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22. Januar 2008, 19:21 Uhr

Gemeinsam gegen Nokia

Geschätzte 13.000 Demonstranten haben gegen die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum demonstriert. Tausende verlieren ihren einst sicher geglaubten Arbeitsplatz - der Protest ist enorm. stern.de reihte sich ein und machte sich ein Bild vor Ort. Von Matthias Lauerer

Die ganze Stadt Bochum kämpft um die Arbeitsplätze bei Nokia© Ina Fassbender/Reuters

Er hat es sich nicht nehmen lassen. Er, der ehemalige SPD-Finanzminister und heutige Vorsitzende der Linken. Wie aus dem Nichts taucht gegen 11.15 Uhr plötzlich Oskar Lafontaine in Begleitung von drei Bodyguards vor dem Bochumer Nokia-Werk auf. Er lächelt, gibt routiniert ein paar Interviews und sagt gewohnt Rebellisches: "Wir hoffen, dass dieser Protest in Deutschland zu weiteren Protesten führt." Dann reiht er sich in der Mitte des knapp einen Kilometer langen Demonstrationszuges ein.

Der Andrang an Protestwilligen in Bochum ist enorm. Vor dem Werkstor drei weht ein riesiges rotes Fahnenmeer, neben den Logos der IG-Metall und der MLPD ist auch das der Grünen zu sehen. Die Lufthoheit hat jedoch eindeutig die Linke - aus einem kleinen Lieferwagen kommt zur Sicherheit Fahnen-Nachschub in Massen. Am Himmel sichert ein Polizeihubschrauber den Protestzug ab.

Gewerkschafter, Politiker, Rentner, Schüler: Tausende haben sich vor dem Nokiawerk versammelt, um ihrem Unmut über die Schließungspläne mithilfe von Trillerpfeifen und Ratschen Luft zu machen. Mehrere tausend Arbeitsplätze sind betroffen. Ein schwerer Schlag für die Region, die bereits die Schließung von BenQ verkraften musste.

Übertönt wird der Protestlärm in regelmäßigen Abständen von einem lauten Glockenklang. Geschlagen wird sie von Josef Auer. Er arbeitet eigentlich bei ThyssenKrupp Nirosta, doch heute ist sein Job ein anderer: Auer und seine Glocke protestieren. Wenn er sie läutet, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. "Man muss doch etwas tun", sagte er zwischen zwei Schlägen und bekommt gleich Unterstützung von Stahlarbeiter-Kollege Jürgen Salewski. Zusammen arbeiten die beiden seit 73 Jahren bei ThyssenKrupp Nirosta.

Demo statt Unterricht

Zu den Protestierenden gehört auch ein Schüler der Graf-Engelbert-Schule. Der 17-Jährige demonstriert, obwohl er eigentlich die Schulbank drücken sollte. Der Schuldirektor hat die Teilnahme am Protestzug nach erstem Zögern genehmigt – wer protestieren will, wurde vom Unterricht befreit. Klän hat einen besonderen Bezug zu Finnland, denn der Schüler der Jahrgangstufe Zwölf hat von 2006 bis 2007 für ein Austauschjahr in Süd-Finnland gelebt. Es geht ihm um "ein Zeichen", das er mit seiner Spontan-Teilnahme setzen will. "Denn wer nichts macht, der macht sich mitschuldig." Klassenkameradin Kerstin Lederbogen stimmt ihm zu und ergänzt: "Die Masse macht's."

Um fünf vor zwölf setzt sich der Protestzug in Bewegung. Vorneweg tragen Nokia-Mitarbeiter stumm einen Holz-Sarg, über den ein weißes Tuch mit blauem Nokia-Logo gelegt wurde. Das Werk wird zu Grabe getragen. Direkt dahinter haben sich publikumswirksam Politiker in den Protestzug eingereiht: Hannelore Kraft von der SPD ist zu sehen, ebenso der CDU-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Ein Liedermacher heizt den Protestierenden mit seiner Gitarre zusätzlich mehr schlecht als recht ein: "Keiner, ja keiner schiebt uns weg. Wie ein Baum, der ständig steht am Wasser, keiner schiebt uns weg." Erst singen die Demonstranten nur zögerlich mit, dann stimmen viele in den Refrain ein. Eine "Solidaritäts-Bekundung" jagt die nächste. "Es geht um die Arbeitsplätze der Zukunft", sind sich alle einig.

