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29. Juli 2008, 20:14 Uhr

"Das ist hier keine Wellnessfarm"

Die Wirtin Sylvia Thimm kämpft gegen das Rauchverbot. Am Mittwoch entscheidet das Bundesverfassungsgericht über ihre Klage gegen qualmfreie Einraumkneipen, der Ausgang ist völlig offen. Sie selbst zählt auf Raucher als Kunden - und könnte sich einen Umbau ihres Betriebs nicht leisten. Von Sebastian Christ

Rauchrebellin Thimm: Die Kippe in der Kneipe gehört ihrer Meinung nach zur Ausgehkultur© AP Photo/Miguel Villagran

Nein, verbittert sei sie nicht. Sie hege auch keinen Hass auf Nichtraucher. Doch es gibt eine Sache, die Sylvia Thimm nicht verstehen will: Warum sollen ihre Gäste, in ihrer Kneipe, nicht mehr rauchen dürfen? Da wird sie ärgerlich, und sie redet, wie Berliner in solchen Situationen nun einmal reden: "Ich schmeiße Rechtsradikale raus, und Leute, die Schwulenwitze erzählen. Aber zum Rauchen sollen jetzt alle auf die Straße?", sagt sie. Klar, natürlich sei das Rauchen nicht gesund. Wie viele andere Dinge eben auch. Sie sitzt vor ihrer kleinen Musikkneipe, dem "Doors". Die blauen Keramikaschenbecher stehen auf kleinen Holztischen. "Ehrlich, wer hier herkommt, weiß doch, dass das hier keine Wellnessfarm ist. Mit Yogi-Tee, und so." Sie fühlt sich im Recht.

"Die freuen sich auf ihre Zigarette"

Anfang des Jahres hat sie deswegen mit Hilfe eines befreundeten Anwalts Klage gegen das Nichtraucherschutzgesetz eingereicht. Mittwoch entscheiden die Richter am Bundesverfassungsgericht, ob bei Frau Thimm am Prenzlauer Berg und in anderen Kleinbetrieben der Republik wieder gequalmt werden darf. Die Musikkneipe ist eine so genannte "Einraumkneipe", keine 50 Quadratmeter groß. An den Wänden hängen Musikposter, aus den Boxen klingen Songs von Bob Dylan, den Rolling Stones und Janis Joplin. Im Gegensatz zu anderen Wirten hat sie nicht die Möglichkeit, einen separaten Raum abzutrennen, in denen sich Raucher zum Nikotingenuss zurückziehen können. Die Anwaltskosten muss sie selbst tragen, aber das ist es ihr wert. Mit ein wenig Glück könnte die Berliner Wirtin, zusammen mit zwei Mitklägern, das Rauchverbot in seiner bisherigen Form aus den Angeln heben.

"Ich habe Gäste, die dürfen im Büro nicht mehr rauchen, und die freuen sich abends auf ihre Zigarette", sagt Frau Thimm. "Die wollen ja nicht mit dem Stempel auf der Stirn vor der Tür stehen." Seit Anfang Juli kann in Berlin kontrolliert werden. Mitarbeiter des Ordnungsamts haben das Recht, Bußgelder gegen Wirte zu verhängen. Bisher habe sie noch keine Probleme gehabt, sagt die 45-Jährige aus Prenzlauer Berg. Der Sommer ist warm, viele Gäste sitzen draußen und können dort paffen. Ab September jedoch, wenn die Temperaturen langsam sinken, befürchtet sie empfindliche finanzielle Einbußen. Aus Bundesländern, in denen das Rauchverbot schon zum vergangenen Winter in Kraft getreten ist, waren dramatische Klagen zu hören: Die Gaststättenverbände und Handelskammern veröffentlichten Statistiken, nach denen Einraumgaststätten flächendeckend Umsatzrückgänge im zweistelligen Prozentbereich zu verkraften hatten. "Da kann ich mir überlegen, ob ich meine Miete nicht mehr zahle, den Strom oder die Krankenversicherung", sagt Sylvia Thimm.

