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Unterm Rad

Es ist demütigend, als junger Mensch hunderte Kilometer in eine andere Stadt zu ziehen, um dort für lau ein Praktikum nach dem anderen zu absolvieren. Doch Berufseinsteiger tragen selbst Verantwortung: Wer sich nur noch als Produkt anpreist, braucht sich nicht zu wundern, eines Tages als kleines Rädchen in der Praktikumsmaschine zu verschwinden.

Ein Kommentar von Sebastian Christ

Immerhin hat es Sozialminister Olaf Scholz mal versucht: Die Sache mit den Praktika und den schlechten Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die CDU hat das Thema gänzlich verschlafen, die FDP sowieso. Doch was an Vorschlägen letztlich herausgekommen ist, scheint mehr als dürftig: Das Praktikum soll rechtlich schärfer als Arbeitsform definiert werden, Vergütungsansprüche bei faktischer Ausführung von Festangestelltenarbeit einklagbar sein. Klingt eher semi-spannend. Ist es auch.

Die Pläne steuern gleich in zweierlei Hinsicht meilenweit an der Lebensrealität der etwa 400.000 deutschen Praktikanten vorbei. Zum einen zielen sie in erster Linie auf die Dauerpraktikanten, die sich nach dem Studium von Kurzjob zu Kurzjob hangeln. Die gibt es zwar, traurig genug, aber ihre Zahl liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Zum anderen bietet das Scholz-Konzept keine festen Rahmenbedingungen für die Praktika, die während des Studiums oder der Ausbildung gemacht werden. Kein Mindestlohn. Keine Höchstdauer. Das ist ein Problem.

Ausbeuterisch und demütigend

Es ist nicht nur ausbeuterisch, sondern auch demütigend, wenn man als junger Mensch oft hunderte Kilometer in eine andere Stadt zieht, um dort dann für lau arbeiten zu müssen. Zehntausende Praktikanten finanzieren sich in den Semesterferien ihr Praktikum im Bundestag oder bei Werbeagenturen auf Pump. Sie bekommen vom Arbeitgeber kein Geld, müssen trotzdem Miete und Nahverkehr bezahlen, und seit neuestem auch noch Studiengebühren - die auch in Ferienmonaten mit etwa 100 Euro zu Buche schlagen. Nicht selten produziert der freiwillige Arbeitseinsatz zwischen den Semestern ein Schuldenminus im vierstelligen Bereich. Weswegen macht man das? Weil man es machen muss.

Wer sich dann noch von seinen Kollegen im Praktikumsbetrieb wie Luft behandeln lassen muss, kommt sich endgültig verkohlt vor. Mindestens. Es gab viele wissenschaftliche Arbeiten, die versucht haben, das Phänomen "Generation Praktikum" als nicht existent zu entlarven. Es hieß, dass Kettenpraktika nicht üblich seien und dass die meisten Akademiker schnell in den Job fänden. Dabei übersahen die Wissenschaftler aber, dass dieses Gefühl des Betrogenseins weit stärker ist und sich viel tiefer ins Bewusstsein eingräbt, als die blanke und dennoch eindeutig existente Zukunftsangst. Sie entsteht vor allem dadurch, dass man sich als Nummer behandelt fühlt. Und das nach 13 Jahren Schule und einigen Jahren an der Universität. Man biegt in eine ständige Warteschleife ein, die mit jedem Praktikum auf eine neue Runde geht.

Mensch, nicht Lohnsklave

Insgesamt 85 Prozent der jungen Arbeitnehmer wollen in ihrem Betrieb "als Mensch", und nicht wie ein Lohnsklave behandelt werden. Das besagt ein neuer Forschungsbericht des Bundesarbeitsministeriums. Es geht um Respekt. Und der funktioniert bekannterweise nur gegenseitig. Was wir brauchen, ist eine Entprofessionalisierung - und mehr Menschlichkeit. Das gilt freilich auch für die Arbeitnehmerseite. Weniger Schein ist angesagt, mehr ehrliche Substanz und Persönlichkeit. Schmeißt die Bewerbungsratgeber weg! Denn wer sich und seine Arbeitsleistung nur noch als Produkt versteht und verkauft, braucht sich auch nicht zu wundern, wenn er eines Tages als kleines Rädchen in der Praktikumsmaschine verschwindet.

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