Job-Angebote für Nokia-Mitarbeiter

Es wird jedoch nicht nur protestiert. Eine Agentur lässt kleine Flyer verteilen. Auf ihnen ist zu lesen: "Nokia entlässt - Wir stellen ein!" Sie bietet offenbar entlassenen Nokia-Mitarbeitern eine neue Heimat. Andere offerieren rechtlichen Beistand bei möglicherweise anstehenden Abfindungs-Verhandlungen. "Nehmen sie ein Angebot auf keinen Fall sofort an. Erbitten sie sich Bedenkzeit. Lassen sie sich nicht unter Druck setzen", lauten die Ratschläge der Anwaltskanzlei.

Aber nicht alle haben demonstriert, sind mitgelaufen: Am Werkseingang stehen am frühen Nachmittag noch fünf Menschen. Sie warten auf ihren letzten Einlass. Zu ihnen gehören die ehemaligen Nokia-Leiharbeiterinnen Jessica Jentsch´und Katharina Reuther. Während in nur zwei Kilometern Luftlinie emsig demonstriert wird, räumen sie in aller Stille ihre Spinde aus. Bereits am 16. Januar erhielten die Arbeiterinnen ihre Kündigung.

Für "7,53 Euro Brutto und 6,88 Euro Netto-Lohn" rackerten die Randstad-Leiharbeiterinnen bei Nokia "in der Verpackung", wie sie es nennen. Zuletzt sogar von Montag bis Sonntag. "Was mich besonders ärgert: Wer noch im Dezember 2007 die höchsten Stückzahlen in der besten Qualität fertigte, der sollte von Nokia ein Handy- oder eine tolle Gutschein-Prämie erhalten", sagt Jentsch wütend und zündet sich dann eine Zigarette an. "Die Handys liegen bereit, doch wir kriegen nix."

Schule statt Nokia

Immerhin hat sie schon einen Plan für die Ära nach Nokia: Die junge Frau will ihren Realschullabschluss nachholen, der Kurs beginnt bereits im März. Ihre ehemalige Kollegin Reuther hat ein kleines Kind und weiß noch nicht, wie es bei ihr weitergeht. "Ich sollte nach Krefeld, dort in einer Produktion helfen, doch das ist mir zu weit." Sie sagt es irgendwie trotzig, während sie langsam mit Jessica noch ein letztes Mal durchs Stahltor hinein ins Nokiawerk geht. Als sie sich noch einmal umdreht, sieht man jedoch ihre roten Augen.

