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Die Schlöcher aus Schland

Deutschland feiert, doch mancherorts mischen sich in die WM-Feierei nationalistische Ausbrüche. Die Party endet, wo Nationaldenken beginnt und mit ihm ein Albtraum in Schwarz-Rot-Gold. Ein Kommentar.

Von Katharina Grimm

  Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg feierten Fußball-Fans den Turniersieg.n

Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg feierten Fußball-Fans den Turniersieg.n

Juhu, wir sind Weltmeister! Welche eine Freude - oder etwa nicht? Schon im Laufe des Tuniers blieb manchem Fußball-Fan die Freude im Rachen stecken. Denn zwischen all dem Taumel und der Euphorie wurden diejenigen entsetzt, die genauer hinsahen und zuhörten. Denn auch wenn alle behangen mit Ketten und Flaggen in Schwarz-Rot-Gold, in National-Trikots Fahnen schwenkten - so war diese Gruppe nicht homogen. Keine Einheit. Denn bei dieser WM verschwamm die Grenze zwischen denjenigen, die den Fußballern die Daumen drücken und bei der Nationalhymne mitsingen - und diesen anderen, die das Deutschland-Lied grölen.

Unter den Hashtags #schlandunverkrampft #mobwatch tragen Twitterer die unglaublichen Entgleisungen zum WM-Titel zusammen. Auf Facebook sammelt die Seite "Schlandwatch" sämtliche rassistische Ausbrüche. Statt ungehemmter Freude scheint sich unverhüllt rechte Gesinnung zu entladen. Und während die Nacht zur Party wird, mischt sich in mehreren deutschen Städten zum eh schon verstörenden "Sieg"- Gebrüll noch ein "Heil" und erhebt sich mancherorts der rechte Arm. Willkommen im Schland der Schlöcher: Damit ist das Fan-Sein zu Ende - und nationalistische Denke beginnt.

Zunächst: Wir Deutsche haben quasi aus der Staatshistorie heraus keinen Nationalstolz. Der viel beschworene Verfassungspatriotismus hat versagt. Wir lernen in der Schule keine Hymnen, wir feiern unsere Nation nicht wie die Franzosen oder US-Amerikaner. Wir haben eine nationale Vergangenheit, die uns zu einem sensiblen Umgang mit den Worten "stolz", "Nation", "Sieg" und "Volk" erzogen hat. Kurz: Deutschland ist nicht stolz, abgesehen von fußballerischen Großevents. Seit dem Sommermärchen 2006 bauen die Bewohner von Flensburg bis zum Bodensee pünktlich zur WM oder EM ihre Fahnen an die Balkone, stülpen sich das Trikot über und malen sich kleine Flaggen mit fettigen Stiften ins Gesicht. Patriotismus light, mehr nicht?

Nicht ganz: Der Deckmantel des Flaggen-Patriotismus ist "gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung", wie schon nach der vergangenen Europameisterschaft der Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, Wilhelm Heitmeyer, in der "Süddeutschen Zeitung" konstatierte. Denn der Zusammenhang zwischen Nationalismus und "Party-Patriotismus" bleibt.

Spätestens in der WM-Nacht sickerte dieses Gesellschaftsgift heraus: Ein Youtube-Video zeigt einen Autokorso in Weimar, im Hintergrund des Films hört man "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus". In Jena twitterte die Landtagsabgeordnete Katharina König über einen Angriff auf einen Besucher des Jugentreffs JG-Stadtmitte, das politisch links eingeordnet werden kann. Andere User berichten von "Sieg Heil"-Rufen in verschiedenen Städten. "Deutschland über alles"-Tweets und ähnliche Kommentare auf Facebook scheinen plötzlich salonfähig zu sein. In Hamburg St. Pauli wurden die Fensterscheiben von einer Kneipe eingeworfen, die zwar eine Heimat für politisch Linke bietet, selbst aber alle Deutschland-Spiele übertragen hat.

Sensibler Umgang wäre hilfreich

Es ist keine Neuigkeit, dass die politischen Linken eine Anti-Deutsche-Haltung beziehen. Flaggen, Fahnen, Trikots - für sie sind das alles nationalistische Symbole. Sie sind nicht nur nicht-stolz oder stehen dem Land, in dem sie Leben, neutral gegenüber. Es ist eine perfide Form von Hass. Und schon zur Beginn der WM hatte sich dieses Lager ganz klar positioniert: Wer Schwarz-Rot-Gold flaggt, kriegt Ärger. Und wer abends seinen Wagen mit den klassischen Stoffüberziehern an den Außenspiegeln zurücklässt, wird morgens überrascht: Das Stoff-Täschchen ist weg, dafür klemmt ein Zettel unter dem Scheibenwischer mit dem Hinweis, dass solch farbiger Fan-Mist nationalistische Symbole seien. Und das es daher freundlich entfernt wurde. Wo fängt das alles an - und wie trennscharf verläuft die Grenze zwischen der Freude über den sportlichen Erfolg der heimischen Mannschaft und übertriebenem Nationalismus? Sind alle Aloha-Ketten-Träger rechts? Ist jeder Fan-Fest-Besucher Nazi?

Nein - sind sie nicht. Es ist höchstens der unbedarfte Umgang mit staatlichen Insignien. Die Schwarz-Rot-Gold-Perücke ist zunächst einmal eine Kopfbedeckung. Niemand richtet Schaden an, wenn er ein Trikot trägt. Und sicherlich haben die Entwicklungen ab 2006 dazu geführt, dass zumindest im Zusammenhang mit sportlichen Ereignissen auch für das eigene Team gejubelt werden darf, ohne gleich als "Rechts" abgestempelt zu werden. Eine Emanzipation, ja. Ein Schritt in einen gesunden Umgang mit der eigenen Nation, sagen die einen. Ein eingeschlagener Weg zum Nationalismus, sagen die anderen. Aber sollte die Euphorie über das erfolgreiche Turnier und die Titel-Feierei alle blind machen?

Nein, das sollte sie nicht. Wie die Tweets und die Facebook-Seite zeigen, verschwimmt simples Fan-Sein mit überdeutlich rechten Ausbrüchen. Die Freude über Fußball darf nicht überdecken, dass Deutschland sich - auch wenn es nur Einzelfälle waren - partiell in eine rechte Demonstration verwandelt hat. Dies ist eine Entwicklung, die ganz Deutschland erschüttern sollte. Jeden Trikot-Träger als Nationalisten zu beschimpfen, greift zu kurz - und ist unfair. Denn so begeht man den gefährlichen Fehler ungezwungen Feiernde ohne politische Intention in eine Gruppe aus Halb-Nazis zu bündeln - und spricht den wirklichen Rechten eine Nähe zur Mitte Deutschlands zu, die sie niemals haben dürfen. Ein sensiblerer Umgang mit dem Wunsch, sich für die eigene Nationalelf freuen zu können - ob mit oder ohne Fähnchen und Trikot - wäre hilfreich. Und ein Verständnis dafür, wie schnell rechtes Gedankengut sich einschleicht. So sehr sich auch mancher einen ungezwungenen Umgang mit der eigenen Nation und nationalen Symbolen wünscht, scheint doch der Titelgewinn Kräfte freigesetzt zu haben, die nichts mehr mit Fußball zu tun haben.

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