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19. September 2007, 12:53 Uhr

Gabriele Pauli will Ehe auf Zeit

Die gefallene CSU-Rebellin Gabriele Pauli hat im Rennen um den Parteivorsitz einen Wahlkampfkracher von nahezu biblischer Qualität gezündet: Sie will die Dauer der Ehe auf sieben Jahre begrenzen - mit Option auf Verlängerung. Aber das ist nicht der einzige Punkt des Paulinischen Programms. Von Florian Güßgen

In Rebellenpose: Die Fürther Landrätin Gabriele Pauli mit ihrem Motorrad© Getty Images

Beginnen wir philosophisch, weil das alles schon tiefe Einblicke in die menschliche Seele gewährt, was sich da heute in München zutrug. Es gibt also, philosophisch betrachtet, Menschen, die geraten plötzlich ins Scheinwerferlicht. Sie erscheinen auf der ganz großen Bühne. Frisch. Unverbraucht. Das Publikum giert nach ihnen, weil sie etwas Unbekanntes zeigen. Es lechzt nach den neuen Helden. Von der Begeisterung aufgeputscht wachsen die über sich hinaus, getragen vom euphorischen Geklatsche der Massen. Man will nur noch sie sehen, hören, begaffen. Die alten Helden, sie werden gefeuert oder in den Hintergrund gedrängt. Erst nach einer Weile, nach der dritten, der vierten, der vierzigsten oder der vierhundertsten Aufführung der neuen Helden zeigt sich, was sie wirklich können, ob ihr Können, ihr Glamour, Farce ist oder echte Fähigkeit.

Eine Tragödie im Bierkeller

An diesem Mittwochmittag ist Gabriele Pauli wohl zum 500. Mal aufgetreten, zum 500. Mal seit ihrem kometenhaften Aufstieg im Winter des vergangenen Jahres. Gut eine Woche ist es noch hin, dann verabschiedet der CSU-Parteitag in München den alten Chef Edmund Stoiber und kürt dessen Nachfolger: Erwin Huber, Horst Seehofer, oder eben Pauli. Und weil jeder Kandidat vorab sagen muss, wie er oder sie sich die Zukunft der CSU vorstellt, hat Pauli diesen Termin im Münchner Löwenbräukeller anberaumt, um ihr Programm vorzustellen, ihre Partei der Zukunft auszumalen. Lauschte man den Worten der einstmaligen Heldin, konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier eine Heldenfigur in der Pose erstarrt ist, in der Pose, die ihr einst das Jubelgeschrei eingebracht hat, in der Pose, die jetzt, fast ein Jahr danach, als Farce erscheinen muss. Es ist fast eine Tragödie.

Die CSU und Mandela

Pauli, ganz in Weiß, mit einer großgliedrigen Goldkette, inszenierte sich an diesem Mittwoch zunächst wieder als Frau der Bürger. Sie wetterte gegen Politiker, die das Volk vergäßen, sich von den Bürgern durch eine unverständliche Sprache abgrenzten, und die so die Politikverdrossenheit der Wähler beflügelten. "Das Verständnis von Politik müsste sich nicht nur in der CSU, sondern generell ändern", sagte Pauli - und verwies auf ihr "Programm", das sie, so sagte sie, selbst geschrieben habe. Zunächst versuchte sie etwas nebulös, ihr Menschenbild zu skizzieren, ihre Vorstellung von den Fähigkeiten, die jeder Mensch habe, die er sich aber nur trauen müsse, voll zur Entfaltung zu bringen. Erst, so die Paulinische Philosophie, müssten sich Menschen selbst schätzen, dann könnten sie auch Verantwortung übernehmen. In diesem Zusammenhang bediente sich Pauli sogar eines Zitats von Nelson Mandela, bislang auch kein steter Kronzeuge des bayerisch-christlichen Selbstverständnisses der CSU.

Landrätin lehnt Betreuungsgeld ab

Richtig faszinierend wurde Paulis philosophisch-programmatischer Exkurs aber erst, als sie sich an das derzeit wohl heißeste Thema bei konservativen Selbstbetrachtungs-Übungen heranwagte: Die Familienpolitik. Familie sei für sie, so Pauli, grundsätzlich immer dort, wo Kinder aufwüchsen, nicht nur dort, wo es eine Ehe mit Kindern gebe. Da unterscheide sie sich von dem bisherigen Selbstverständnis der CSU. Das Betreuungsgeld, und das war Hammer Nummer eins im Paulinischen Programm, lehne sie ab. Es sei nicht klar, ob es, pauschal gezahlt, den Zweck erfülle, jungen Familien, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollten, tatsächlich zu helfen.

