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13. November 2007, 10:10 Uhr

"Union hat sich vom Acker gemacht"

"Lobby-Poltik", "Wortbruch", "strategischer Fehler": Nach der gescheiterten Einigung über den Post-Mindestlohn machte die SPD ihrem Ärger über den Koalitionspartner recht deutlich Luft. Die Opposition kanalisierte ihre Kritik allerdings anders.

Um ihren Lohn geht der Streit: Eine Zustellerin des Postdienstes Citipost (li.), ein Briefträger der Deutschen Post, sowie ein Zustellter des privaten Postdienstes PIN Group (re.)© Joerg Sarbach/Martin Meissner/AP

CSU-Chef Erwin Huber hat den Vorwurf der SPD zurückgewiesen, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe im Streit über den Postmindestlohn Wortbruch begangen. "Wir sind im Wort geblieben", betonte Huber am Dienstag in Berlin. Die Union habe der SPD drei verschiedene Angebote gemacht, wie der Mindestlohn für Briefzusteller für allgemein gültig erklärt werden könne. Die SPD habe alle Angebote abgelehnt. "Wer auf drei verschiedene Angebote nicht eingeht, dem ist nicht zu helfen."

Einigung vorerst gescheitert

Union und SPD hatten sich in der Nacht zum Dienstag nicht über einen Post-Mindestlohn geeinigt. Eine Verständigung gab es hingegen über eine längere Zahlung des Arbeitslosengeldes I für Ältere und eine stärkere Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung von 4,2 auf 3,3 Prozent. Nach Überzeugung von Huber ist die Koalition trotz des Streits über den Mindestlohn nicht gefährdet. Die Koalition sei ein Zweckbündnis, daraus dürften keine Zumutungen für einen der Partner und keine Belastung für die gemeinsame Arbeit entstehen. Huber betonte, die Union bleibe beim Postmindestlohn gesprächsbereit, "die Tür ist noch offen".

Der Geschäftsführer der Linken, Dietmar Bartsch, erklärte am Dienstag in Berlin, SPD-Chef Kurt Beck habe sich in keinem Punkt durchsetzen können. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Fritz Kuhn, sagte im SWR, beim Thema Post-Mindestlohn habe sich die Union gegen die SPD durchgesetzt. Er sei der Meinung, "dass die SPD sich dieses nicht gefallen lassen dürfte". Bartsch sagte, beim Mindestlohn lasse sich "die SPD sogar wie ein Tanzbär durch die Manege führen". Die Verlängerung des Arbeitslosengelds I für Ältere sei auf den Weg gebracht worden, trage aber eindeutig die Handschrift der Union. Die Einführung eines tariflichen Postmindestlohns sei durch die Union mit abstrusen Zahlenspielereien verhindert worden, das Ende des Briefmonopols sei jedoch nicht aufgehoben worden. Kuhn sprach er sich für einen flächendeckenden Mindestlohn aus. Beim Thema Bahnreform solle die Koalition zur Besinnung kommen. Sie taumele von einem Vorschlag zum nächsten.

Müntefering kritisiert "Lobby-Politik"

Anders sieht es der Koalitionspartner SPD: "Das ist eine Form von Lobby-Politik, die ich hoch bedenklich finde", sagte Arbeitsminister Franz Müntefering im Deutschlandfunk. Merkel und die Union hätten alle Ankündigungen "ad absurdum geführt", den Beschäftigten zu vernünftiger Bezahlung zu verhelfen und für fairen Wettbewerb zu sorgen. Der stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Frank-Walter Steinmeier sagte am Dienstag im ARD-Morgenmagazin, er sei "unverändert der Überzeugung", dass der Mindestlohn auf die Tagesordnung gehöre. Man werde nicht aufhören einzufordern, den bereits ausgehandelten Tarifvertrag für Briefdienstleistungen als allgemein verbindlich zu erklären. "Das ist der richtige Weg", sagte Steinmeier.

"Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende hat sich von gemachten Vereinbarungen verabschiedet", urteilte auch SPD-Generalsekretär Hubertus Heil am Dienstag dem Sender N24. Im Sommer sei in Meseberg in der Koalition beschlossen worden, dass es einen Post-Mindestlohn geben solle. "Und wir haben jetzt erlebt, dass sie sich von der Vereinbarung vom Acker gemacht hat." Die Gründe dafür lägen auf der Hand, sagte Heil. Merkel habe sich vor die Lobby-Interessen der großen Verleger spannen lassen. Dies sei ein strategischer Fehler, "weil uns das Thema Mindestlohn in der Koalition weiter beschäftigen wird". Im Frühjahr gebe es eine Gesetzgebung dazu. Dann werde das Thema wieder auf den Tisch kommen. Allerdings gehe er nicht davon aus, dass das Scheitern des Post-Mindestlohns zum Bruch der großen Koalition führen werde. Aber es sei "ein erheblicher Vorgang". "Wenn wir Vereinbarungen getroffen haben, hatten bisher beide Partner immer die Kraft, das auch in den eigenen Reihen durchzusetzen."

