Werden die Umfragewerte am Montag steigen? Die SPD hat sich auf dem Hamburger Parteitag gefangen, trotz aller Scharmützel um die Bahnprivatisierung und das Tempolimit. Das hilft der Partei - aber macht das Regieren in Berlin nicht einfacher. stern.de zieht Bilanz. Von Lutz Kinkel

Kein "Basta" mehr: der alte und neue SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck© Markus Schreiber/AP
Auf jedem Parteitag gibt es auch eine kleine Ausstellung. An den Ständen tummeln sich die PR-Fachleute der Wirtschaft - in der Hoffnung, den Mächtigen in der Politik was flüstern zu dürfen. Auf dem Parteitag der SPD im Hamburger Kongresszentrum präsentierte sich zum Beispiel Pfizer, der Hersteller des Potenzmittels Viagra. Natürlich hätten einige Delegierte nach Proben gefragt, sagte die blonde PR-Dame des Konzerns. Aber sie habe leider keine da.
Macht nix, würde ihr Kurt Beck vermutlich zurufen. Wir haben die SPD auch so wieder hochgekriegt.
Tatsächlich gingen die Delegierten gut gelaunt nachhause. Maßgeblich dazu beigetragen hat der neue Stil des Parteivorsitzenden Beck. Er versucht nicht wie einst Gerhard Schröder von oben nach unten zu regieren, mit Expertengremien, "Basta" und Rücktrittsdrohungen. Beck lässt der Basis mehr Luft zum Atmen - und gibt er gibt ihr mit seiner Betonung der sozialen Gerechtigkeit das Gefühl, endlich wieder sozialdemokratisch zu sein. Die Delegierten dankten es ihm mit einem fulminanten Wahlsieg: Am Freitag wurde Beck mit 95,5 Prozent der Stimmen als Parteivorsitzender bestätigt. Dass seine Reden über weite Strecken langatmig, sogar verworren waren, fiel nicht weiter ins Gewicht. Beck sei halt "ein bodenständiger Pfälzer", sagte Delegierter zu stern.de, geschliffene Reden seien da nicht zu erwarten.
Die Delegierten nutzten die neue Freiheit allerdings auch, um der Parteiführung ein paar Schnippchen zu schlagen. Gegen den Willen des Vorstands verabschiedeten sie den Antrag für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen. Die geplante Teilprivatisierung der Bahn, die im Vorfeld des Parteitags bereits zum Volksaktien-Modell zusammengestrichen wurde, wäre beinahe gescheitert. Diese Scharmützel richteten jedoch nur begrenzten Schaden an, da jeder wusste, dass die Regierungsfähigkeit der SPD dadurch nicht leiden würde. Die Union lehnt das Volksaktienmodell ab, Tempo 130 sowieso. Bei entscheidenden Fragen, wie zum Beispiel den Afghanistan-Einsätzen der Bundeswehr, folgten die Delegierten der Parteispitze. So entstand das Bild großer Geschlossenheit.
Was bleibt, was folgt aus den drei Hamburger Tagen? stern.de hat sechs Thesen zusammengestellt.