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Wie die stern-Autorin den #aufschrei erlebte

Ein Brüderle-Porträt im stern ließ Deutschland aufgeregt über Sexismus debattieren. Nun bricht der FDP-Politiker sein Schweigen - er sieht sich als Opfer. Was bleibt ein Jahr nach dem #aufschrei?

Ein Rückblick von Laura Himmelreich

Dieser Text ist im stern-Jahresrücksblicksheft und Anfang Januar auch online erschienen. Wir haben ihn an einigen Stellen aktualisiert.

Was war ich nun? Hatte der anonyme Mann am Telefon recht, als er mich im Büro anrief und "Denunziantin" in den Hörer schrie? Oder Renate Künast, die mich im Fernsehen "mutig" nannte? Erkannte Wolfgang Kubicki meinen wahren Charakter, als er in einer Talkshow mutmaßte, die stern- Chefredaktion habe mich zur Auflagensteigerung missbraucht? Oder Amber aus den USA, die mir per Mail dankte, dass ich Haltung zeigte "for women everywhere". Ratlos ließ mich das Päckchen künstlicher Schamhaare in meiner Post zurück. Und auch die unterschiedlichen OP-Empfehlungen, die mich per Brief und Postkarte erreichten. Sie schwankten zwischen Brustvergrößerung und Vollamputation.

Eines hatten der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle und ich in jenen Wochen Anfang 2013 gemeinsam: Die Urteile über uns waren, nun ja, abwechslungsreich. Er war für die einen das joviale Mannsbild, ein echter Kerl, jederzeit einen Spruch parat. Für andere war er der mächtige Mann, der seine Position missbraucht. Begriffe wie "sexuelle Belästigung" und "Nötigung" fielen zusammen mit seinem Namen. Manche fanden, er sei schlicht ein stümperhafter Charmeur. Ich nehme an, vom Niveau her ähnelte sein Poststapel meinem.

Wir waren Projektionsflächen

Rainer Brüderle und ich dienten als Projektionsflächen. Wir bekamen die Rollen des Täters und des Opfers beziehungsweise des Opfers und der Täterin – je nach Sichtweise. Wir waren Antagonisten einer Debatte über die ebenso einfache wie alte Frage: Wie gehen Männer und Frauen korrekt miteinander um? Je nachdem, wie man diese Frage beantwortete, konnte man in uns sehen, was man sehen wollte.

Damit sich große Debatten entzünden, müssen zwei Dinge zusammenkommen: erstens ein ungewöhnliches Ereignis, das zweitens passiert, wenn ein Konflikt bereits am Brodeln ist. Im Januar 2013 war dies der Fall. Plötzlich diskutierte das Land über das Verhältnis von Mann und Frau.

Ein Artikel von mir im stern erhitzte die Gemüter. Darin ein Dialog, an dem sich die Meinungen spalteten: War es in Ordnung, dass Brüderle über mein Dekolleté sprach, als ich mit ihm über Politik reden wollte? Und war es richtig, dass ich diesen Dialog zwischen Brüderle und mir im Rahmen eines Porträts über ihn aufgeschrieben habe? Beim stern hatten wir darauf eine klare Antwort: So wie ich Rainer Brüderle über Jahre als FDP-Berichterstatterin erlebt habe, so beschreibe ich ihn. Dass der Artikel eine deutschlandweite Debatte auslöst, hat niemand von uns geahnt.

Warum gibt es Sexismus?

Einiges an dem Porträt polarisierte: der Zeitpunkt der Veröffentlichung, just zu Brüderles Ausrufung als FDP-Spitzenkandidat; die Tatsache, dass unser Gespräch ein Jahr zurücklag und wir es bei einem FDP-Empfang an einer Hotelbar geführt hatten. Auch noch in der Nacht! Dann waren da die stern-Titelbilder, die in der Vergangenheit immer mal wieder nackte Brüste gezeigt hatten. Und es ging auch noch um die FDP, die damals ohnehin jeden Freitag die Hälfte der Sendezeit der satirischen "Heute Show" füllte. Für eine besonnene Debatte waren diese Nebenaspekte kontraproduktiv.

Sie versperrten den Blick auf die wichtigen Fragen: Warum gibt es Sexismus? Und warum nehmen wir ihn so unterschiedlich wahr?

