordnetenmandats gesehen. Gerade für Selbstständige und Anwälte sei ein Parlamentsmandat kaum noch zumutbar, wenn sie detailliert offen legen müssten, wie viel Geld sie von welchem Auftraggeber oder Mandanten erhielten.

Ausschlaggebend für das Urteil war aber die Auffassung der Richter, mit der Freiheit des Mandats seien nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten verbunden. Mit der Pflicht zur Offenlegung von Einkünften ab einer bestimmten Höhe könne sich der Wähler selbst ein Bild über mögliche Interessenverflechtungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten der Volksvertreter machen. Der Bundestag hatte bereits im Oktober 2005 einen neuen Verhaltenscodex verabschiedet. Auf Grund der in Karlsruhe anhängigen Klage entschied Lammert, das Gesetz bis zu einer Urteilsfindung nicht umzusetzen. Experten wie der Parteienrechtler Hans-Herbert von Arnim hatten dieses Vorgehen als "glatten Gesetzesbruch" kritisiert.

Der Kamelreiter

Der Kamelreiter Wer kennt schon Hans Joachim Fuchtel? So gut wie niemand. Denn der Mann aus dem Nordschwarzwald ist ein klassischer Hinterbänkler. Redet im Bundestag so gut wie nie. Hat keinen Ausschussvorsitz, ist nur stellvertretender Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses. Und ist stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im Bundestag sitzt der Jurist seit 1987. Intensiv setzt er sich für die Kamelzucht im Schwarzwald ein und will Kamel-Rennen auch in Deutschland möglich machen. Er sitzt im Kreistag von Calw, im Verwaltungsrat der Sparkasse Pforzheim-Calw. Ist Mitglied des Kuratoriums Burg Liebenzell, ist im Kreisverband der Blasmusik und Vorsitzender der Stiftung Technisches Hilfswerk.

Und als Rechtsanwalt arbeitet er auch noch. Allein im Monat Mai hat er fünf Mandanten mit Honoraren über 1000 Euro betreut. Oder: Im Oktober 2006 klingelte es besonders laut in seiner Kasse. Da war er einmal mit mehr als 7000 Euro dabei und einmal mit mehr als 1000 - das rechnet sich zusammen mit den monatlichen Diäten von 7009 Euro.

Hans Peter Schütz

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Von Malte Arnsperger mit Agenturmaterial
 
 
KOMMENTARE (10 von 49)
 