Von Matthias Lauerer
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Nesqui (24.01.2008, 14:38 Uhr)
Subventionierte Arbeit
Jeder der hier schreibt man solle doch froh sein eine Firma wie Nokia "gehabt zu haben" sollte mal den Taschenrechner zücken. Wer hier mal die gesamt Subventionssumme durch die Mitarbeiter teilt, kommt zu einem mehr als fürstlichen durchschnittlichen Jahresgehalt aller Mitarbeiter. Wer angesichts dieser Zahlen noch sagt Deutschland seie aufgrund der Lohnkosten nicht konkurrenzfähig, hat was falsch gemacht. Gewissermaßen haben alle Mitarbeiter bei Nokia min. 1 Jahr gratis gearbeitet.
Hätte Nokia ohne solche Zahlungen den Entschluß gefasst zu verlager, wäre dies zwar eine bittere Pille, jedoch verständlich. So ist es wie es ist. Eine Sauerei, alle Vorteile abschöpfen und profitieren. Sobald es in die weniger gewinnträchtige, weil nicht mehr subventionierte Zone geht, auslagern und auf weitere Subventionen hoffen.
Einfaches Prinzip der Gewinnmaximierung, jedoch ethisch verwerflich ausgeführt.
Also bitte lasst solche Kommentare die NOKIA am Ende noch Honig um den Mund schmieren, nach dem Motto: "Schön das Ihr euch hier überhaupt habt blicken lassen!" Wer so argumentiert, hat wirklich nichts verstanden!
Fox59Fire (23.01.2008, 21:32 Uhr)
@karl_n
Nicht gelesen? "Die Email-Adresse dient zur Versendung des Angebots." Wieder nur ein Profiteur, für dessen Handy-Tauschbörse die Bochum-Story gelegen kommt. Den interessieren nicht die Bochumer NOKIA-Arbeiter, sondern nur seine eigenen Kohlen! Sowas untertütze ich nicht! Ich kann und werde auch ohne eine solche Aktion kein NOKIA-Handy mehr kaufen. Zum Glück gibt es ja genug Auswahl!
karl_n (23.01.2008, 20:09 Uhr)
da geht der boykott weiter
http://www.nokiaprotest.de/
karl_n (23.01.2008, 20:09 Uhr)
PROTEST AUCH ONLINE
schaut mal hier da gehts online weiter: http://www.nokiaprotest.de/ !!!
yetile (23.01.2008, 11:46 Uhr)
Eigentlich jeder Kommentar überflüssig!
Diese Kommentare sind eigentlich alle überflüssig, meiner eingeschlossen. Nokia ist ein finnischer Konzern und wir dürfen dankbar sein, dass dieser ausländische Konzern, sich trotz der vergleichsweise teuren Produktionskosten für eine Weile in Bochum niedergelassen hatte. Jeder schaut nach seinem Vorteil, sogar jeder einzelne Mensch. Wer würde nein sagen, wenn ihm jemand einen Job in der Schweiz anbieten würde für 100 € pro Stunde? Steuerfrei? Niemand, ich würde gehen und die allermeisten die das hier lesen auch! Und so ist es eben auch umgekehrt. Warum reisen soviel Männer nach Thailand, Philiphinen, usw.. Weil sie dort für eine Woche nur 20 $ bezahlen müssen, anstatt 200 € pro Stunde in einem deutschen Bordell. Was ist mit den Ur-deutschen Konzernen: Schauen sie doch mal rein in Ihre Packete von der Telekom und zählen Sie die Artikel, auf denen draufsteht "Made in China" und so weiter. Der Telekom ist es scheissegal, ob in China Menschen unterdrückt, ausgebeutet oder wegen angeblicher Verbrechen grausam bestraft werden, sogar die Todesstrafe erhalten. Ich könnte hier ewig so weiterschreiben, aber ich denke meine Beispiele genügen bereits, um jedem klarzumachen, dass die Nokia-Führungsspitze genau das tut, was die Aktionäre dieses Unternehmens möchten: Sie versuchen den Profit zu maximieren. Das ist es doch was allen Spass macht, die einen maximieren den Firmenprofit, die anderen maximieren ihren persönlichen Profit, weitere andere versuchen ihre Ausgaben für persönliche Vergnügungen zu reduzieren, und so weiter. Warum sich also darüber aufregen? Take it easy.
Fox59Fire (23.01.2008, 11:10 Uhr)
Zahlen und hoffen!
Wie hat ein Politiker (Name ist mir entfallen) vor Kurzem so treffend bemerkt: Erst mit Subventionen und Zugeständnissen anlocken, dann auf soziales Verhalten und darauf hoffen, das sie ein paar Jahre bleiben! Na ... kapiert?
JoDo (22.01.2008, 22:49 Uhr)
Die Angie hat mit Ihrem Dingens...
(ach, sieh an N-O-K-I-A) die Nordmannen angerufen, viel verstanden hat Sie nicht außer Smörebröd aber wird schon jetzt alles werden, von wegen Sie ja Bundes-Kanzler-In ist. Und Rezehdingens gibt das nur in Ami Land, weil hier haben wir doch Ulla, die macht das schon mit der Gesundheit. Die Banken hat der Steini voll im Griff, die Rente ist gesichert, hab doch gerade Diäten erhöht!
Nu wählt mal alle noch den Koch, der macht das schon mit Kinderverschickung und so. Und der liebe Wolle sichert auch noch unseren Strom, Deutschland kann doch wieder strahlen!
frank77777 (22.01.2008, 22:03 Uhr)
Hey
Kann den Boykotteuren nur zustimmen.
Man erreicht damit nicht viel, aber ein gutes Gefühl.
Und wenn Millionen mal so denken, wirds
auch was, was den gierigen Finanzspinnern irgendwann die Laune verdirbt.
meg04vi (22.01.2008, 21:53 Uhr)
wen wundert`s
Bitte noch mehr Unternehmen subventionieren: wir sind ein reiches Land und haben genügend Steuerzahler! Irgendwie müssen sich die Gewinne ja verdoppeln...
