25. Juni 2006, 10:21 Uhr

"Wir suchen Orte des Reichtums heim. Aber uns geht es nicht ums Klauen"

Sie stürmen einen Edelsupermarkt, sie überfallen ein Sterne-Restaurant. Die Beute, so sagen sie, haben sie an Arme in Hamburg verteilt. Sie nennen sich die Superhelden, Polizei und Verfassungsschutz sind ihnen auf der Spur. Der stern sprach mit der Gruppe über die Motive ihrer Diebestouren.

Im Mai 2005 überfiel die Truppe das Hamburger Nobelrestaurant "Süllberg" - mit Provianttüten und einem Transparent für die Gäste©

Werte Dame, werter Herr, Sie sehen so nett, so brav aus. So harmlos, so unschuldig.

NINA: Wie sollen wir denn schon aussehen? Was wollen Sie denn? Wir sind ganz normale Menschen, wir sind...

Diebe. Räuber.

PETER: Was? Wir sind keine Diebe. Wir sind Studenten ohne große Aussicht auf gute Jobs, wir sind Leute, die sich von einem schlecht bezahlten Praktikum zu einem unbezahlten Praktikum hangeln, Leute mit befristeten Arbeitsverträgen, die nachts bei der Post für 'n Hungerlohn Briefe sortieren. Putzfrauen, Ein-Euro-Jobber. Wir sind Leute, die von ihrer Arbeit hier in Hamburg kaum leben können.
NINA: Ich arbeite in einem Callcenter, verdiene 870 Euro im Monat, bin den ganzen Tag - acht Stunden lang - freundlich am Telefon, bin ansprechbar, verfügbar, ich beiß die Zähne zusammen. Ich mache kostenlos Überstunden, aber irgendwann sage ich mir: Eh, das reicht! Wir sind Leute, die...

...verkleidet als Supermänner, verkleidet als Comicfiguren, neulich einen Hamburger Edelsupermarkt gestürmt haben, 30 Mann hoch, und teuerste Delikatessen abgeschleppt haben - ohne zu bezahlen.

PETER: Ja, das war eine Aktion der "Superhelden".

Das war Diebstahl.

PETER: Nein. Wir sind keine Diebe. Keine Räuber. Es geht uns um Rebellion.

Rebellion?

NINA: Ja, Mann, begreif doch! Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren. Wir wollen aus der Passivität heraus. Jeden Tag höre ich, wir leben über unsere Verhältnisse, wir sollen flexibler sein, länger arbeiten für weniger Geld. Gequatsche. Uns geht es noch zu gut! Zu gut? Ich muss mir überlegen, ob ich mir den Zahnarzt leisten kann, ich gehe an Schaufenstern vorbei und sehe Dinge, die für mich unerreichbar sind. Ich schaffe an diesem Reichtum mit in dieser Stadt - aber ich habe nix davon. Nur Angst, noch weiter abzusinken. Permanente Unsicherheit. Beleidigungen.

Aber was soll so ein Überfall auf einen Gourmettempel? Was soll das Abräumen eines Büfetts in einem Luxusrestaurant? Ist es einfach das: Rache?

PETER: Nein.

Ist es dann vielleicht das: ein spätpubertäres Spielchen, bevor man endgültig erwachsen wird?

NINA: Unsinn, Pappnase. Ich bin 34, kein Kind mehr. Ich weiß, was ich tue. Ich seh mein Leben, und ich will ein besseres Leben!
PETER: Das sind symbolische Aktionen. Was wir erbeutet haben, haben wir in den armen Vierteln der Stadt verteilt. Die Leute haben sich irre gefreut! Wir haben nichts für uns genommen. Es sind keine Spielchen, nein. Wir gehen durch diese Stadt, wir sehen ungeheuer viele Orte, wo sich der Reichtum symbolisiert, wo ein bisschen Kaviar 500 Euro kostet. Nina kriegt 870 Euro im Monat. Hängt das vielleicht zusammen? Könnte es sein, dass der manchmal fast obszöne Reichtum in dieser Stadt sich aus Arbeitsverhältnissen speist, die ungerecht sind? Dass der Wohlstand erarbeitet wird, weil Menschen hier zum Teil unter miesesten Bedingungen schuften?