-Dagegen- (06.07.2007, 10:40 Uhr)
Abschaffen!
Beschäftigte in Unternehmen müssen sich Nebentätigkeiten genehmigen lassen. Diese "Übermenschen" finden neben ihrer Tätigkeit als Berufspolitiker noch die Zeit mehrere andere verantwortungsvolle Aufgaben wahrzunehmen. Respekt! Immer nach dem Motto: Es gibt auch ein Leben nach der Politik... Unsere Regierung sollte geschlossen zurücktreten, die Parlamente sollten wir auflösen und den Witschaftsbossen direkt die Verantwortung für unser Gemeinwesen übertragen. Dies ist ehrlicher!
Countryjoe (06.07.2007, 06:20 Uhr)
Anrüchig?
Wenn jemand für eine Tätigkeit in einem Unternehmen mehr als 7000 Euro brutto monatlich erhält kann man davon ausgehen, daß er eine verantwortungsvolle Vollzeittätigkeit ausübt. Das gleichzeitig in mehreren Unternehmen tun zu können, erfordert die Gabe der Multilokalität. Man kann davon ausgehen, daß selbst Politiker nicht über diese Gabe verfügen und kann das Geld entweder als selbstloses Geschenk der Unternehmen oder als Entlohnung für die direkte Vertretung der Unternehmensinteressen im Parlament betrachten. Das letztere impliziert, daß Gesetze käuflich sind.
labuhnwe (05.07.2007, 21:05 Uhr)
Neiddebatte?
den entsprechenden Leuten sollten die Ohren anfangen zu klingeln!!
Das sollte erst der Anfang sein. Was glauben die denn, wessen Geld das ist, das sie sich da fuer Null Gegenleistung in die Taschen stopfen. Wann begreifen die Leute endlich, das es unser aller Geld ist, was da so froehlich verteilt wird. Da hat keiner eine Gelddruckerei im Keller, das Geld kommt nicht von irgendwoher, sondern von unserem Konto!
Man sollte es ganz einfach so machen wie bei den Hartz-4 Empfaengern:
Alles, was diese "ehrenwerte Gesellschaft" hinzuverdient, sollte von der Abgeordneten-Verguetung abgezogen werden. Damit waere auch der Zeitaufwand abgegolten, den sie fuer Ihre Abgeordnetentaetigkeit weniger aufwenden, denn die Zeit fuer die hinzuverdienten Betraege muss ja wohl von der Abgeordnetenzeit abgezogen werden, oder?
Das, und nur das duerfte jeder nachvollziehen koennen. Und eins ist doch wohl auch klar: halbe Abgeordnete gibt es eigentlich nicht, und der Tag hat eben nur 24 Stunden, und dafuer sind sie auch nicht gewaehlt. Gewaehlt sind Vollzeitabgeordnete, alles andere hat in der Politik, zumindest bei den Profis, nichts zu suchen. Und nur danach, und nur dann, sind Wiedereingliederungshilfen in den normalen Beruf zu leisten. Dann haette dieses daemliche Gequassel von der Neiddebatte endlich ein Ende. Wir haben die Selbstherrlichkeit der Kirchen und den Feudalismus abgeschafft, diese selbstherrlichen Wirtschaftsbosse und alle, die sich dem zurechnen, werden wir auch noch schaffen. Denn das hat uns noch gefehlt, das die Positionen von den Grafen bis zu den Kaisern eingenommen werden von kleingeistigen Raffzaehnen, die glauben, ohne sie ginge nichts mehr. Das haben sie den Leuten lange genug eingeredet. Auch fuer diese geldgeilen und affektierten Boecke gibt es ausreichend und guten Ersatz.
MfG W. Labuhn
pelon1942 (05.07.2007, 19:26 Uhr)
Politiker-Nebeneinkuenfte
Liest man aus der Ferne ( Wilder Westen, Nicaragua ) diese Nachrichten ueber Politker-Nebeneinkuenfte und den Kampf einiger dieser Raffer um die Offenlegung, so kann man nur sagen Deutschland ist auch nicht mehr weit entfernt von jedweder "Bananenrepublik" der sogenannten Dritten Welt. Politiker, die sich so verhalten, sind eine Beleidigung der Waehler und verdienen nicht den Namen Vertreter des Volkes.
Louyi (05.07.2007, 18:56 Uhr)
ist das wirklich eine Neiddebatte ?
Hallo >mae fub< und Co.
Politikergehälter kann man doch nicht mit den Bundesliga –Balltretern vergleichen.
Die Balltreter werden nach einem/ihren nationalen/ internationalen Marktwert bzw.Können von Privat und Vereinen hoch bezahlt. Bei Merz und Co zahlt aber der Steuerzahler die Gehälter. Und wenn diese Politiker damit nicht zufrieden sind, sollen Sie einfach sofort ohne Ablösesumme aufhören und ihren besserbezahlten Wirtschaftsjobs nachgehen. Was solls. Aber da beisst sich eben die Katze in den Schwanz. Die ganzen (Neben-)Jobs wie Aufsichtsrat, ect. wirds bei denen gar nicht geben, sondern nur deshalb, weil die Spitzbuben „nebenher“ noch Politiker mit großem Lobbyeinfluss sind. (...und sonst wären sie Herr Niemand !) Die öffentliche, gesellschaftliche Präsenz macht sich bezahlt. Als deutscher Michel (Wähler und Zahlmeister) musst du diese nun mindest 4 Jahre ertragen ob du willst oder nicht. Die Qualität des politischen Outputs, quasi deren Marktwert - passt (anders wie die der Fussballspieler) aber oft leider betriebswirtschaftlich gesehen gerade mal auf den berühmten Bierdeckel des Herrn Merz.
