Wehr- und Zivildienst dauern ab Juli nur noch sechs statt bisher neun Monate. Das hat der Bundestag heute beschlossen. Doch es könnte noch radikaler kommen: Wegen leerer Staatskassen steht die Wehrpflicht längst komplett infrage. Richtig so, meint Hans Peter Schütz. Vergesst es, sagt Lutz Kinkel.
Einige unserer Volksvertreter, zumeist in der CDU/CSU oder auch in der SPD politisch zuhause, haben als kleine Jungs offenbar zu lange mit Zinnsoldatchen gespielt. Die Kriegsspielchen von einst lähmen heute erkennbar ihre Kraft, vernünftig über die Abschaffung der Wehrpflicht nachzudenken. Dass jetzt schnell noch ein Gesetz über die Wehrdienstverkürzung auf sechs Monate in den Bundestag eingebracht wurde, das ist so sinnvoll, wie wenn die Bundeswehr am Horn von Afrika im Ruderboot auf Piratenjagd ginge.
Die Wehrpflicht hat doch ausgedient. Gehört ausgemustert wg. Untauglichkeit. Aus mehreren Gründen:
Erstens. Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren beendet. Als die Panzerdivisionen des Warschauer Pakts an der deutschen Ostgrenze aufgereiht waren, war die Wehrpflicht Gebot der demokratischen Sicherheit der Republik. Am Hindukusch werden wir bekanntlich nur von Freiwilligen "verteidigt". Der Wehrpflicht fehlt damit hierzulande die sicherheitspolitische und demokratische Legitimation. Ringsum ist die Bundesrepublik umgeben von europäischen Freunden und Verbündeten.
Zweitens. Wehrgerechtigkeit ist inzwischen unerreichbar und sie ist das zentrale Argument für die Verteidigung der Wehrpflicht. Dienen muss doch heute fast nur noch, wer nicht clever genug ist, sich davor zu drücken. Oder zufällig noch nicht weiß, was er künftig machen will. Wie gerecht ist ein Wehrpflichtsystem, bei dem nur noch zwölf Prozent eines Jahrgangs zum Dienst eingezogen werden? Das ist keine Wehrpflicht, das ist willkürliche Wehr-Schikane.
Drittens. Nach sechs Monaten Wehrpflicht ist man kein moderner Soldat. Kriegsgerät und Kriegsführung von heute setzen hoch spezialisiertes Expertentum voraus. Aus den Knarren in der Hand des Infanteristen sind längst technisch hoch komplexe Waffensysteme geworden. Und wird die Bundeswehr wie geplant aus Kostengründen bis 2014 auf 150.000 Mann abgespeckt, indem man 40.000 Berufs- und Zeitsoldaten einspart, dann ist eine vernünftige Ausbildung der Wehrpflichtigen überhaupt nicht mehr möglich. Absoluten Vorrang muss die Ausbildung für Auslandseinsätze haben.
Es gibt ein gewichtiges Argument, das gerne für die Beibehaltung der Wehrpflicht benutzt wird: Mit ihrer Aufhebung verliere das ohnehin unterfinanzierte Sozial- und Gesundheitssystem mit einem Schlag zehntausende Wehrdienstverweigerer, die dann als billige Arbeitskräfte wegfallen. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber verfassungsrechtlich lässt sich damit nicht argumentieren. Denn ein viel gewichtigeres Argument im Sinne unserer Verfassung ist doch, dass sich die persönliche Einengung eines Bundesbürgers durch die Wehrpflicht nur rechtfertigen lässt, wenn ohne sie eine militärische Gefährdung der Demokratie droht. Und das ist nicht der Fall.
Also: Mustern wir die alte Bundeswehr aus. Her mit der Berufsarmee, die wirklich beherrscht, was heutzutage operativ notwendig ist. Auch wenn es von den Volksvertretern Müller, Maier, Schulze, die alle nicht der FDP, den Grünen und der Linkspartei angehören, den Verzicht auf eine Kaserne in ihrem Wahlkreis erfordert.