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27. März 2007, 16:04 Uhr

"Deutschland ist gescheitert"

Die Bundesregierung protzt gerne mit ihrer Wiederaufbau-Hilfe in fremden Ländern. Aber sie versagt zum Beispiel bei der Ausbildung von Polizisten. Der banale Grund: Deutsche Ausbilder können nicht zu Auslandseinsätzen gezwungen werden. Also bleiben sie lieber daheim. Von Lars Petersen

Einer von zu wenigen deutschen Bundespolizisten mit afghanischen Polizeischülern© Marcel Mettelsiefen/DPA

Hubert Pätzmann ist 50 Jahre alt, verheiratet und arbeitet als Bundespolizist normalerweise in Bad Bramstedt. Doch auch im Ausland seinen Dienst zu verrichten ist für den Norddeutschen nichts Ungewöhnliches. Dutzende Male begleitete er abgeschobene Ausländer in ihr Heimatland und erlebte dort auch gefährliche Situationen. Einige Kollegen ließen bei solchen Rückführungen sogar ihr Leben. "Ich würde auch an einem Einsatz in Afghanistan teilnehmen", sagt Pätzmann. Dort bilden derzeit 40 Polizisten von Bund und Ländern afghanische Polizeischüler im Rahmen der deutschen Führungsverantwortung für den landesweiten Aufbau der afghanischen Polizisten aus. Die Aufgabe reizt Polizist Pätzmann, wobei ihm die damit verbundenen Risiken bewusst sind.

Anders als Zeit- und Berufssoldaten der Bundeswehr müsste sich Pätzmann zu einem Einsatz in Afghanistan freiwillig melden. Laut geltendem Beamtenrecht können Polizisten dazu nicht verpflichtet werden. Doch weil die Ausbildung der afghanischen Polizei derzeit nur schleppend vorankommt, da nicht ausreichend Ausbilder zur Verfügung stehen, sehen insbesondere zahlreiche Verteidigungspolitiker dringenden Handlungsbedarf. Im Gegensatz zu den Gewerkschaften der Polizei unterstützen sie den Vorschlag von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), eine Dienstpflicht von Bundespolizisten für Auslandseinsätze einzuführen.

Feldjäger sind Lückenbüßer

"Es kann nicht sein, dass die Feldjäger der Bundeswehr immer wieder als Lückenbüßer bei eigentlichen Polizeieinsätzen einspringen müssen", meint Elke Hoff (FDP), Mitglied des Verteidigungsausschusses. "Die Feldjäger werden zur Ausbildung von Polizisten in Afghanistan eingesetzt, weil sich bei der Polizei nicht genügend Personal freiwillig meldet", sagt Hoff. Daher hält es auch Ulrike Merten (SPD), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, für notwendig, das Prinzip der Freiwilligkeit bei Polizisten zu überprüfen. "Aber gleichzeitig muss die Polizei auch materiell in die Lage versetzt werden, solche Auslandseinsätze leisten zu können", betont Merten.

Unterstützung erhalten die Verteidigungspolitikerinnen vom innenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Dieter Wiefelspütz. "Häufig muss das Militär im Ausland noch notgedrungen Polizeiaufgaben wahrnehmen", so Wiefelspütz. Angesichts der steigenden Zahl von Auslandseinsätzen müsse die Bundeswehr davon entlastet werden. Eine stärkere Arbeitsteilung zwischen Polizei und Militär werde immer notwendiger, weshalb man auch über eine Verpflichtung von Bundespolizisten nachdenken müsse, so Wiefelspütz.

Bereitschaft nur "ausreichend"

Dass zu wenig Bundespolizisten für Auslandseinsätze zur Verfügung stehen, zeigt eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP. Darin beurteilt die Bundesregierung die Bereitschaft der Polizei für Auslandseinsätze nur als "ausreichend". Mehr noch. Auf die Frage, in welchem Umfang die Bundesregierung Polizeieinsätze wie in Afghanistan aktuell für praktisch umsetzbar hält, heißt es: "Auch wenn man davon ausgeht, dass sich Verbesserungen bei der Koordinierung erzielen lassen, können nicht alle außenpolitisch prioritären Anforderungen erfüllt werden. Der Aufbau einer größeren Zahl schnell und flexibel einsetzbarer Polizeikräfte hat daher zentrale Bedeutung. Ein nachhaltiger Kapazitätenaufwuchs wird den Einsatz von deutlich mehr Mitteln erfordern."

Trotzdem strebe Deutschland an, die Zahl deutscher Polizeibeamter zu erhöhen - angesichts der fehlenden Freiwilligen ein überaus ehrgeiziges Ziel. Weitere finanzielle Anreize für Auslandsverwendungen plant die Regierung nicht. Einsätze wie in Afghanistan werden bereits jetzt mit der höchsten Stufe des Auslandsverwendungszuschlags, gegenwärtig etwa 92 Euro täglich, vergütet.

Freiwillige sind schwer zu finden

Die Schwierigkeit, Freiwillige für Einsätze wie in Afghanistan zu finden, bestätigt auch der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium und derzeitige stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Fritz Rudolf Körper. "Es war schon zu meiner Zeit schwierig, Leute für Auslandseinsätze zu finden", sagt der SPD-Politiker, der von 1998 bis 2005 Staatssekretär war. Im Zuge des Konzepts zur Neustrukturierung der Bundespolizei, das Schäuble in den nächsten Wochen öffentlich bekannt geben will, dürfe man daher eine offene Diskussion über eine Dienstpflicht nicht scheuen, mahnt Körper. Im Innenministerium wird Schäubles Vorschlag allerdings derzeit nicht weiter verfolgt. "Der Vorschlag war eine politische Vision von Minister Schäuble und mündete noch nicht in einen konkreten Arbeitsauftrag", so ein Sprecher gegenüber stern.de.