Tausende Erlebnisse

Die Debatte bekam eine ungeheure Wucht, weil im Januar 2013 mehrere Zufälle zusammentrafen. Zehn Tage bevor der stern-Text am Kiosk lag, beschrieb die Journalistin Annett Meiritz im "Spiegel" ihre frauenfeindlichen Erlebnisse bei der Piratenpartei. Auf Twitter nahm die Diskussion bereits damit ihren Lauf. Sie gewann an Fahrt, als eine Bloggerin in einem Text ihre Angst beschrieb, weil Männer sie mehrfach auf offener Straße bedrängt hatten. Hunderte Male wurde der Text auf Twitter geteilt. Zeitgleich veröffentlichte der stern das Brüderle- Porträt. Immer mehr Frauen fühlten sich ermutigt, ihre Erfahrungen zu teilen. Das abstrakte Wort "Sexismus" wurde greifbar durch Erlebnisse mit Lehrern, Kollegen und Unbekannten. Die Geschichten spielten in Büros, in U-Bahnen oder Fußgängerzonen. Sexismus wurde sichtbar als Teil des Alltags vieler deutscher Frauen. Tausende Erlebnisse gaben der Debatte eine Kraft, die ein einzelner Artikel nie erreicht hätte. Der Hashtag #aufschrei bündelte auf Twitter all diese Geschichten. Er gab der Debatte einen Namen. Der FDP-Politiker Brüderle verlieh ihr ein prominentes Gesicht.

Die Journalistinnen und Twitterinnen, die jene Debatte angestoßen haben, stammen wie ich aus einer Generation, in der der Gedanke der Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Sie mussten sich ihren Platz an Schulen und Universitäten nicht erkämpfen. Sie haben sich weder ihren Brüdern unterlegen gefühlt noch ihren Kommilitonen oder ihrem Freund. Dass sie einen Platz an entscheidenden Positionen im Berufsleben verdienen, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Diskriminierung erlebten sie als Ausnahme, nicht als Regel. Umso mehr empört der einzelne respektlose Spruch, die einzelne Abwertung. Umso weniger nimmt man als gegeben hin, wenn ein freundliches "Nein" nicht akzeptiert wird. Oder eben, wenn jemand, den man beruflich trifft, ungeniert über Brüste spricht. Solche Erlebnisse verletzen. Sie sprechen Frauen ihren Anspruch ab, ernst genommen zu werden, gleichberechtigt zu sein. Aus individuellen Erfahrungen wurde dank Twitter im Jahr 2013 ein Kollektiv.

Männer warnten vor Tugendterror

Die Debatte zog aus dem Netz weiter, in die Talkshows, die Tageszeitungen und an die Küchentische dieser Republik. Selbst die "New York Times" wunderte sich, was in Deutschland los sei. Ungewöhnlich lange hielt die Diskussion an. Denn hier konnte jeder mitreden. Gräben taten sich auf, zwischen unterschiedlichen Meinungs- und Erfahrungswelten. Die eine Gruppe Frauen empfand anzügliche Sprüche im Berufsleben als Mangel an Respekt. Andere Frauen sagten, sie genössen es, mit Geschäftspartnern über ihren Körper zu sprechen. Es gab auch ältere Frauen, die meinten, sie selbst hätten viel Schlimmeres erlebt und es toleriert. Das sei der richtige Weg. Zahlreiche Männer warnten vor einem Tugendterror. Manch einer fürchtete, kein Flirt, keine Aufzugfahrt mit einer Frau sei nun mehr möglich. Es drohe gar eine "Sippenhaft für alle Männer in der Altersklasse 60 plus", schrieb ein 65-jähriger Publizist in der "Bild".

So war und so blieb die Sexismusdebatte immer eine Betroffenendebatte. Jeder konnte die Argumente hervorholen, die das eigene Verhalten, die eigenen Bedürfnisse und Ängste rechtfertigten. Gefühliges taugt aber nicht für eine Diskussion. Gefühle können nicht widerlegt werden. Sie sind weder richtig noch falsch. Im besten Fall besteht heute mehr Sensibilität für die Gefühle der anderen. Im schlechtesten Fall haben sich alle nur selbst bestärkt.

Die Urteile lösten sich vom Text

Schon die Vielfalt der Wahrnehmungen zeigt, dass niemand die Deutungshoheit hatte. Rainer Brüderle hätte erklären können, warum er damals jene Sätze gesagt hat. Ich hätte erläutern können, warum ich es legitim finde, diesen Dialog jederzeit zu veröffentlichen. Aber egal, welche Interpretation wir selbst für unser Verhalten gewählt hätten, die Urteile waren bereits gefällt. Sie lösten sich von meinem Text. Die Worte, mit denen Brüderle kritisiert wurde, waren teils deutlich härter, als ich sie je gewählt hätte. Manche von ihnen waren auch verletzend.

Doch die Tatsache, dass Brüderle in der Debatte Unrecht widerfahren ist, entbindet ihn nicht von der Verantwortung für seine eigenen Worte. Nach 30 Jahren in Spitzenämtern weiß er, dass jeder Satz von ihm kritisch hinterfragt wird. Wenn er mit einer Journalistin spricht, ist klar, dass sie über ihn berichten wird. Und er weiß, dass alles, was er sagt, ihre Meinung über ihn prägt. Brüderle muss seine Worte so wählen, dass er später zu ihnen stehen kann. In diesem Fall hat er das nicht getan.