Angesichts der Tatsache, dass das Betreuungsgeld derzeit wohl als das einzige Projekt gilt, mit dem die gegenwärtige CSU-Spitze versucht, gegenüber der Schwesterpartei und deren Familien-Queen Ursula von der Leyen zu Punkten, war das schon ein recht kühner Vorstoß für eine Frau, die gerne Stoiber-Nachfolgerin werden möchte. Auch das Ehegattensplitting lehne sie auf dieser Basis ab, sagte Pauli. Sie wolle es umwandeln in ein Familiensplitting.

"Die Ehe dokumentiert die Liebe zwischen zwei Menschen"

Noch gewagter allerdings war Paulis zweiter Vorstoß, denn er stieß in das Herz des bisherigen konservativ-christlichen Selbstverständnisses: "Für mich ist eine Ehe nicht dazu da, Sicherheit zu bieten, sondern die Liebe zwischen zwei Menschen zu dokumentieren", sagte Pauli, selbst geschieden. Und weil ihrer Meinung offenbar nichts im Leben sicher ist, zumal nicht die Liebe, schlug sie vor, Ehen grundsätzlich zu befristen. "Ehen sollen nach sieben Jahren auslaufen", sagte Pauli - natürlich mit der Möglichkeit, sie verlängern zu können. Danach könnten die Partner zu einer Verlängerung um einen bestimmten Zeitraum aktiv Ja sagen, schlug sie vor. "Es kann also auch lebenslange Ehen geben." Durch Ehen auf Zeit könnten Scheidungskosten gespart werden.

Spätestens mit dieser Idee dürfte sich Pauli im CSU-Universum in ein ewiges Nirwana geschossen haben, denn selbst die liberalste CSU-Klientel dürfte sich mit dem Konzept der Ehe mit siebenjähriger Befristung kaum anfreunden dürfen. Jenseits der biblisch-bedeutungsschwangeren Zahl sieben, die sich Pauli ausgesucht hat - schließlich gibt es sieben Todsünden, sieben fette und dürre Jahre, dürfte sie, im Gegenteil, bei der katholischen Klientel einen gellenden Aufschrei der Empörung erzeugen.

Provokation um der Provokation Willen

Aber einerlei. Schon vor dem Parteitag, der nächste Woche in München über die Stoiber-Nachfolge entscheidet, gilt Pauli als chancenlos in Sachen CSU-Vorsitz. Die Frage ist lediglich, welchen Aufruhr der Auftritt der gefallenen Rebellin erzeugen wird im Rahmen der leicht geheuchelten Servus-Edmund-Show. Beim Politischen Aschermittwoch in der Frühphase dieses Jahres war Pauli gnadenlos ausgepfiffen worden von der anwesenden CSU-Anhängerschaft. Sie hatte Mut bewiesen, hatte sich dem wütenden Geschrei gestellt. Diesmal könnte es noch lauter werden, auch wenn noch offen ist, ob das wütende Geschrei nicht in hysterisches Hohngelächter übergehen wird. Das hängt davon ab, ob Pauli den Mut haben wird, auch auf dem Parteitag die Befristung der Ehe zu fordern.

Einiges deutet darauf hin, dass es so kommen wird. Es scheint als provoziere die einstige Heldin nur noch um der Provokation Willen, in der vagen Hoffnung, die Emotionen noch einmal hochzupeitschen, als grelle Kulisse einer immer grelleren Farce.

Ihre Meinung

Was halten Sie vom Vorschlag Gabriele Paulis, die Ehe zu befristen?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (58)
Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 58)
 