Der da heisst: Mit dem geringsten Aufwand den größten (Nebenher-)Nutzen zu erzielen.
UweReuber (05.07.2007, 18:16 Uhr)
Deutsche Politikperversion
Ob Herr Merz das dicke Geld scheffelt, oder Herr Westerwelle alles fein säuberlich aufzeigt ist vollkommen irrelevant. Die Damen und Herren Politiker sollen sich auf ihren Job konzentrieren, und nicht bei irgendwelchen Konzernen und Verbänden Dinge tun, von denen Sie eh keine Ahnung haben. Der Arbeiter und Angestellte, welcher 8 und mehr Stunden am Tag an seinem Arbeitsplatz verbringt, Familie hat, und vielleicht ein Hobby, hat keine Zeit, sich nebenher noch um lukrative Nebenjobs zu kümmern. Und wenn doch, dann greift der Fiskus gnadenlos zu. Bei Politikern eigentlich auch? Arbeitslose müssen Nebeneinkünfte angeben, und bekommen in den meisten Fällen diese dann vom Staatsgeld abgezogen, während Politiker scheffeln können ohne Reue. Der einzige Weg, diese Vetternwirtschaft zu beenden ist, im Grundgesetz zu verankert, daß Politiker keine Nebeneinkünfte haben dürfen. Die eigentlichen Bezüge reichen auch so für ein gutes Leben. Aber wer dreht sich schon selber den Hahn zu. Abstimmungen über Diätenerhöhungen sind ja auch das einzige Thema, bei dem geschlossen und einheitlich mit "ja" abgestimmt wird.
myOpinion (05.07.2007, 18:09 Uhr)
Dummerchen im Bundestag?
@medes (5.7.2007, 17:35 Uhr)
Nehme ich das wörtlich würde das bedeuten, dass wir Abgeordnete im Bundestag haben, die sich auf niedrigem Niveau durch unseren Bundestag hangeln. Schwarze Schafe mag es überall geben, auch im Bundestag. Weiterhin mag auch die These gelten, dass Leute, deren beratende Funktion in verschiedenen Industriezweigen gefragt ist auf ihre hohen Kompetenzen zurückzuführen ist. Allerdings gilt auch der Umkehrschluss: Sie können käuflich werden. Ich wage zu bezweifeln, dass es einem gut bezahlten Berufspolitiker an Engagement fehlt. Eher mag es einem zum Großteil durch Gelder aus der Industrie finanzierten Politiker an Objektivität und Interesse für Deutschland als Gesamheit fehlen.
tagora-sagittara (05.07.2007, 17:54 Uhr)
Mit Neiddebatte...
hat das ja wohl nichts tun.
Schon mal eher mehr mit Hintergrundbeleuchtung. Man fragt sich ja schon einmal wenn die Damen und Herren Lobbykraten für mehr oder weniger saubere Clientele besonders ins Zeug legen, welche Grund ihr intensives Gebaren hat.
Im übrigen bin ich dafür den Politiker als Berufung und nicht als Job zu sehen. Und wenn ich mir so ansehe was da sich im Bundestag herumtreibt, habe ich manchmal das Gefühl das der Spruch: "Wenn ich keine Lust zu arbeiten habe, werde ich Politiker" allzu häufig ins Schwarze trifft.
Vieleicht zieht ja jetzt ein wenig Ordnung und Moral in den bundesdeutschen Lobbykratenverein ein.
medes (05.07.2007, 17:35 Uhr)
Intelligenz gegen Anti-Leistungs-Lobby
Leider vergisst man häufig den feinen Unterschied: Herr Merz z.B. ist vielleicht 8 mal häufiger neben beschäftigt als so mancher abgeordnete Beamte, allerdings ist er sicher auch 8 mal intelligenter, leistungsbereiter und effektiver.
AnneKoark (05.07.2007, 17:18 Uhr)
Unabhängigkeit
Meiner Meinung nach sollten Politiker für Ihre Arbeit als Politiker genug Geld verdienen, so dass sie für die Zukunft abgesichert sind und zwar gerade weil sie durch ihr Abgeordnetendasein sich nicht um ihren Hauptberuf ausreichend kümmern können. Die Frage ist nicht eine Frage des Neids, sondern die Frage, ob ein Politiker mit bezahlten Tätigkeiten in verschiedenen Branchen auch bei Debatten über diese Branchen wirklich unabhängig ist. Kann man beispielsweise bei einer Umweltdebatte über Kohle oder bei Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen für das Land entscheiden, wenn man beispielsweise von der Kohleindustrie oder von der Automobilbranche ein Gehalt bezieht, das sogar das eigene Gehalt als Abgeordneter übersteigt? Wäre es dann nicht sinnvoller, ein Diät sinnvoll zu erhöhen und die Nebentätigkeiten zu verbieten. Diese Entscheidung des Verfassungsgerichtes ist für die Transparenz der Entscheidungsunabhängigkeit unserer Politiker für das Land ein großer Gewinn!
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