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Pressestimmen

"In die Fresse" und "Jagen wir sie" - "Wie wär's mit einem zivilisierten Ton?"

90 Prozent Zustimmung: Andrea Nahles ist nun die mächtigste Frau in der SPD. Doch statt zu regieren wird opponiert - und zwar mit Leidenschaft. Und die ist auch nötig, da ist sich die deutsche Presse einig. Ein Überblick über die Reaktionen zur Wahl von Nahles.

Die Kommentatoren in den deutschen Medien sind sich relativ einig: Die Aufgabe, vor der Andrea Nahles in den nächsten vier Jahren steht, hat es in sich. Als neue Fraktionschefin will sie der SPD nicht nur wieder zu alter Stärke führen, sondern auch die AfD zurückdrängen. Ob sie dafür allerdings gleich in den Jargon der AfD verfallen muss, ist fraglich. Die Pressestimmen:

"Berliner Zeitung", Berlin

, die neue Fraktionschefin der SPD, sagte, dass sie 'ein bisschen wehmütig' sei, die Regierung zu verlassen, um dann im Nachsatz von allen guten Geistern verlassen zu werden. Denn sie fügte an: 'Und ab morgen kriegen sie in die Fresse.' Wie abgelöscht muss man sein, um solche Worte nicht gnadenlos unwürdig zu finden? Sie finden es spießig, das so zu sehen? Vielleicht ist das so. Aber wenn wir nicht ab morgen alle etwas spießiger sind, dann werden wir in den nächsten Jahren, diesen 'In die Fresse'-oder-'Jagen wir sie'-Wettkampf immer weiter treiben.

"Volksstimme", Magdeburg

Die SPD ist mal wieder im Aufbruch. Das letzte Mal war der 100-Prozent-Vorsitzende Martin Schulz der Protagonist, jetzt ist es die neue Fraktionschefin Andrea Nahles. Mit 90 Prozent Zustimmung gewählt, ist die bisherige Arbeitsministerin nun die mächtigste Frau in der Partei. Nahles kommt vom linken Flügel. Wie viel davon geblieben ist, muss man sehen. Damit sie nicht übermütig wird, hat ihr der rechte Seeheimer Kreis Carsten Schneider an die Seite gesetzt. Die Frau aus der Eifel hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen, weshalb sie unter Kanzler Gerhard Schröder zur Unperson in der SPD wurde. Nun platzt sie vor Selbstbewusstsein und macht daraus keinen Hehl. Doch wenn Nahles ankündigt, dass ihre CDU-Kabinettskollegen ab morgen "in die Fresse" kriegen würden, ist das nichts anderes als der Jagd-Aufruf von AfD-Senior Alexander Gauland. Soll der Bundestag zum Schlachtfeld verkommen? Wie wär's mal mit einem zivilisierten Ton? 

"Weser-Kurier", Bremen

Die richtet sich ein in ihrer neuen Rolle. Doch was so reibungslos wirkt, wirbelt die Sozialdemokraten heftiger durcheinander, als sie zugeben mögen. Bisher galt das Zitat von Franz Müntefering: "Opposition ist Mist." Nun, nach einer historischen Wahlpleite, ist Opposition plötzlich Ehrensache. Statt zu regieren wird jetzt opponiert, und zwar mit Leidenschaft. Aber auch nur kurz, denn Andrea Nahles, neue Fraktionschefin, will schon in vier Jahren eine SPD präsentieren, die wieder über 30 Prozent liegt. Dann soll die Union zittern müssen und so ganz nebenbei die AfD aus dem Bundestag fliegen. Große Ziele also, die Nahles sich da steckt. 

"Rheinpfalz", Ludwigshafen

Nahles fragte, ob die Aussagen der SPD für die Menschen klar und verständlich waren. Die Antwort lag allen auf der Zunge: Nein. Schließlich mahnte Nahles an, sich nicht allein auf Themen zu stürzen, die in der von Lobbyisten (und Medien) bevölkerten Berliner Blase eine Rolle spielen, sondern 'draußen bei den Leuten'. Das sind Erkenntnisse von ergreifender Schlichtheit. Gleichwohl sind sie zutreffend."

"Frankfurter Rundschau", Frankfurt

Die Sozialdemokraten sind mit der Wahl von Andrea Nahles zur Fraktionschefin den ersten Schritt gegangen. Die ehemalige Arbeitsministerin und Generalsekretärin, die ihre Partei in- und auswendig kennt, kann die Nochvolkspartei zu neuer Stärke führen. Ist sie als Oppositionschefin erfolgreich, winkt ihr sogar der Parteivorsitz und die nächste Kanzlerkandidatur. Bis dahin ist es aber ein langer und steiniger Weg. Sie muss mit den Genossinnen und Genossen die Partei inhaltlich und personell neu aufstellen. Dafür wird ein "Weiter so" nicht reichen. Sie wird also bei den geplanten Regionalkonferenzen genau hinhören müssen, wo der Schuh drückt und mit den anderen in der Führungsriege gemeinsam Antworten finden auf die drängenden Fragen. Zusätzlich müssen sie versuchen, eine Mehrheit links der Mitte zu finden. Dafür müssen sie einen Weg finden, um mit den Wahlkampfrivalen der Linken wieder eine gemeinsame Linie zu finden. Offen ist, ob die Gemeinsamkeiten Trennendes überwiegen. 

"Badische Neueste Nachrichten", Karlsruhe

Um nach dem historischen Wahldesaster seinen Job als SPD-Chef zu retten, musste auf den Fraktionsvorsitz verzichten. Damit aber rückt Andrea Nahles in die Pole-Position der SPD und wird zur stärksten Kraft in der SPD. Wenn es in vier Jahren um die Frage geht, wer die SPD in den Wahlkampf führt, wird man an ihr nicht vorbeikommen. Egal wer gerade Parteichef ist.

"Neue Osnabrücker Zeitung", Osnabrück

Wie konnte die SPD von einer Volks- zu einer Sparten-Partei werden? Es wäre unfair, Martin Schulz dafür allein verantwortlich zu machen. Der Kanzlerkandidat blieb zwar blass. Für die SPD ging es zuletzt auch nie um Sieg, sondern darum, wie hoch sie verliert. Doch das Schulz-Debakel stellt nur eine Etappe im Niedergang der Partei dar. Die Flucht vor der Verantwortung in die Opposition ist keinesfalls ein Garant dafür, dass der Partei wieder Leben eingehaucht wird. Der bisherige Neuanfang setzt eher die Serie von Fehlentscheidungen fort. Zumindest erstaunt die Vorstellung der Genossen, dass der geschlagene Schulz als Parteichef und die linke Parteisoldatin Andrea Nahles als Fraktionsvorsitzende Aufbruchsstimmung verkörpern könnten. 

tyr/DPA/AFP

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