Die Medien hatten ihn längst als "Sex-Professor" abgestempelt. Tatsächlich aber musste sich Juraprofessor Thomas A. vor dem Landgericht Hildesheim vor allem wegen Bestechlichkeit in 78 Fällen verantworten - und nur nebenbei für das Verhältnis mit seiner Studentin. Die Strafe wurde ausgehandelt: drei Jahre Haft. Von Ingrid Kolb

Menschen im Gericht: Rechts der Vorsitzende Richter Peter Peschka mit den Beisitzern, außen die Schöffen. In der Mitte der Angeklagte Prof. Thomas A., neben ihm seine Anwältin; links dahinter der Mitangeklagte Martin D.. Ganz links Simone S.© Rita Kohel
Man merkt es Simone S. deutlich an, wie unangenehm ihr der Status als Star beim Prozessauftakt ist. Umschwirrt von einem Dutzend Fotografen und mehreren Fernsehteams duckt sie sich weg. Mit blonder Perücke, riesiger Sonnenbrille und einem halb übers Gesicht gezogenen Wollschal versucht die angehende Juristin, 30 Jahre alt, ledig, unerkannt zu bleiben. Der Mann, den sie liebt, sitzt nur wenige Meter von ihr entfernt auf der Anklagebank. Thomas A., 53 Jahre alt, Hochschullehrer, verheiratet, meidet den Blickkontakt mit ihr.
Es ist Ende Januar, vor der vierten großen Wirtschaftsstrafkammer im Landgericht Hildesheim beginnt der Prozess gegen den Juristen. Doch da gilt Prof. A. in den Medien längst als "Sex-Professor", eine Art moderner Professor Unrat. Laut Anklage übte er seine Macht als Hochschullehrer aus, um sich für die "sexuelle Hingabe" seiner Studentinnen erkenntlich zu zeigen. Darüber hinaus lautet der Vorwurf gegen ihn auf Bestechlichkeit in 78 Fällen. Simone S., seiner Geliebten, wird Bestechung in sieben Fällen zur Last gelegt.
Begonnen hatte die strafrechtliche Seite der Affäre am 25. August 2005. Die Studentin und ihr Professor schliefen noch, als es mehrfach läutete und mit Fäusten gegen die Wohnungstür in der Altstadt von Hannover getrommelt wurde. Nach dem Öffnen stürmten fünf Beamte in den kleinen Flur und zeigten ihre Anordnung für eine Hausdurchsuchung. "Ich stand nur da", sagt Simone S., "mir kam das alles so unwirklich vor, es passierte ja aus heiterem Himmel." Die Gründe für die Durchsuchung habe sie gar nicht richtig wahrgenommen - Bestechung, Bestechlichkeit, heraufgesetzte Prüfungsnoten? Damit habe sie nichts anfangen können.
Die Beamten nahmen alle ihre Studienunterlagen über Lehrveranstaltungen mit Thomas A. und ihren Computer mit. Der Juraprofessor, mit dem sie seit November 2001 zusammenlebte, fuhr währenddessen zu seinem Arbeitsplatz an der Juristischen Fakultät der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover. Dort waren Beamte schon dabei, seine Büroräume zu durchsuchen. Gleichzeitig sicherte die Kripo Unterlagen in seinem Haus in Hamburg- Blankenese - hier lebt die Ehefrau des Professors - und im Institut für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach.
Später dann, sagt Simone S., seien sie und ihr Geliebter stundenlang um den Maschsee gelaufen. "Dass die von mir etwas wollten, das haben wir gar nicht ernst genommen. Das wird wieder eingestellt, davon gingen wir aus. Ich hab mich auch so unschuldig gefühlt, dass ich mir nichts anderes vorstellen konnte." Auch über sein Schicksal habe A. sie beruhigt. "Er hat gesagt, dass er mit diesem Institut zusammengearbeitet hat, das ihm Doktoranden vermittelte. Was daraus werden würde, war ihm damals wohl selber nicht klar."
Nein, was daraus werden würde, war an jenem Tag wohl beiden nicht klar. Prof. Thomas A. war bis dahin ein angesehener Rechtswissenschaftler. 1996 wurde er auf den Lehrstuhl für Zivilrecht berufen. Er spricht Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch, spielt Klarinette und Cello, ist international erfahren durch seine Studien in Brüssel, Florenz und den USA. Er galt als umtriebig und engagierte sich für Lehrpläne mit mehr Praxisnähe für künftige Anwälte. Als Beamter war er bis zu seiner Verhaftung am 6. September 2007 ein gemachter Mann mit einem Salär von knapp 5000 Euro netto im Monat.
Auch Simone S. ist nicht der Typ Lola aus dem "Blauen Engel", sondern eine ernsthaft engagierte junge Frau. In der Zeit, als die Staatsanwaltschaft Tausende Blätter Papier las, Konten überprüfte und Verträge studierte, machte sie ihr erstes Staatsexamen, steckt gerade mitten im Referendariat. Zwar ist sie seit 2001 A.'s Geliebte, doch ihre "sexuelle Hingabe" sieht sie als rein privat. Der Professor sei ihr schon bei der ersten Veranstaltung über spanisches Recht sympathisch gewesen, sagt sie leise vor Gericht.
Und was die Hingabe betrifft, verlangte die ihr wohl auch viel hingebungsvolles Warten ab: Hauptsächlich habe ihr Geliebter Doktorarbeiten gelesen, sagt sie. "Die hat er eigentlich immer mit sich rumgetragen. Wenn ich zu ihm reinkam, war er am Lesen. Wenn er im Zug saß, holte er sie aus der Tasche. Mit diesen Doktoratssachen hatte er viel zu tun. Ich habe ihn immer als fleißig empfunden."
Simone S. kann auch nichts dabei finden, dass A. sie ab Dezember 2002 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an seinem Lehrstuhl beschäftigte und diesen Vertrag dreimal verlängerte. Sie hatte vorher schon für andere Professoren gearbeitet, hart gearbeitet, und fühlte sich nicht bevorzugt.

Thomas A. wurde als "Sex-Professor" abgestempelt. Er musste sich wegen Bestechlichkeit in 78 Fällen verantworten© Rita Kohel
Aber um Sex oder gar Liebe und Zuwendung geht es in diesem Verfahren - entgegen Medienberichten - nur am Rande. Es werden keine Zeuginnen aufgerufen, die dem "Sex-Professor" durch entsprechende Gegenleistung eine günstigere Note entlockt hätten. Es geht vielmehr um Korruption und Geld. Weshalb auch der Geschäftsführer des Instituts für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach, Martin D., 53, mit auf der Anklagebank sitzt, wegen Bestechung in 69 Fällen.
Die Sachlage ist einfach und kompliziert zugleich. Der Prof. hat sich schmieren lassen dafür, dass er sich für Kunden des Instituts als "Doktorvater" zur Verfügung stellte. Das Institut hat ihm, dem Beamten, dafür Geld gezahlt, obwohl klar war, dass viele der Kandidaten aufgrund ihrer schlechten Noten bei anderen Professoren kaum eine Chance gehabt hätten.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 15/2008