Lounge statt Kneipe

Immer wieder gibt es auch Berichte von kleinen Gaststätten, die mit Inkrafttreten des neuen Nichtraucherschutzes ganz geschlossen haben. Um einem Konkurs zuvor zu kommen. Das Argument: Raucher sind die besseren Kunden. Thimm kann das aus ihrer eigenen Erfahrung heraus bestätigen: "Viele von den Gästen, die hier viel trinken, rauchen auch mal an einem Abend eine ganze Schachtel Zigaretten weg."

Der Konkurrenzkampf im ehemaligen Berliner Szenebezirk ist ohnehin hart geworden. Früher ein Künstlerviertel mit vielen kleinen Gastronomiebetrieben, hat sich Prenzlauer Berg in den vergangenen Jahren zum Hotspot für wohlhabende Familien entwickelt. Die jungen Eltern gehen in der Regeln nicht Janis Joplin hören und Bier trinken, sondern vergnügen sich bei Cocktails und Elektromusik in einer der vielen Lounge-Bars, die hier fast monatlich neu eröffnen und mit viel Geld eingerichtet werden - und deshalb auch in einigen Fällen über Raucherräume verfügen. Thimm fehlen die Mittel dazu, und einen Umsatzeinbruch könnte sie nur schwer wegstecken. "Viele vergessen, dass Prenzlauer Berg mit solchen Kneipen groß geworden ist", sagt sie. "Und hier werden jetzt schon wieder teure Eigentumswohnungen nebenan gebaut. Da können sie sich mal ausrechnen, was das bedeutet."