Die Diskussion um den Einsatz der Feldjäger hat auch eine außenpolitische Dimension. So stellte Anthony Cordesman, ein anerkannter US-Sicherheitsfachmann vom "Center for Strategic and International Studies", nach einer Afghanistan-Reise im November 2006 fest: "Als internationale Führungsnation für Polizeiarbeit ist Deutschland daran gescheitert, eine effektive Polizei aufzubauen". Wie Cordesman meint auch der deutsche Bundeswehrverband, dass Deutschland die Zeit in den letzten drei Jahren für die Polizeiausbildung vertan habe. "Was uns nachdenklich macht", sagt der stellvertretende Vorsitzende Oberstleutnant Ulrich Kirsch, "ist die Tatsache, dass sich Deutschland in Afghanistan als Führungsnation verpflichtet hat, obwohl man wusste, dass bereits im Kosovo starke Polizeipräsenz erforderlich ist, die Innere Sicherheit nicht wesentlich besser werde und man 7000 Stellen bei der Polizei abbaut."

Von Lars Petersen
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
policeofficer (29.03.2007, 09:26 Uhr)
Kein Wunder........
....dass das Bundesinnenminsterium keine ausreichende Anzahl von Beamten für diese Verwendung mehr gewinnen kann. Ich selbst war von April 05 bis April 06 in Afghanistan. Ich kann keinem Kollegen mit ruhigem Gewissen zu diesem Einsatz raten. Die üblichen einsatzbedingten Schwierigkeiten die dazu gehören haben mich nicht überrascht, schliesslich weissman, worauf man sich einlässt und die einsatzvorbereitenden Lehrgänge u. Ausbildungen waren dahingehend nicht schlecht. Nicht vorbereitet und deshalb für mich besonders enttäuschend war für mich die Erfahrung vor Ort mit Inkompetenzen, Eitelkeiten, masslosen Selbstüberschätzungen und den Ellenbogentechniken mancher deutschen Mitstreiter. Ich hätte das in dieser erlebten Form nicht für möglich gehalten. Eine einzige Selbstbeweihräucherungsvorstellung.
Trotzdem danke für diese Erfahrung
na_bitte_geht_doch (28.03.2007, 18:45 Uhr)
deutsche raus aus Afghanistan
was haben wir deutsche dort eigentlich zu suchen - kommt nach Hause
und bildet die afghanischen Polizisten hier aus
cocotte (28.03.2007, 18:08 Uhr)
Lernt bei den Deutschen
meinte schon der alte Lenin! Wie wär's denn mit der Ausbildung bei uns. So schlecht sind doch die "deutschen Meister" nicht. Und es klappt doch in manchen Bereichen schon ganz gut. Statt viel Geld rauszuwerfen (of course no problem with our politicians) könnte man hier im Lande viel Gutes an Anderen bewirken. Das geht weit über die Einführung junger Polizisten aus der 3. Welt hinaus. Wie wär's denn mal mit der Lehrlingsausbildung für junge Palästinenser bei uns, statt dem teuren "Schifferl-Fahren" vor der Levante Küsten ? Da wären treue und lebenslange Freunde wohl eher zu gewinnen!
Rosenengel (28.03.2007, 16:53 Uhr)
Schon Knapp und dann noch fürs Ausland?
In Deutschland fehlen tausende Polizisten, weil aus Kostengründen (es fehlt Geld) ständig Stellen abgebaut werden. Warum sollen dann Polizisten (und gegen ihren Willen) ins Ausland geschickt werden? Woher kommt denn das Geld dafür?
insLot (28.03.2007, 15:18 Uhr)
so einfach ist es nicht
Ich bin mir sicher, das die Mehrzahl der Bürger welche in den Polizeidienst gegangen sind dabei nicht an Auslandseinsätze gedacht haben und das früher auch keine Rolle gespielt hat. Somit kann diesen auch keine Vorwurf gemacht werden!
Und wiso sollten diese Menschen für die leichtfertigen Versprechen unserer Politiker gerade stehen. Wenn diese so dumm sind und nicht wissen, das man Beamte nicht zum Auslandseinsatz zwingen kann wäre wohl erstmal eine Schulung für unsere Politiker angebracht!
An sonsten sollten sich die hier so frei fordernden Politiker darüber einmal im klaren sein, ohne Selbstverpflichtung geht nichts! Und die meisten altgedienten Polizeibeamten werden diese sicher nicht unterschreiben.
Malt (28.03.2007, 15:11 Uhr)
Typisch
Soviel zur Einsatzbereitschaft unserer Polizei. auch das Argument der Polizisten, sich für den Polizeidienst gemeldet zu haben, um die Bürger in Deutschland zu schützen, kann man da nicht gelten lassen: Wenn mehr afganische Polizisten besser ausgebildet wären, dann wäre auch die Gefahr für unsere Soldaten dort geringer. Somit würde ein Polizist, der sich für den einsatz dort freiwillig meldet, auch deutsche Staatsbürger schützen. Mein Respekt an alle, die dies jetzt schon freiwillig tun.
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