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Früher RAF-Terroristen, jetzt profane Räuber

Das Schreckgespenst der RAF - plötzlich ist es wieder da. Spuren belegen eindeutig, dass Mitglieder der früheren linksextremen Terrorgruppe Geldtransporter überfallen haben. Wer sind diese Alt-Terroristen und was wollen sie?

RAF im Zeitraffer - so müssten Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Wilhelm Staub jetzt aussehen

RAF-Terroristen in der Altersanimation des BKA: So könnten Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Wilhelm Staub jetzt aussehen

Rote Armee Fraktion? RAF? Baader-Meinhof-Gruppe? Das ist doch alles längst Geschichte, sollte man meinen. Und doch macht die aus der Studentenbewegung der 1960er-Jahre hervorgegangene linksextreme Terrorgruppe wieder aktuelle Schlagzeilen. Drei frühere RAF-Terroristen haben im vergangenen Sommer, am 6. Juni, in Stuhr bei Bremen einen Geldtransporter überfallen. Das belegen ihre genetischen Fingerabdrücke, wie Sicherheitskreise der Nachrichtenagentur DPA bestätigt haben. Es war nur ein misslungener Überfall, und doch ist sofort wieder alles da: Die Anschläge, die Toten, die Entführungen, der Angst und Schrecken vor allem in den Siebzigern, die allgegenwärtigen Fahndungsfotos in schwarz-weiß.

  Phantomskizze eines Mannes, der im Zusammenhang mit dem Geldtransporter-Überfall bei Bremen gesucht wird

Phantomskizze eines Mannes, der im Zusammenhang mit dem Geldtransporter-Überfall bei Bremen gesucht wird

Es sind genau solche Fotos, die auch jetzt wieder die Runde machen. Sie zeigen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette. Außer den DNA-Spuren und diesen Jahrzehnte alten Bildern hat die Polizei wenig in der Hand. Wie die drei heute aussehen, wissen die Fahnder nicht. Dabei sind Garweg, Staub und Kleine die letzten RAF-Terroristen, die aktuell noch auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes (BKA) stehen. Vier weitere (Friederike Krabbe, Ingeborg Barz, Angela Luth und Ingrid Siepmann) entziehen sich dem Zugriff vermutlich im Ausland, gelten als vermisst oder als tot.

Terroristen der dritten RAF-Generation

Wer sind nun die drei, die den RAF-Terror wieder in Erinnerung rufen? Alle drei werden der sogenannten "dritten Generation" der Terrororganisation zugerechnet, die zwischen 1985 und 1993 aktiv war und in dieser Zeit etliche Anschläge und zehn Morde beging. Diese Terroristen haben die ursprünglichen RAF-Köpfe Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof nie persönlich kennengelernt, und es fehlte ihnen auch der Rückhalt der radikalen Linken sowie das in den Siebzigern so typische Sympathisantennetz. Nicht einmal die Hälfte der auf höchstens 20 Personen geschätzten Gruppe ist der Bundesanwaltschaft bekannt.

Daniela Klette, 1958 in Karlsruhe geboren, begann 1975 in linksextremen Gruppen aktiv zu sein. Sie ging 1989 in den Untergrund, wenige Tage nach dem Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen. Dieser Mord geht auf das Konto der sogenannten Kommandoebene der dritten RAF-Generation; die genauen Täter sind unbekannt. Gemeinsam mit Staub und Garweg soll sie ein Attentat auf den Gefängnisbau in Weiterstadt (1993) sowie mehrere Überfälle auf Geldtransporter verübt haben. Weitere ihr zugewiesene Taten: fehlgeschlagener Autobombenanschlag auf die Computerzentrale der Deutschen Bank in Eschborn (1990) und ein Angriff auf die US-Botschaft in Bonn (1991).

Ernst-Volker Wilhelm Staub, geboren 1957 in Hamburg, soll sich etwa 1982 der RAF angeschlossen haben. 1984 wurde er verhaftet und 1986 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach Entlassung aus der Haft tauchte er 1990 unter. Neben den gemeinsam mit Klette und Garweg verübten Taten wird ihm vorgeworfen, zur Kommandoebene der dritten RAF-Generation gezählt zu haben. Diese Annahme ist aber umstritten, da sich nur auf einen einzelnen Brief mit seinen Fingerabdrücken stützt, der bei der 1993 in Bad Kleinen festgenommenen Birgit Hogefeld, die als Führungsfigur der dritten RAF-Generation gilt, gefunden wurde.

Burkhard Garweg, geboren am 1. September 1968 in Bonn, wuchs in Hamburg auf, wo er in der links-autonomen Szene aktiv war und zeitweise in den besetzen Häusern in der Hafenstraße in St. Pauli lebte. Dort lernte er auch Staub und Klette kennen. Ihm werden die gemeinsamen Taten des Trios zur Last gelegt. Garweg soll 1990 in den Untergrund gegangen sein.

Der verheerende Anschlag auf das leerstehende JVA-Gebäude in Weiterstadt bei Darmstadt in der Nacht vom 26. auf den 27. März 1993 ist als gemeinsame Haupttat des Trios. Bei dieser letzten bekannten Tat im Namen der RAF, die 1998 ihre Selbstauflösung verkündete, hinterließen die drei ihre DNA-Spuren. Spuren, die sich im vergangenen Sommer auch bei dem Überfall auf den Geldtransporter bei Bremen wieder fanden.

Kein Geld zum Leben

Es ist das erste "Lebenszeichen" von RAF-Mitgliedern seit 16 Jahren. Ist es ein Vorbote einer neuen Gewaltwelle, einer vierten Terroristengeneration? Das ist eher unwahrscheinlich. Klette und Staub gehen auf die 60 zu; Garweg ist zwar deutlich jünger, aber mit 47 Jahren auch nicht mehr in einem Alter, in der man eine neue Generation startet. Das sieht auch der RAF-Experte Butz Peters so. "Dass jetzt eine vierte Generation losmarschieren will, glaube ich nicht", sagte der Autor mehrerer Bücher über die RAF am Dienstag der DPA. Er glaubt vielmehr an schlichte Kriminalität: "Wer viele Jahre im Untergrund gelebt hat, der kann halt in keine Rentenversicherung einzahlen." Dazu passt, dass die Staatsanwaltschaft Verden da von ausgeht, dass das Trio Ende 2015 in Wolfsburg einen weiteren Geldtransporter überfallen hat. 1999 hatten sie in Duisburg bei einem solchen Überfall mindestens eine Million D-Mark erbeutet. Das Geld dürfte inzwischen aufgebraucht sein.

So versuchen Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkard Garweg derzeit wohl mit Überfallen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Deshalb werden sie nun auch wegen versuchtem Mord und schwerem Raub gesucht. Da sie auch in Wolfsburg keine Beute machen konnten, sind weitere Versuche nicht auszuschließen. Wie es aussieht, endet die Terrororganisation, die einst das ganze Land in Geiselhaft nahm, als profane Räuberbande.

Blick auf das zertrümmerte Gebäude der JVA Weiterstadt - rechts unten im Vordergrund das Schild "Tatort - nicht betreten"

Die letzte bekannte Aktion der RAF: Bei der Detonation von rund 200 Kilogramm Sprengstoff werden leerstehende Gebäude der JVA Weiterstadt zerstört. Das Attentat wird Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg zugeschrieben.


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