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Presseschau

"An Kohls Sarg war Europa plötzlich wieder groß"

Weltpolitiker, großer Europäer, Kanzler der Einheit. Auch wenn es Schattenseiten gab - beim Trauerakt für Altkanzler Kohl in Straßburg sagten Redner von Clinton bis Merkel vor allem eins: Danke. Zu Recht, urteilt die deutsche Presse. 

Helmut Kohl wird in Speyer mit militärischen Ehren zu Grabe getragen

Helmut Kohl wird in Speyer mit militärischen Ehren zu Grabe getragen

Trauerfeierlichkeiten wie für den verstorbenen Altkanzler haben Deutschland und Europa noch nicht erlebt: Mit dem ersten europäischen Trauerakt in Straßburg, einem Trauerzug durch seine Heimatstadt Ludwigshafen und einem Requiem im Dom von Speyer nehmen Spitzenpolitiker aus aller Welt genauso wie die Menschen seiner Heimat am Samstag Abschied von Kohl. Einen ganzen Tag lang werden immer wieder seine Verdienste um die deutsche Vereinigung und die Einheit Europas gewürdigt. Zum großen Abschied ehrte auch die deutsche Presse nochmals den Altkanzler.

"Neue Osnabrücker Zeitung" 

Am Tag seiner Beisetzung wurde Helmut Kohl selbst zum Auslöser eines historischen Moments. An seinem Sarg, aufgebahrt im Zentrum des politischen Europas, erinnerten sich die Mächtigen des Kontinents an den europäischen Traum. Die Vision einer Gemeinschaft gleichberechtigter Staaten, die Konflikte am Verhandlungstisch austragen und nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Die gemeinsame Werte haben, Demokratie und Humanität verteidigen. An Helmut Kohls Sarg war plötzlich wieder groß, war es wieder eine mächtige Idee und keine kleinkarierte Erbsenzählerei. Der Trauerakt für den unbeirrbaren Europäer bot seinen Nachfolgern die Chance, die Gunst der Stunde zu erkennen und die Aufbruchstimmung zu befeuern, die in diesem würdigen Abschied lag.

"Berliner Zeitung"

Es war die richtige Entscheidung, Helmut Kohl durch einen europäischen Trauerakt zu verabschieden. Es ging im Europäischen Parlament nicht nur um eine Person. Es ging auch um eine politische Botschaft, und die wurde sehr eindrucksvoll gesetzt...Die zwei Stunden in waren mit viel Pathos gefüllt, aber die Appelle konnten zu Herzen gehen. Im Publikum saßen die britische Premierministerin Theresa May, die ihr Land aus der EU führen will, und das EU-Sorgenkind, Ungarns Ministerpräsident Victor Orban. Es ist zu wünschen, dass sie - aber nicht nur sie - zugehört und sich berühren haben lassen.

"Westfälische Nachrichten" 

Ein Tag voller Symbolik und großer Gesten, mit historischen Einordnungen und politischen Versprechen. Zwar ein trauriger Tag des Abschieds von Helmut Kohl - aber auch ein Tag, an dem sich das aktuell von Zwist und Kleinmut getriebene Europa einmal wieder auf den Kern der grenzübergreifenden Union besinnen konnte. Der erste europäische zeigte auch der Weltöffentlichkeit, dass die Nationen dieses Kontinents sehr wohl wissen, auf welchem schwer erarbeiteten Fundament Frieden, Freiheit und Wohlstand gründen. Warum aus Feinden Freunde geworden sind.

"Stuttgarter Nachrichten"

Die Geschichte werde über die richten, die kurzfristig denken, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gesagt. Helmut Kohl hat allen gezeigt, was es heißt, an europäischen Überzeugungen jenseits der tagespolitischen Untiefen festzuhalten. Die europäische Fahne auf dem in Straßburg und der Trauergottesdienst in Speyer symbolisieren nicht eine Union von gestern. Kohl hat allen, die es gut mit diesem Kontinent meinen, über seinen Tod hinaus ein Ziel gegeben: dass jeder Patriotismus in Europa anfängt.

"Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung"

Welche historische Bedeutung Kohl am Ende von der Geschichtsschreibung zugestanden wird und welche Rolle dabei auch seine umstrittenen Entscheidungen im Amt spielen, stand an diesem Tag nicht zur Debatte. Es ging nur um eines: An das Werk eines Mannes zu erinnern, der aus Krieg und Feindschaft die richtigen Konsequenzen gezogen hatte. Und dem es gelungen war, seine politischen Partner von damals mit ins Boot zu holen. Es ist dieser Erfolg, den man sich von Kohls Nachfolgern heute wünschen würde - nicht für sie selbst, sondern für die Menschen, deren Leben und Zukunft ihr Auftrag ist.

ivi/AFP/DPA

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