Der große NPD-Zug fiel aus - in Berlin machten am 8. Mai die Demokraten mobil. Dennoch sind die Rechtsradikalen aktiv und gefährlich wie selten: In abgeschotteten Zirkeln entwickeln sie Strategien für einen Kampf um die Köpfe.

Statt des Marsches durch Berlin blieb den National-"Demokraten" in Berlin nur das Fahnenschwenken. Die Gegendemo war zu groß© Jörg Gläscher
Ein alter Mann steht an einem Samstagnachmittag in einem von Sonnenlicht durchfluteten Saal an einem Pult aus hellem Kunststoff und schwört seine Zuhörer auf eine neue Strategie ein. Er hat dazu eine Art Gleichnis gewählt: "Der Mut des Löwen ist gut. Gut ist aber auch die Klugheit der Schlange."
Der alte Mann trägt einen grauen Anzug und eine Krawatte, die rot-blau gestreift ist. Er spricht mit leiser Stimme. Er rät, auf martialisches Auftreten zu verzichten, "weil das die Frauen abschreckt". Man solle sich "Nationale" nennen statt "Nationalisten". Man solle auf Parolen verzichten wie "von der Maas bis an die Memel". Es wäre gut, man würde sich weiter intellektualisieren. Er sagt, so könne man Grenzen abbauen. Er meint die Grenzen zur Mitte der Gesellschaft.
Die Zuhörer stehen auf und applaudieren. Der alte Mann winkt ihnen zu. Dann umarmt er den jüngeren Mann im schwarzen Anzug: Holger Apfel, den sächsischen Fraktionschef und stellvertretenden Bundesvorsitzenden der NPD.
Franz Schönhuber ist wieder da, ehemals Soldat der Waffen-SS, Hauptabteilungsleiter des Bayerischen Rundfunks, Vorsitzender der Republikaner, Europaabgeordneter. Heute ist er 82 Jahre alt und hat eine neue Aufgabe: Er ist europa- und medienpolitischer Berater der NPD. An diesem Samstagnachmittag darf er Regisseur sein: Er gibt Anweisungen, wie man sich verhalten muss, um auch bei den Bürgerlichen anzukommen.
Über 200 Menschen sind zum "Freiheitlichen Kongress" der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" gekommen. Sie wurden persönlich eingeladen und haben 40 Euro im Voraus bezahlt. Der Veranstaltungsort, das Arvena-Kongresshotel in Bayreuth, wurde lange geheim gehalten.
Die Menschen sitzen auf türkisfarbenen Stühlen, die auf einem türkisfarbenen Teppich stehen, in einem Saal, der mit hellem Holz verkleidet ist. Kriegsveteranen sind darunter, aber auch viele Menschen um die 20. Jungnationale aus Schwaben haben ihre Kleidung abgesprochen: schwarze Hosen und weiße Hemden, glatt gebügelt, in die Kragen das Emblem der NPD-Jugendorganisation gestickt, "JN Neu-Ulm". Männer mit kahl rasierten Köpfen sieht man nicht.
Es sind neun Vorträge anberaumt. Über die "Deutsche Bevölkerungspolitik" etwa und gegen die "Multikulturelle Gesellschaft", über den "Bombenholocaust von Dresden" und gegen die "Befreiungslüge". Dahinter stecken tief verborgen Themen, die sogar gesellschaftstauglich sind: Kriegsende, Einwanderung, Kinderlosigkeit.
Die NPD sucht einen neuen Platz in der Gesellschaft. Der Rand ganz rechts außen reicht nicht mehr. Man strebt nach innen. Dafür gibt sich die Partei einen neuen Anstrich, ohne auf die alte Substanz zu verzichten. Das ist die Strategie.
Die radikalen Kräfte hat die Partei längst integriert, soweit das ging: Kameradschaften und freie Gruppen, Skinheads wie Alt-Nazis. In der Zentrale in Berlin und in der Landtagsfraktion in Dresden sind auch vorbestrafte Rechtsextremisten in Amt oder Arbeit gebracht. Sie wissen, wie man junge Menschen gewinnt. "Politischer Tageskampf" heißt das bei der NPD. Auf die schlagkräftige Basis zählt man auch in Zukunft.
Für den Marsch in die Mitte aber setzen die Strategen auf das Wort. Man legt Themen fest, formuliert Argumente, pflegt den Diskurs. Horst Mahler, einst RAF-Terrorist, jetzt Vordenker der Rechten, hat es so formuliert: "Der Machtergreifung geht die Wortergreifung voraus." Dazu bedienen sich die NPD-Funktionäre auch der Debatten, die im streng konservativen Lager geführt werden. Das Gedenkjahr zum Kriegsende ist dafür eine gute Gelegenheit.
Für die Umsetzung der Strategie hat man Berater geholt, die mehr können als Parolen brüllen: den Historiker und Buchautor Karl Richter zum Beispiel. Er ist jetzt Leiter des "parlamentarischen Beratungsstabes" der NPD. Der ehemalige Europaabgeordnete der Republikaner und Herausgeber der Zeitschrift "Nation und Europa", Harald Neubauer - ein Rhetoriker, der weiß, wie man das Innen- leben eines Bierzeltes in Erregung versetzt. Er ist jetzt europapolitischer Berater der NPD.
Für die Ausbildung ihrer Funktionäre und Mitglieder baut die NPD Zentren, eines in Berlin, eines in Sachsen. Es soll eine Stiftung geben, die sich um die Fortbildung kümmert, benannt nach dem verstorbenen NPD-Ehrenvorsitzenden und SS-Mann Walter Bachmann. Es wird auch eine "Begabtenförderung" für Schüler geben. "Organisierte Intelligenz", nennt es der Historiker und NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. Er spricht von der "Dresdner Schule" als "geistig-politische Gegenfront" zur "Frankfurter Schule", deren Theorie Grundlage der 68er war. Der Vizepräsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, Hans-Jürgen Doll, spricht von einer "intellektuellen Auffrischung" des Lagers um die NPD. Der Präsident des nordrhein-westfälischen Landesamtes, Hartwig Möller, sagt: "Es geht darum, den Leuten zu vermitteln, dass man auch in Schlips und Kragen rechtsextrem wählen kann."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2005