provoka (22.09.2007, 18:35 Uhr)
Danke,
nunmehr für die Veröffentlichung!
"die gefallene CSU-Landrätin Gabriele Pauli"...
Das kann doch keine neutrale Berichterstattung sein,wenn man bedenkt,daß Ihre Sympathiewerte in Bayern nachweislich von Tage zu Tag steigen? Und sorry,.....,die Beführworter hier als "schwanzgeil" disqualifiziert sich selbst.Wer so in den Wald hineinschreit,muß auch das Echo ertragen können,wenn´s denn eines Wert ist!
provoka (22.09.2007, 18:25 Uhr)
Zu provokativ...?
Es macht mir Angst,daß zwei sachliche Artikel,zugegeben "pp = pro Pauli" und ein Artikel über die nicht ganz neutrale Berichterstattung des Journalisten des Stern hier nicht veröffentlichkeit werden.Nicht einmal eine Stellungnahme!
juergenkalaehne (22.09.2007, 00:06 Uhr)
Das Wildbad läßt grüßen...
Letztlich hat Frau Pauli den Ministerpräsidenten, Herrn Stoiber, gestürzt. Gern nutzte Herr Huber im Januar 2007 im Wildbad die Gunst der Stunde für die eigene Karriere. Vermutlich rechnet er - geblendet durch einen von " Freunden " erwarteten Wahlerfolg beim Rennen um den Chefsessel der CSU beim Parteitag - nicht damit, daß die Stimmung für ihn nun durch die neueste Aktion von Frau Pauli umschlagen könnte. Allerdings könnten die Hoffnungen des Herrn Huber dadurch zerstört werden, daß Herr Seehofer die Stimmen derer bekommt, die möglicheweise Frau Pauli gewählt hätten. Das würde zum Sieg - von Herrn Seehofer - beim Stechen um den Parteivorsitz reichen. Wer führt da Regie, wer bestimmt die Taktik ?!? ... Jürgen Kalähne, BGM a. D.
sportartmakler (21.09.2007, 09:30 Uhr)
@galaxia
und kinder leiden nicht oder machen sich keine gedanken wenn in 2 jahren der nächste liebestüv kommt?
auch wenn sich unsere gesellschaft stetig änderungen gegenüber sieht muß es doch gewisse grundwerte für das zusammenleben geben. dieses eheüberdenkungsgeschwafel wird nur noch mehr egoisten hervorbringen die bei kleinen problemen sich halt mal schnell trennen, ist doch heutzutage normal. die lebensgemeinschaft ehe braucht keine zusätzlichen staatlichen regulierungen. wer heute schon in meinen augen eine vernünftige ehe führt bemüht sich so oder so um den erhalt dieser, ansonsten ist die ehe sowieso zum scheitern verurteilt.
an alle die frau pauli beglückwünschen sich ins gespräch gebracht zu haben, gehts noch? man kann sich gern als querdenker bei aktuellen problemen äußern, wie gesagt, bei problemen. wer heute ein problem mit seiner ehe hat kann sich scheiden lassen, wer das aus welchen gründen auch immer nicht macht (finanz. abhängigkeit, beqemlichkeit .......) wird auch im 7. jahr nix dran ändern.
galaxia (20.09.2007, 20:07 Uhr)
Neue Ideen braucht das Land....
Es trifft vielleicht so manchen Politiker bis ins Mark: da hat er es sich gerade so richtig gemütlich eingerichtet, die Frau zuhause, die Freundin nebenbei, auf Dienstreisen -vielleicht noch auf Staatskosten - die Besuche im Rotlichtviertel. Da ist an so vielen Stellen im Land die Heuchelei bei Männern und Frauen alltäglich geworden. Es dürfen auch Vorschläge primitiv und grammatisch falsch kommentiert werden, das schon. Aber wenn jemand kommt, der von uns ein Umdenken verlangt, dann bäumen sich plötzlich die so Getroffenen und Erkannten auf. Warum wird das Enden einer Ehe mit dem Enden einer Liebe gleichgesetzt? Warum erkennen die Erbosten nicht, dass gerade in diesem Vorschlag von Frau Pauli eine Chance für jede echte Ehe liegt?! Sie schafft die Ehe nicht ab - sie definiert sie neu - und ehrlich. Entscheidet sich ein Paar wirklich gegen eine Verlängerung, dann hat das vermutlich auch einen Grund. Entscheidet sich jedoch ein Paar nach 7 Jahren erneut füreinander, dann gibt es mit Sicherheit einen ganz neuen Impuls: wir wollen uns immer noch. Wir sind nicht nur zu bequem oder geizig für eine Scheidung. Es wird Zeit, dass diese alten und überholten Gesetze der heutigen bewußten Zeit angepaßt werden. Die Anwälte und Gerichte haben gut daran verdient. Unsere Kinder haben lange genug darunter gelitten.