Keine Kontrolle über die Wirkung

Für Politiker wie Journalisten gilt: Sobald unsere Sätze gedruckt oder gesendet sind, verlieren wir die Kontrolle über ihre Wirkung. Wenn Brüderle eine einstündige Rede hält, landet am Ende nur der Satz in der "Tagesschau", den der Redakteur am interessantesten findet. Wenn er mit einer Journalistin spricht, muss er damit rechnen, dass sie nicht die Zitate von ihm auswählt, die er am liebsten gedruckt sehen würde. Und wenn aus meinem 378 Zeilen langen Text mit zahlreichen Beobachtungen nur zwei anzügliche Zitate Brüderles ein Massenpublikum erreichen, dann ist das eben so.

Sowohl die Kritik als auch das Lob dafür, dass ich den Dialog aufgeschrieben habe, verloren jedes Maß. Oft werde ich gefragt, ob mich die Kritik an meinem Text erschüttert hat. Andere fragen, ob ich stolz darauf bin, dass ich den Dialog aufgeschrieben habe. Die Antwort: weder noch. Die Spannweite der Wertungen war so groß, die Reaktionen waren so grotesk. Das alles hat verhindert, dass ich auf die Idee kam, dass all diese Urteile über mich viel mit mir zu tun haben.

Bild.de berichtete im Minutentakt

Es ist verführerisch, Lob ernster zu nehmen als Kritik. Denn im direkten Gespräch bekommt man davon deutlich mehr. Menschen, die mich scharf kritisierten, sagten mir dies fast nie ins Gesicht. Jene, die mich beleidigen wollten, wählten die sichere Distanz des Internets oder schrieben anonym. Selbst FDP-Mitglieder, die das Gespräch mit mir suchten, formulierten ihre Meinung äußerst differenziert. Ein Mitarbeiter der damaligen FDP-Führung erzählte von seinen Töchtern, er hoffe, dass sie nie Sprüche hören müssten, wie sie Brüderle zu mir sagte. Schauen einem Menschen in die Augen, urteilen sie überraschend mild.

Sowohl Rainer Brüderle als auch ich versuchten, unsere Arbeit normal weiterzumachen. Funktioniert hat das nicht. Bei dem Pressefrühstück, bei dem Brüderle und ich zum ersten Mal nach der Veröffentlichung des Texts aufeinandertrafen, warteten vier Kamerateams vor der Tür. Für bild.de berichteten vier Reporter im Minutentakt: "10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel." "10.50 Uhr: Rainer Brüderle ist da." "10.54 Uhr: Brüderle verzichtet auf die übliche Begrüßung jedes Journalisten per Handschlag."

Brüderles bitterstes Jahr

Mit Brüderle habe ich seit der Debatte nicht mehr gesprochen. Ausführlich hat er sich ein Jahr lang nicht zu der Diskussion geäußert. Bis jetzt. Am Mittwoch wird der Gesprächsband "Jetzt rede ich!" erscheinen, den Brüderle zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin spricht er von einem "Feldzug", wie vorab im "Focus" zu lesen ist. Und in einem Interview mit dem "Handelsblatt" sagt er: "Der stern wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke." Nach wie vor sieht er sich selbst als Opfer.

In seinem Leben markiert die Sexismusdebatte den Anfang von seinem, so sagte er einmal, "bittersten Jahr". Es folgte kurz vorm Wahlkampf ein Sturz mit Knochenbrüchen. Am Ende der Rausschmiss der FDP aus dem Bundestag nach über 60 Jahren.

Was bleibt

Was bleibt? Es bleibt der Grimme-Preis für die Erfinderinnen des Hashtags #aufschrei. Ihr Verdienst war es, dass diese wichtige Debatte die Grenzen zwischen Online und Offline durchbrach. Es bleibt das Wort "sexistisch", das Staub angesetzt hatte und nun wieder einen Platz in unserer Alltagssprache besitzt. Und vielleicht bei der ein oder anderen Frau das Gefühl, mit ihren Erlebnissen nicht allein zu sein.

Und was bleibt für mich, die ich auch Gesicht der Debatte war? Bei all den bizarren Situationen in jenen Wochen gibt es nur ein einziges Urteil, das mich nach wie vor empört: die Haltung, die stern-Chefredaktion habe mich instrumentalisiert, um die Auflage zu steigern. Nicht ich hätte entschieden, das Porträt so zu schreiben, sondern meine männlichen Vorgesetzten, die mir angeblich vorgeschrieben hätten, was ich zu denken und zu schreiben habe. Vor der Debatte hätte ich nicht für möglich gehalten, dass es so viele Menschen gibt, die einer jungen Frau mit guter Ausbildung die Fähigkeit des selbstständigen Denkens absprechen. Ich habe meinen Text nicht aufgrund einer feministischen Agenda geschrieben. Aber die Reaktionen auf den Text haben mich zu einer überzeugteren Feministin gemacht.

*Dieser Text ist im stern-Jahresrücksblicksheft und Anfang Januar auch online erschienen. Wir haben ihn an einigen Stellen aktualisiert.

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