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Der spitze Kandidat

Heiter bis zotig. Die Begegnung einer stern-Journalistin mit FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wirft ein Schlaglicht auf den alltäglichen Sexismus in der Politik.

Von Franziska Reich und Andreas Hoidn-Borchers

  Prüft gern mit fachmännischem Blick, ob Journalistinnen ihr Dirndl auch ausfüllen können: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle

Prüft gern mit fachmännischem Blick, ob Journalistinnen ihr Dirndl auch ausfüllen können: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle

  • Franziska Reich

Die FDP ist eine liberale Partei, eine Ansammlung von freien Geistern. Manchmal allerdings nimmt sich einer zu viele Freiheiten heraus. Unter der Überschrift "Der Herrenwitz" beschreibt unsere Kollegin Laura Himmelreich morgen im stern einen Mann, der zwischen Weißwein und "Körbchengröße 90 L" (Brüderle) zu Hause ist, einen Mann aus der Vor-Moderne. Sie schildert dabei auch, wie sich der FDP-Fraktionschef und neue Spitzenkandidat vor gut einem Jahr abends an der Hotelbar an sie heranwanzte. Für Laura Himmelreich, heute 29, war es der Versuch, ein professionelles Gespräch zu führen, für den 67-jährigen http://www.stern.de/wirtschaft/job/rainer-bruederle-90272108t.html;
Rainer Brüderle# war es offenkundig eine gute Gelegenheit, seine Aufreißerqualitäten an die Frau zu bringen.

Brüderles Blick wandert auf den Busen

"Brüderles Blick", schreibt Laura Himmelreich, wandert auf meinen Busen. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."
Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen."
"Herr Brüderle", sage ich, "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin."
"Politiker verfallen doch alle Journalistinnen", sagt er.
Ich sage: "Ich finde es besser, wir halten das hier professionell."
"Am Ende sind wir alle nur Menschen."

...

Gegen ein Uhr nachts tippt ihm seine Sprecherin an die Schulter.
Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: "Herr Brüderle!", ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie:"Das tut mir leid." Zu ihm sagte sie: "Zeit fürs Bett."

Ein Dildo mit dem Wunsch "Auf gute Zusammenarbeit"

Die Schilderung unserer Kollegin ist vor allem eines: ein Tabubruch. Es ist durchaus üblich, dass Politiker und Journalisten bei Parteitagen, Festen oder auf Reisen sich abends noch an der Bar treffen, um in einem etwas zwangloseren Rahmen miteinander zu sprechen. Oft erfahren Journalisten in dieser lockeren Atmosphäre mehr als bei den üblichen durchchoreografierten Treffen.

Doch der Grat zwischen locker und enthemmt ist schmal, und nicht nur Rainer Brüderle verlässt ihn allzu gern. Es gibt zahlreiche Journalistinnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Laura Himmelreich, aber geschrieben haben darüber bisher nur sehr wenige. Annett Meiritz schrieb sich jüngst im Spiegel ihren Ärger über den frauenverachtenden Ton der Piraten von der Seele. Und die frühere "Spiegel"-Kollegin Ursula Kosser erzählt in ihrem Buch "Hammelsprünge" über ihre Zeit in Bonn, als Politiker sich gegenüber Journalistinnen noch unverhohlen brünstig zeigten. Der Höhepunkt: Sie erhielt von einem Abgeordneten ein Päckchen mit einem Dildo und dem Kärtchen: "Auf gute Zusammenarbeit".

Testosteroneinschuss wie bei einem Pubertanten

Übergriffe dieses Ausmaßes dürften Gott sei Dank der Vergangenheit angehören. Aber den alltäglichen und allnächtlichen Sexismus, den gibt es nach wie vor. Er fängt beim ersten Kontakt an, ein bisschen Gockelei, ein taxierender Blick, ein unangenehmes Kompliment, einfach ein bisschen zu viel chauvinistische Nähe. Und es hört auf bei Brüderles Nachtgedanken - und manchmal auch da noch nicht.

Es fängt an bei einem bieder-braven CDU-Ministerpräsidenten, der vor den beiden jungen Journalistinnen, die ihn begleiten, plötzlich den Hirsch macht und angeberisch in der Tempo-30-Zone den Rennfahrer gibt; ein Testosteroneinschuss und ein Verhalten wie bei einem 14-jährigen Pubertanten. Es geht weiter beim Parteihäuptling, der zu vorgerückter Stunde auf einem Fest einer Mitarbeiterin so auf die Pelle rückt, dass die von Kolleginnen in Sicherheit gebracht werden muss. Und es hört auf bei einem ehemaligen Wirtschaftsminister, der bei seinen Besuchen im Ausland den Frauen in den jeweiligen Botschaften nachstellte - so impertinent, dass eine Order rausging, junge Frauen nicht mit diesem Mann alleine zu lassen.

Auch Redaktionen setzen Frauen strategisch ein

Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Redaktionen junge, attraktive Frauen strategisch eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weiblichen Blick. Sondern darum, eine größere Nähe zu Politikern herzustellen, eine anders geartete Nähe. Offenherzigkeit gegen tiefes Dekolleté und klimpernde Wimpern. So einfach ist das manchmal wirklich, leider. Und auch das ist Sexismus, nur anders herum. Ein Spiel mit den Trieben.

Ja, es ist ein schmaler Grat. Nein, es geht nicht um das gemeinsame Weinchen in entspannter Atmosphäre. Das sei allen gegönnt, auch Rainer Brüderle. Aber es geht darum, auf welcher Basis sich Journalistinnen und Politiker begegnen. Auf Augenhöhe, wie das etwa der verstorbene Peter Struck mit rauem Charme beherrschte? Oder auf Brusthöhe, wie Brüderle und die anderen schamlosen Böcke in Nadelstreifen. Es ist eine Frage des Respekts, den man sich gegenseitig entgegenbringen sollte, egal welchen Alters, egal welchen Geschlechts. Es geht schlicht um ein Mehr an Zivilisation.

P.S.: In der Erstfassung des Textes haben wir auch über Rainer Brüderles Ehe geschrieben. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Passage zu streichen, denn es geht uns allein um das sexistische Verhalten von Politikern, nicht um ihr Eheleben.

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