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Zehn Morde und viele offene Fragen

Je länger die Ermittlungen gegen die rechtsextreme Zwickauer Terrorgruppe dauern, desto mehr Rätsel tun sich auf. Der Fall NSU besteht mittlerweile vor allem aus einem: Fragen.

Von Manuela Pfohl

  Neonazis oder Verfassungsschützer?

Neonazis oder Verfassungsschützer?

Tagelang hat André Schulz die Berichte zum Zwickauer Terrortrio verfolgt. Der Kriminalist hat gehört, dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt offenbar für die Morde an acht türkischen und einem griechischen Kleinunternehmer ebenso verantwortlich sein sollen, wie für den Tod der Polizistin Michelle Kiesewetter. Und er hat gelesen, welche Infos es zu dem offenbar rechtsterroristischen Hintergrund der Taten gibt. Am Sonntag schnappte sich Schulz seine Tastatur und schrieb für den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) eine Erklärung, in der es heißt: "…es verwundert schon sehr, wie schnell sich die Bundesanwaltschaft nach der Explosion des Hauses in Zwickau und dem Auffinden der Leichen der beiden Täter zur Gruppierung der Täter festgelegt hat und wie schnell über zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnissen über die Täter präsentiert werden konnten." Schulz will wissen, welche Rolle der Verfassungsschutz in der Angelegenheit spielt - und bekommt keine Antworten. Dabei haben sich seit Sonntag noch viel mehr Fragen aufgetan.

Es werden täglich neue und absurdere Details zur Geschichte bekannt, die den Verdacht nahe legen, dass hier mit gezinkten Karten gespielt wird und längst noch nicht klar ist, wer eigentlich alles an der Pokerrunde beteiligt ist. Es fängt damit an, dass die Verfassungsschützer unmittelbar nachdem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen in einem Wohnwagen in Eisenach aufgefunden worden waren, noch erklärten, sie hätten keine Ahnung, wer die beiden überhaupt seien. Nur ein paar Tage später, nachdem Beate Zschäpe sich in Jena der Polizei stellte, fällt ihnen dann plötzlich ein, dass rund 20 Aktenordner zu dem Trio vorhanden sind. Es gibt mittlerweile einen ganzen Katalog an Fragen, die nicht nur Schulz interessieren, sondern weite Teile der Republik.

- Kann es sein, dass das "Bekennervideo", in dem das Zwickauer Trio die Morde an den neun Männern und der Polizistin feiert, die vorübergehende Erinnerungslücke der Verfassungsschützer schloss?

- Sind die Ermittler in die Offensive gegangen, weil sie wussten, dass die DVD nicht nur an Medien, sondern mindestens auch an die Linke in Sachsen und Sachsen-Anhalt verschickt wurde? An Leute also, die unbequeme Fragen stellen würden.

Panther-Video war schon 2007 verpackt

Kerstin Köditz, Mitglied der Linke-Fraktion im sächsischen Landtag geht von einem breiten Unterstützernetzwerk für die Terrorgruppe aus und fürchtet, dass längst noch nicht alle Mitglieder bekannt sind. Auch sie hat Fragen:

- "Wer sagt uns denn, dass tatsächlich dieses Trio für die zehn Morde verantwortlich ist?"

- "Warum gelangt das Video erst jetzt - nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt - an die Öffentlichkeit?"

Verpackt wurde der "Paulchen Panther"-Film ganz offenbar schon 2007 und sollte wohl auch damals schon verschickt werden. Denn einer der Briefe mit dem Video war an die "PDS in Sachsen" adressiert. Doch die PDS heißt schon seit vier Jahren nicht mehr PDS, sondern "Die Linke". Und auch die Büroadresse selbst, zu der die DVD ursprünglich geschickt werden sollte, gibt es seit 2007 nicht mehr.

- Wollten die Männer damit für ihren Heldenstatus in der Szene oder für Angst und Schrecken in der Öffentlichkeit sorgen? Nur, warum haben sie dann so lange gewartet?

- Und warum nahmen die beiden sich überhaupt das Leben?

