In München wird die neue Synagoge eingeweiht, jüdische Prominenz aus der gesamten Welt feiert mit. stern.de sprach mit Rabbi Israel Singer, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, über die Synagoge, Neonazis und den Nahost-Konflikt.

Rabbi Israel Singer, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses© Tobias Schwarz/Reuters
Aber ja! In Deutschland haben wir die am schnellsten wachsenden jüdischen Gemeinden der Welt. Das ist bemerkenswert. Die Hoffnung siegt über die Erfahrung.
Wir wollen nicht in einem Lager leben, bewacht von Polizisten mit Gewehren. Natürlich muss man die Synagoge schützen. Aber sie wird ein Ort des Friedens werden.
Diese Synagoge ist keine Rekonstruktion, sie ist ein Neubau! Sie wird die Skyline von München verändern. Die Menschen sehen nun nicht mehr nur die Türme der Kathedralen, sondern auch den Davidsstern. Das ist ein Zeichen für Toleranz und Verständnis.
[Lacht] Ich weiß es nicht. Die Juden werden mit den Füßen abstimmen.
Deutschland hat gute Gesetze, hier darf man den Holocaust nicht leugnen. In den USA und in anderen Ländern darf man das sehr wohl. Im übrigen bin ich dafür, die Fälle von Antisemitismus nicht hochzuspielen. Nicht jedes Hakenkreuz ist ein Signal. In den USA gibt es 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei immer noch Auseinandersetzungen zwischen Schwarzen und Weißen, auch der Ku-Klux-Klan ist noch aktiv.
Die Ostdeutschen wurden jahrzehntelang angelogen - von Erich Honnecker und seiner Regierung, die den Menschen eingetrichtert hat, sie seien Antifaschisten. Wir wissen, dass das nicht reicht. Es braucht eine gute demokratische Erziehung, aber auch weniger Arbeitslosigkeit und Verzweiflung.
Ich liebe Humor! Humor und Sarkasmus sind sehr starke Waffen. Aber: Sie richten im Zweifel nichts aus. Denken Sie an die Zwanziger Jahre, damals hat man sich in den Cabarets auch über Hitler lustig gemacht. Dann kam er an die Macht. Wer heute Hitler karikiert, sollte das mit dem richtigen Unterton tun - und im Bewusstsein, dass Satire auch Gefühle verletzen kann. Man muss vorsichtig sein.
Ihre Frage enthält viele Frage. Zunächst einmal: Kritik an der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus. Im übrigen lassen sich die Israelis von niemandem in der Kritik an der Regierung überbieten, sie müssen nur mal eine israelische Tageszeitung lesen. Zweitens: Die israelische Regierung hat 95 Prozent der Palästinenser das Recht auf Selbstbestimmung gegeben. Aber es gibt immer wieder kleine, radikale Gruppen - auf beiden Seiten - die keinen Frieden wollen. Nehmen Sie nur einen Mann wie Hassan Nasrallah, den Führer der Hisbollah! Diese kleinen Gruppen müssen wir eindämmen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie das Schicksal des Nahen Ostens und der Welt bestimmen.
68 Jahre nach dem Juden-Pogromen stehen wir wieder zusammen. Nicht irgendwo in den Randbezirken, sondern im Herzen Münchens. Es wird Tränen geben, Tränen der Trauer und Tränen der Hoffnung. Und das ist gut.