"Die Superhelden" in selbst genähten Kostümen: Muskelfrau Nina, 34, neben Superman Peter, 26, und zwei Mitstreitern. Insgesamt gehören 30 Männer und Frauen den Mundraub-Aktivisten an©

Das ist ein ziemlich einfaches Weltbild. Oben sind die bösen Reichen, und unten sind die...

PETER: Nein, so einfach denken wir nicht. Wir sind nicht blöd. Wir lesen im stern beispielsweise: "Hamburg ist eine Boomtown. Die Weltstadt am Wasser begeistert Touristen, Architekten, Unternehmen - mit weißen Villen und Wind und Weite!" Aha. Mein Hamburg sieht völlig anders aus. Hamburg heißt für mich, für uns, heißt für Zigtausende: schlechte Arbeitsbedingungen. Was boomt, ist die Armut. Die Unsicherheit. 200 000 Menschen leben hier in Armut, 100 000 Menschen ohne Papiere, 100 000 Menschen ohne Krankenversicherung, 50 000 Kinder wachsen in Armut auf. Wissen Sie eigentlich, Sie hier in Eppendorf, was das heißt? Knurrende Mägen. Kein Freibad. Kein Kino. Ausschluss von Klassenreisen. Leben ohne Perspektive. Und das in der reichsten Stadt Deutschlands! Hier leben 12 000 Vermögens- und über 1000 Einkommensmillionäre, neun Milliardäre. Geld gibt's also genug!

Das war nun der Volkshochschulkurs. Aber was wollen Sie damit sagen?

PETER: Dass das sein muss, was wir tun! Wir suchen Orte des Reichtums heim. Uns geht es nicht ums Klauen. Wir wollen das Denken anregen, Fragen aufwerfen: Warum haben die einen so viel, die anderen so wenig? Wieso leben manche im Luxus, während so viele darben? Muss das sein?
NINA: Wir wollen zeigen, dass man sich wehren kann! Sich gemeinsam wehren kann gegen diese Zumutungen. Wir wollen Mut schaffen. In jedem von uns steckt ein Superheld!

Über seinen Sinn des Lebens hat Bert Brecht mal gesagt: "Ich hoffe, wir haben ihnen" - und er meinte die Herrschenden - "das Leben wenigstens schwer gemacht."

PETER: Ich will niemandem das Leben schwer machen. Kennen Sie die Band Superpunk? Die singen: "Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen!" Das ist im Grunde unser Ansatz: Wir wollen, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht.
NINA: Ich will ins Theater gehen können. Ins Kino gehen können. Ich will meine Zähne reparieren lassen können.

Das sind einfache Wünsche.

NINA: Das sagen Sie! Oh Mann. Leben Sie doch mal von 870 Euro hier in Hamburg! Und Sie werden sehen: Plötzlich werden Sie zum Schwarzfahrer von U- und S-Bahnen - wie 200 000 andere, die im vergangenen Jahr hier in Hamburg erwischt worden sind! Plötzlich stehen Sie vorm Kino und drehen ein paar Cents in der Tasche rum. Da ballt sich dann Ihre Hand von selbst.

Rudi Dutschke hat in den Sechzigern immer wieder die Revolutionskomödie "Viva Maria!" angeschaut, um seinen rebellischen Elan anzustacheln. Manche Ihrer Aktionen sehen aus, als ob für Sie der Film "Die fetten Jahre sind vorbei", in dem Jugendliche in Villen einbrechen, die Möbel verrücken, Drohbotschaften für die Besitzer hinterlassen, ein Lehrfilm gewesen sei.

PETER: Für mich schon. Ein netter Film. Und Weingartner, der Regisseur, hat sich gefreut, dass seine fiktiven Figuren in die Realität getreten sind.
NINA: Manchmal greift die Populärkultur unterschwellig vorhandene Stimmungen genial auf. Für mich ist eine kleine Liedzeile von Gitte Haenning ganz wichtig: "Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort, eh' der letzte Traum zu Staub verdorrt."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 25/2006

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