- Warum wurde der Wohnwagen, in den sie sich am 4. November nach dem erfolgreichen morgendlichen Banküberfall zurückgezogen hatten, abgebrannt?

- Warum explodierte am selben Tag ihr Wohnhaus in Zwickau? Zur Vernichtung von Beweismitteln?

Das passe nicht zur rechten Szene und schon gar nicht zum gleichzeitigen Auftauchen des Bekennervideos, sagte ein süddeutscher Beamter, der im extremistischen Milieu ermittelt, im stern.de- Gespräch. "Diese Gruppen sind doch darauf aus, möglichst viel Eindruck zu schinden. Es wäre also eher vorstellbar, dass sie einerseits stolz auf ihre Waffen und sonstige beweise ihres Tuns sind, und bei ihrem "Abgang" außerdem so viele Polizisten wie möglich mitnehmen, um in der Szene zu punkten." Man müsse sich, so der Ermittler, stattdessen fragen:

- Wer hat eigentlich das Bekennervideo an die Öffentlichkeit geschickt? War es Beate Zschäpe - und wenn ja, warum?

- Welche Rolle spielte sie überhaupt in der Gruppe?

"Da kann was nicht stimmen"

Ein Aussteiger aus der rechten Szene berichtete stern.de, dass in der Neonazigruppe Thüringer Heimatschutz (THS), dem das Terrortrio angehörte, Zschäpe früher schon mal verdächtigt worden war, Infos an die Polizei gegeben zu haben. Diese hätten womöglich dafür gesorgt, dass der geplante Bombenanschlag von 1997 aufflog. Nach dem Untertauchen des Trios und der Enttarnung des THS-Frontmannes Tino Brandt als V-Mann des Verfassungsschutzes hätten die Kameraden allerdings den Verdacht gegen Zschäpe fallengelassen.

- Ist es nachvollziehbar, wenn der thüringische Verfassungsschutz behauptet, ab 1998 das Trio aus den Augen verloren zu haben?

Nach Überzeugung des süddeutschen Ermittlers "kann da was nicht stimmen". Denn wenn jemand, der mit erheblichen Straftaten aufgefallen ist, untertauche, sei das regelmäßig ein Alarmzeichen für die Ermittler, die Fahndung zu intensivieren.

- Warum tat der Verfassungsschutz das nicht? Warum bat er nicht die Kollegen der Thüringer Polizei um Unterstützung?

- Oder wusste er doch Bescheid?

"Wir sind doch keine Bananenrepublik"

Fakt ist: Ein hessischer Verfassungsschützer war 2006 beim Mord an einem türkischen Internetcafébesitzer in Kassel in Tatortnähe und hatte für seine Anwesenheit beim bislang letzten bekannten Fall der Mordserie keine plausible Erklärung. Inzwischen wissen die Ermittler, dass der Beamte, der eigentlich für die Führung sogenannter V-Männer zuständig war, zumindest 2006 selbst ein rechter Gesinnungsgenosse war.

- Ein Einzelfall? Einer, der womöglich seine beruflichen Möglichkeiten nutzte, um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu schützen?

- Oder hat der Verfassungsschutz sich ganz offiziell blind gestellt?

"Für mich ist das unvorstellbar", meint der Ermittler im stern.de-Gespräch. "Wir sind doch keine Bananenrepublik." Aber allein der in den vergangenen Tagen immer häufiger geäußerte Verdacht, der Verfassungsschutz könnte seine Finger im Spiel haben, ist ein Super-Gau für die Verantwortlichen von Polizei und Verfassungsschutz, die inzwischen versuchen, sich den Schwarzen Peter für das offensichtliche Versagen gegenseitig in die Schuhe zu schieben. In Ermittlerkreisen werden derweil heftig die tatsächlichen und die vermeintlichen Ungereimtheiten diskutiert. Die Meinung in seiner süddeutschen Dienststelle fasst der Beamte gegenüber stern.de zusammen: "Wahrscheinlich kennen wir bislang nur die Spitze des Eisberges."

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