Post-Mindestlohn bleibt Thema

Der Postmindestlohn ist auch nach dem Scheitern der Verhandlungen im Koalitionsausschuss nach Einschätzung von SPD-Vorstandsmitglied Niels Annen noch nicht vom Tisch. "Sowohl im Postbereich als auch innerhalb der SPD werden wir uns damit nicht abfinden", sagte Annen am Dienstag im Nachrichtensender n-tv. Er gehe davon aus, dass das Thema auf die Tagesordnung des nächsten Koalitionsausschusses gesetzt werde. Er warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Wortbruch vor. Offensichtlich sei der "Druck der CDU-Hardliner" so stark gewesen, dass sich Merkel nicht getraut habe, ihre Zusage an die SPD einzuhalten.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Feliciah (14.11.2007, 22:15 Uhr)
Also ich bitte Euch....
die Löhne und Gehälter stehen doch jetzt schon in keinem Verhältnis mehr! Ich stimme Gabeltier da vollkommen zu!!! Beispiel: Lokführer beklagen sich über 1500,- Netto(!) und Bankangestellte bekommen 1050,-Netto. Wenn das so weiter geht, muss man sich ja auch nicht mehr um gute Schul- und Ausbildungsabschlüsse, Studium und Fortbildungen bemühen, wenn die "einfachen" Berufe auf Hauptschulniveau mehr Geld bekommen. Dieser Gesellschaft mangelt es anscheinend daran, einfache Vorgänge (Mindestlohn z.B.) gedanklich in das Gefüge Arbeitsmarkt und Ihre Gehälter bzw Löhne einzuordnen. Denn ansonsten seh ich bald die qualifizierteren Berufe bei einem Einstiegsgehalt von 3000,- Netto....
Gabeltier (14.11.2007, 14:12 Uhr)
Verdienen schon genug
Wir können nicht jeder Branche nun nur weil es sozial ist, mehr zahlen. Lokführer, Briefträger, wo soll das enden? Was müsste erst dann der qualifizierte Büroangestellte mehr kriegen? Wem die Löhne nicht passen, soll sich einen anderen Beruf suchen. So treiben wir jedenfalls auf eine Inflation. Die Union verhindert zudem die Arbeitsplatzverluste bei den Post-Konkurrenten.
Oetker333 (13.11.2007, 19:56 Uhr)
Wieso
wählen soviele Deppen Union wenn sie den Mindestlohn wollen? Den Unionwählern fehlt wohl der Verstand oder sie schauen sich anstatt Nachrichten die Propagandaseiten der Union an.
bernie-abg (13.11.2007, 17:11 Uhr)
Ein weiterer Tritt ins Gesicht...
...aller Arbeitnehmer.
Die Regierungskoalition zeigt mal wieder, daß sie bloße Befehlsvollstrecker einer blindwütig gierigen Kaste von Hochfinanzverbrechern ist.
Ich vermute, ein Anruf von Friede Springer bei der Kanzlerin und der ganze politische Büttel ist zusammengesackt wie warmer Pudding.
Ekel und Verachtung für die sogenannten Volksvertreter.
Verlängerung des AlgI für Ältere-Wirkungslos und ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Placebo um dem Volk zu beweisen "Wir tun was für euch"
Eingliederungsgutscheine-damit sollen nur die privaten Arbeitsvermittler gemästet werden
Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung-Versteckte Lohnkürzung, denn bevor diese Beiträge vom AG bezahlt werden können, muß der AN sie erst erarbeiten.
So könnte man endlos weitermachen, diese Koalition wird nie etwas positives für die AN im Land beschließen!
Vorher hatte ich Zweifel ob die SPD als Arbeitnehmerpartei noch wählbar ist, jetzt weiß ich, sie ist es nicht!
D_C_M (13.11.2007, 12:48 Uhr)
Stirb Langsam 5.0
