Die erneute Debatte um die Rechtschreibreform ist ein Sommerloch-Thema. Auch für den stern: Bei uns bleibt - aus gutem Grund - alles beim Neuen.

Die Reform macht Schule. Bereits seit 1998 lernen Kinder, nach den neuen Regeln zu schreiben.© Hubert Link/DPA
Hätte Christian Wulff während der RTL-Show "Der große Deutsch-Test" bei der Ex-Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke abgeschrieben, wäre uns das derzeitige Theater vielleicht erspart geblieben. Die Schauspielschülerin hatte nämlich ein prima Ergebnis im Diktat, im Gegensatz zum CDU-Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Der machte daraufhin misslaunig die Rechtschreibreform für seine Orthografieschwäche verantwortlich und stellte klar: "Diese Reform stiftet nur Verwirrung." Und dann, mit einem sicheren Gespür fürs mediale Sommerloch, zog der CDU-Mann ins große Gefecht ums scharfe "s". Die Reform sei abwegig und gescheitert, so Wulff, und Deutschland gerate zunehmend in einen Zustand der Sprachverhunzung.
Seither liefern sich die Kritiker und Befürworter erneut hitzige Debatten um den Verbleib des "h" in Känguru und Tunfisch. Seit am Wochenende auch noch der Spiegel-Verlag, die Axel Springer AG und die "Süddeutsche Zeitung" entschieden haben, so bald wie möglich zur klassischen Rechtschreibung zurückzukehren, ist das Chaos komplett. "Spiegel"-Chef Stefan Aust sieht seine Entscheidung als "ein Signal dafür, dass wir nicht alles mit uns machen lassen!". Gar als einen Akt "zivilen Ungehorsams". Springer-Führungskraft Matthias Döpfner hat in allen vorliegenden Umfragen "eine klare Mehrheit für eine schnelle Korrektur" ausgemacht, nur "SZ"-Chef Hans Werner Kilz meint vorsichtig, "Es gibt durchaus neue Regelungen, die ich beibehalten würde, vor allem, was die Silbentrennungen angeht."
Um die Reform endgültig zu kippen, müsste die zuständige Kultusministerkonferenz (KMK) einen einstimmigen Beschluss fassen. Doch der ist kaum zu erwarten. Und auch Christian Wulffs Wunsch, eine Koalition der Ministerpräsidenten zu schmieden, um die Reform doch noch zu Fall zu bringen, dürfte kaum machbar sein. Zwar stehen die Länderchefs von Bayern und dem Saarland hinter ihm, aber die Mehrheit vertritt die Meinung: Der Zug ist abgefahren.
Was bitte, soll dann das ganze Theater? Der stern sieht keine Notwendigkeit, sich der Rückwärtsbewegung anzuschließen. Seit Jahren werden in unserer Redaktion die neuen Regeln angewendet - und dort, wo unseres Erachtens notwendig, auch modifiziert. Wir schreiben zum Beispiel von einer alleinstehenden und nicht von einer allein stehenden Frau, finden etwas wohldurchdacht, nicht wohl durchdacht. Sprache ist und war nie logisch. Was für den stern aber kein hinreichender Grund sein kann, eine demokratisch herbeigeführte Entscheidung kurzerhand zu kippen.
Für Doris Ahnen (SPD), Kultusministerin von Rheinland-Pfalz und amtierende KMK-Präsidentin, geht es jetzt um Schadensbegrenzung: "Im Zentrum stehen für mich die Interessen der Schülerinnen und Schüler, von denen mehr als 15 Millionen bereits nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung das Schreiben gelernt haben, sowie die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer." Im Herbst kommt die Rechtschreibreform auf die Tagesordnungen der Ministerpräsidenten und der Kultusministerkonferenz. Bereits Anfang Juni hatte die KMK einstimmig beschlossen, dass ein möglichst breit gefächerter Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt werden soll. Seine Aufgabe wird die Überwachung des Reformprozesses sein, anders als bei der bisher mit dieser Aufgabe betrauten Kommission sollen dem Rat auch Kritiker des neuen Regelwerks angehören.