Kiano (22.01.2008, 21:17 Uhr)
Zeichen setzen! Ohne Nokia geht es auch!
Der aktuelle Fall in Bochum. Das kennen wir doch schon! Alles schon zigmal da gewesen!
Vor allem die direkt Betroffenen werden die Fälle von Norsk Hydro, Elektrolux, Siemens - BenQ, Continental, Infineon, Samsung, Motorola usw. noch in all zu guter Erinnerung haben. Allesamt hoch profitable Unternehmen, die zwecks Profitmaximierung tausende von Mitarbeiter auf die Strasse gesetzt haben.
Fast all diese Firmen haben riesige Millionenbeträge an Subventionen zwecks Schaffung bzw. Erhaltung von Arbeitsplätzen kassiert. Schließlich mussten die Arbeitnehmervertreter jedes Mal zu Kreuze kriechen, um so etwas wie einen Sozialplan auszuhandeln, der den meisten Betroffenen nicht wirklich geholfen hat.
Und nun wieder das gleiche Spiel!
Ich frage mich, wie lange wollen sich Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Politiker weiter demütigen lassen? Von einer handvoll „Managern“, die sich nur sich selbst und ihren Kapitalgebern, Investoren, Anlegern (KIA) verpflichtet fühlen.
Management und Belegschaft! Das ist in vielen Unternehmen schon lange keine Einheit mehr, die gemeinsam an einem Strang zieht. Nein, es zeigt sich, dass in einer solchen Firma eine Zweiklassengesellschaft vorliegt. Auf der einen Seite die Profiteure, bestehend aus Shareholdern und, mit bis zu tausendfachem Arbeitnehmerlohn, weit überbezahlte „Manager“, die sich für die Belange der Menschen, denen sie ihre Existenz verdanken, nicht im Geringsten interessieren. Auf der anderen Seite, die oft hoch qualifizierten „Arbeitssklaven". Es ist diese unternehmerische Fehlentwicklung, die mitverantwortlich ist für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme der Industrieländer. Es ist mittlerweile in viel zu vielen Fällen pure Demütigung, Arbeitnehmer zu sein.
Die jetzt von Nokia gedemütigten Angestellten und Zulieferer sollten sich einmal richtig zur Wehr setzen. Dabei sollten sie auf die Unterstützung der Politik, der Gewerkschaften und der gesamten Bevölkerung vertrauen können. Es wäre einfach einmal an der Zeit, ein Zeichen zu setzen!
Zeigt der ganzen Welt, dass in Bochum niemand Nokia braucht, um ein Handy zu produzieren. Auch nicht Motorola, Siemens, BenQ und genau so wenig, wie man Continental zur Reifenproduktion und Elektrolux zur Herstellung von Waschmaschinen braucht! Sollen sie doch gehen!
Bereits jetzt, aber erst recht nach dem Auszug von Nokia, gibt es in Bochum und Umgebung tausende von hoch motivierten „Handybauern“, Fachleute, die sehr wohl wissen, wie man Handys entwirft, produziert und verkauft! Leute, die etwas davon verstehen, ein Unternehmen aufzubauen, zu verwalten und erfolgreich weiter zu entwickeln!
Da gibt es soooo viel Knowhow, um die besten, die schönsten und die preiswertesten Handys der Welt auf den Markt zu bringen!
Die Menschen in und um Bochum sollten dies wirklich tun. Die Arbeitnehmer könnten endlich aus ihrer ewigen Opferrolle schlüpfen und zu Akteuren einer gesellschaftlichen Entwicklung werden. Sie sollten sich zusammenschließen und selbst ein Unternehmen gründen, bei dem die Arbeitnehmer auch gleichzeitig Eigentümer sind. In schlechten Zeiten würden dann alle weniger verdienen, aber niemand würde einfach auf die Strasse gesetzt.
Vor allem werden sich künftig „Manager“, die mit einer Standortverlegung liebäugeln, hüten, nach dem bisherigen Schema zu verfahren, wenn sie damit die Entstehung eines weiteren Wettbewerbers riskieren!
Der Staat, die EU, das Land, die Stadt aber auch Einzelpersonen sollten ein solches Projekt unterstützen weil:
1. Ein Erfolg wäre auch ein Erfolg für den Industriestandort Deutschland!
2. Die Betroffenen hätten eine neue Existenz und sie hätten ihre Würde wieder!
3. Ein Erfolg wäre ein weltweites Zeichen gegen solche Praktiken!
An alle Politiker, die sich derzeit lauthals empören:
Falls Ihnen das Schicksal dieser Menschen wirklich etwas bedeutet, dann sorgen S ie dafür, dass das neu zu gründende Unternehmen mindestens genau so viel Subventionen erhalten wird, wie Nokia bisher erhalten hat und in naher Zukunft in Rumänien und anders wo noch erhalten wird. Dies ergibt, zusammen mit dem Eigenkapital der mehrere tausend Betroffenen und Unterstützern, eine beachtliche Summe von mehreren hundert Millionen Euro. Kein schlechtes Startkapital.
Eine solche Aktion würde sofort weltweite Aufmerksamkeit erregen. Eine großartige Werbung für die neuen Handys! Es wären die ersten Handys, die eine wirkliche Geschichte haben. Eine großartige Geschichte, mit dem Titel „der Sieg der Menschen gegen die Heuschrecken“! Schon deshalb würden weltweit unzählige Sympathiekunden ein solches Handy kaufen!
Fulda, den 22. Februar 2008
Bert Nonnweiler
kia.no.bochum@googlemail.com
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