Was hatte man eigentlich erwartet, hauptsache Ihre Diätenerhöhung wurde beschlossen, egal was dem kleinen Manne passiert. Unvermögen, Distanzlosigkeit zum Volk, Fadenscheinige Beschlüsse; und Minister die alles abschiessen und sogar auf der Toilette Abhöranlagen installieren wollen. Tja die nächsten Wahlen kommen bestimmt; und wer Denen alles Glaubt, scheint in den letzten Jahren nichts dazugelernt zuhaben. Wenn Alle sich entscheiden, KEINEN VON DA OBEN, dann wird sich mancher Politiker die Haare raufen. Wir brauchen engagierte Politiker, und keine die nur Ihr Wohl im Auge und der Lobby reihenweise die Hände reichen. Aber was soll man dazu noch sagen, solange jemand dort an der Macht sitzt, und mit Unvermögen eigenartige Vorschläge unterbreitet. Wie auch immer, für viele wird es weitergehen mit dem Leben an der Armutsgrenze.
Raknarak (13.11.2007, 12:06 Uhr)
wenn weihnachten briefe...
...nicht mehr ihr ziel erreichen, da allseits bekannt ist, dass um diese zeit viel geld versendet wird. dann braucht man wohl nicht lange zu überlegen, dass ein postbote vernünftig und gut entlohnt werden sollte.
die angestrebten knappen 10 € finde ich da bereits lächerlich!
tagora-sagittara (13.11.2007, 11:50 Uhr)
Großzügig sind die Schmutzfinken...
nur wenn es um die Höhe ihrer eigenen Saläre geht,...der Otto Normalo geht diesen abgedrehten Egoisten am Arsch vorbei!!
nightmare_online (13.11.2007, 11:39 Uhr)
Muahaha
Nach Version der CDU sind z.B. Zeitungsausträger - weil sie manchmal auch Briefe zustellen neuerdings Briefträger. Demnach sind Taxifahrer (auch die stellen ab und an Briefe zu) ebenso Briefträger wie vermutlich 95% der Bevölkerung dieses Landes. Wer hat nicht schon mal bei Nachbarn oder in der näheren Umgebung einen Brief eingeworfen, weil das näher war als ihn zur Post zu bringen?
Diesen Leuten ist keine Ausrede zu billig, um einen Mindestlohn zu verhindern.
Und die Mitarbeiter der Pin-Ag und anderer Post-Konkurrenten dürfen weiterhin zusätzlich zu ihrem Lohn Hartz-IV beantragen, damit sie am Ende des Geldes etwas weniger Monat übrig haben. DIESE Art der Subventionen sind ja bei den Neoliberalen durchaus gewünscht.
Und - im Gegensatz zur SPD - müssen sie ja noch nicht mal Verluste bei Wahlen befürchten, die Schäfchen (-> CDU-Wähler) wählen in Nibelungentreue "ihre" Partei, völlig unabhängig davon welche Politk diese macht.
Nicht mal dem Bimbes-Kanzler gelang es die Umfragen für die CDU unter 34% zu drücken.
Hach so stellt sich der Politiker den Wähler vor. Schlage vor die CDU bietet demnächst so eine Art Abo an, damit sich der Wähler nicht mehr die Mühe machen muss bei Wahlen das Haus zu verlassen. ROTFL.
Salzsteuer (13.11.2007, 11:37 Uhr)
Eine Sauerei ersten Ranges
macht die Union hier! Wenn eine Firma nur mit Lohndumping in der Lage ist dem Wettbewerber (hier der Post) Konkurrenz zu machen sollten diese möchte-gern-Briefzusteller besser gleich den Laden zu machen.
Versuche mittels "neoliberaler Sklavenhaltung" den Markt zu erobern brauchen wir nicht. Briefe von TNT und Konsorten werde ich nicht in Empfang nehmen sondern entsorgen!
Schade das die Union immer noch ein offenes Ohr für Lobbyisten (und Bimbes?) hat. Oder gefällt es den Herrschaften das man Hartz4-Empfänger so schön mit Niedriglohn knebeln und versklaven kann.
Was hier fehlt ist ein mehrtägiger Generalstreik um anschließend die Frage nach einem Mindestlohn neu zu stellen!
romeodelta (13.11.2007, 11:14 Uhr)
Es wird immer
von Leistungsträgern gesprochen (normalerweise dann nur, wenn's um Managergehälter usw. geht). Leisten die Postler dann nichts und werden deswegen nicht gut bezahlt? So wie ich das sehe, sind die Postmanager auch nichts Nütze, wenn die Ergebnisse ihrer "Leistung" nicht von anderen ausgeführt werden. Auch ich kann das Ruder eines ehemaligen Staatsunternehmens übernehmen und Leute entlassen und meine eigenen Bezüge erhöhen - bin ich dann "Leistungsträger"?
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