Ermatrans (20.09.2007, 17:47 Uhr)
Pauli hat der CSU nur die nächste Lektion erteilt
Wer etwas verbessern will, muss das Bestehende anzweifeln. Gemäss diesem Grundsatz hat sie zur Jahreswende bereits Stoiber als Spitzenkandidat für 2008 angezweifelt. Die Aufschreie der CSU waren ähnlich heftig wie jetzt - man wollte Pauli niedermobben, sie als selbstverliebt hinstellen, aus der Partei ausschliessen ... -, doch sie behielt recht und Stoiber wurde sogar vom eigenen Gefolge Beckstein und Huber in einem Hinterzimmer in Kreuth weggeputscht. Nun zweifelt Pauli die Ehe in ihrer jetzigen Form an, löst damit die gewünschte Diskussion aus und man wird sehen, ob sie nicht auch hier völlig richtig liegt oder sich zumindest etwas verbessern lässt. Falsch ist in jedem Fall die verblendete, spöttische, beleidigende Reaktion der CSU, die weiter Erfahrung im Nichtsdazulernen sammelt.
H.P. (20.09.2007, 13:44 Uhr)
tripex (20.9.2007, 13:11 Uhr):
+++++Steuerliche Vorteile müssten meiner Meinung nach sowieso abgeschafft werden, zumindest ohne vorhandene Kinder.+++++
Hier schreiben Experten die es wissen müssen, ich bin verheiratet und meine Frau und ich sind Kinderlos, was nicht unsere Absicht war, wir beide sind in Steuerklasse 4, und haben Abzüge wie ein Junggeselle, fast die Hälfte unseres Einkommens geht an den Staat und soziale Zwecke, was sollen wir noch alles bezahlen?
Ich bin nur froh das die Meinungen einiger Menschen nicht die Politik bestimmt, sonst könnte man Angst bekommen.
tripex (20.09.2007, 13:11 Uhr)
Die einzigen Befuehrworter
sind Leute mit negativen Erfahrungen. Aber genau diese Leute wissen offenbar nicht, was Ehe bedeutet und sind diese entweder schwanzgeil (gibt's auch bei Frauen, nur heist's da "endlich unter dem Hut") oder zwecks steuerlicher Vorteile eingegangen. Beides keine Gruende fuer eine gute Ehe und daher auch keine guten Gruende fuer einen Ehe auf Zeit (wenn das mal nicht das Unwort 2007 wird). Steuerliche Vorteile muessten meiner Meinung nach sowieso abgeschafft werden, zumindest ohne vorhandene Kinder. Das ist Diskrimminierung und offensichtlich der falsche Weg, jemanden die Ehe schmackhaft zu machen.
Wer aus solch niedrigen Grunden eine Ehe eingeht oder schlicht zu bloed dafuer ist oder keine Zeit hat, einige Jahre seinen Partner fuers Leben zu testen hat nichts anderes verdient. Dieses dumme Argument, man muesse sich ja dann anstrengen, UM den Ehepartner zum Verlaengern zu ueberreden... Also ehrlich Leute, genau das Gegenteil wuerde passieren. Angst, dieses Gesetz wuerde jemals Realitaet werden habe ich nicht. Dafuer sorgen Kirche, Rechtsanwaelte aber vor allem denkende Frauen.
Betonpaul (20.09.2007, 12:40 Uhr)
Ich mag sie
Man muß sich das einmal vorstellen: Der Huber in Latex-------das wäre doch nix. Der Seehofer auch nicht.
Aber die Pauli kann sich das leisten, die hat die Figur dafür. Also Bayern, was wollt ihr: Diese verknöcherten Polit-Gebißträger oder wollt ihr eine schöne Frau, gegen die die Bavaria eine fette Milchkuh ist? Wollt ihr mal was neues, erfrischendes? Das würde euerem verstaubten, vom Strauss-Mief immer noch verpesteten Land einmal gut tun.
mister-mister (20.09.2007, 10:56 Uhr)
Genau das brauchen wir..............
Frau Pauli mausert sich immer mehr zur Paris Hilton der blauweißen Satirepolitik-Szene. Bevor wir (die noch wissen, dass Beziehung, Ehe und Zueinander zu den wenigen Dingen gehören, die nicht regulierbar sind) uns von einer mediengeilen Provinzcharge hineinreden lassen, schliesse ich mich nahtlos dem Kommentareines meiner Vorredner an - laßt sie da wo sie ist: in der Versenkung. Und grabt das Verlies vielleicht a bissel tiefer.................
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