Ihr Mietvertrag läuft noch mindestens drei Jahre, erst kürzlich hat sie den Tresen und den Kneipenboden renovieren lassen. Notfalls will sie sich einen Nebenjob suchen, um die Mindereinnahmen aufzufangen. Und natürlich wird sie beim Entscheid des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe dabei sein, an dem Ort, wo sie im Juni auch schon zur Anhörung geladen war. "Es kommt, wie es kommt", sagt Sylvia Thimm. "Ich muss das Urteil ja annehmen. Es ist die letzte Instanz." Selbst wenn der Kampf um die rauchenden Gäste am Mittwochmorgen endgültig verloren gehen sollte - das "Doors" will sie so schnell nicht aufgeben.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Preston (30.07.2008, 10:17 Uhr)
Unfähig zur Selbstkritik
Sie können soviele "gute" Zigarren rauchen und teuren Wein dazu trinken, wie sie möchten - in ihren privaten vier Wänden...
Geht DAS nicht in ihr Raucherhirn?
Warum maßen 25% Raucher sich an, über das Wohlbefinden von 75% Nichtrauchern zu befinden?
Können Sie nicht akzeptieren, daß die MEHRHEIT manchmal Regeln aufstellt, an die sich ALLE halten müssen - oder überfahren Sie auch rote Ampeln und argumentieren später mit "ihrer persönlichen" Freiheit?
(Rasen mit 200 durch eine Baustelle - oder tragen Waffen?)
Genau DESHALB hat der Gutachter diese Bemerkung über das "Suchtkranken-Verhalten" gemacht; Raucher, die nicht mehr rauchen dürfen, drehen schlichtweg durch (weil sie süchtig sind).
Wer das "Freiheit" nennt, hat wohl auch ein (ernstes) Alkoholproblem.
NewWorld (30.07.2008, 10:10 Uhr)
So so...
...Frau Thimm kann sich den Umbau ihrer Kneipe nicht leisten (also geht es technisch), aber eine Klage beim Bundesverfassungsgericht ist drin? Dürfte beides nicht billig sein.
Alex64 (30.07.2008, 10:05 Uhr)
Schwach.
Wissen ist hinderlich für Glauben, mein lieber preston.
Aber das geht wohl nicht in das unvernebelte Hirn?
Vielleicht, nur vielleicht würde sich ein philosophisch angehauchtes Gespräch bei einer guten Zigarre und einem Glas Wein empfehlen - ersatzweise die Lektüre eines entsprechenden Buches bei ebendemselben...
Aber sowas entgeht dem überzeugten gesundheitsapostel.
Übrigens - die Haupttodesursache bei der von dir genannten Altersgruppe sind meines Wissens immernoch Herz-Kreislauferkrankungen.
Aber verdreh´ ruhig weiterhin die Statistiken - was anderes ist man ja von euch nicht gewohnt.
Preston (30.07.2008, 09:55 Uhr)
Glauben?
Man sollte sich vielleicht auf eine gemeinsame Sprache einigen:
glauben bedeutet - nicht sicher wissen,
auf etwas hoffen
Das machen Raucher jeden Tag, wenn sie hoffen, NICHT an Lungenkrebs zu erkranken (der die häufigste "natürliche" Todesursache für Männer zwischen 50 und 65 ist - und nur von 3% der Betroffenen überlebt wird. Und 90% der Lungenkrebskranken waren Raucher).
Wissen dagegen heißt:
etwas beweisen können, z.B. durch Statistiken, Gutachten, Erfahrungen.
Und da wird wohl kein Raucher behaupten können, er "wisse" nicht, daß Rauchen schädlich ist. Das weiß jedes Schulkind (dank radikaler Aufklärung).
Die Frage ist nur, wie Raucher mit diesem Wissen umgehen - und hier kommt wieder das "Suchtkranken-Verhalten" ins Spiel
(das rationale Analyse beinahe unmöglich macht).
Warum kann man sich nicht darauf einigen, daß Rauchen eine Art von Selbstbefriedigung ist, die nur im
privaten Wohn- oder Schlafzimmer betrieben werden soll?
Ich meine, niemand will onanierende Menschen in der Öffentlichkeit sehen, oder?
nese (30.07.2008, 09:51 Uhr)
Genau Alexander,
Sie haben das Problem erfasst. Raucher sind krank, seeeehr krank. Dehalb muessen sie entmuendigt und in die Psychiatrie abgeschloben werden. Sie sind natuerlich kerngesund, zum Glueck rauchen sie nicht. Deshalb haben Sie das Recht, ueber Ihr leben selbst zu bestimmen und gegen die 'irren' Raucher zu hetzen.
Alex64 (30.07.2008, 09:41 Uhr)
Glaubt
... ihr beiden wohlmeinenden Gesundheitsapostel wirklich an eure "Un"abhängigkeit und eure vorgeblich überlegene Intelligenz?
So einfältig kann man doch gar nicht sein....
Alexander0815 (30.07.2008, 08:56 Uhr)
@Preston und @bodmin
@Preston
Genau DAS ist das Problem. Raucher sind krank - sie sind nämlich süchtig. Aber wer gibt das schon zu und gesteht seine totale Abhängigkeit von einem Suchtmittel? Viel eher kommt man mit dem Deckmantel der sog. Freiheit, spricht dümmlich von einer angeblichen Kultur und zieht jedes Register, so schwachsinnig es auch sein mag.
@bodmin
Klar, ich gönne Ihnen jede Freiheit und Sie dürfen sich auch jede Form des Todes aussuchen, die IHNEN gefällt. Aber dann hören Sie bitte auf da andere (in dem Fall die Nichtraucher) da mit hineinzuziehen. Das ist genauso wie die Selbstmörder die ein Haus anzünden um sich umzubringen und dabei noch die Nachbarn gefährden oder töten.
Preston (30.07.2008, 08:47 Uhr)
mündig?
"Viele von den Gästen, die hier viel trinken, rauchen auch mal an einem Abend eine ganze Schachtel Zigaretten weg." - und hinterher behaupten sie, "mündige" Bürger zu sein.
Wie hat ein Gutachter mal über die (lange) Untätigkeit des Bundestags zum Rauchverbot ausgeführt?
Raucher sind eben Suchtkranke - und das macht sie unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen.
kahame (30.07.2008, 08:26 Uhr)
@Silbador
...das unterschreibe ich!
Silbador (30.07.2008, 07:11 Uhr)
Es wird nicht mehr sein, wie es war
Selbst wenn das Urteil gekippt wird, die alten Zeiten, in denen jeder mit dem Rauch leben mußte, weil eben überall geraucht wurde, sind vorbei.
Ich werde jedenfalls kein Lokal mehr besuchen, in dem geraucht wird.
Wer das Nikotion und den Qualm allerdings braucht, sollte auch die Möglichkeit dazu bekommen, das Rauchen kann man oder will man ja (leider) nicht generell verbieten.
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