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Wulff überholt Gauck links

"Der Islam gehört zu Deutschland". Hat das Grünen-Chefin Roth gesagt? Nein, Bundespräsident Wulff. Er hielt eine erstaunliche Rede zur Deutschen Einheit - und war liberaler als Ex-Konkurrent Gauck.

Von Lutz Kinkel, Berlin

Wäre Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ein Hip Hopper, er hätte gesagt: "Respekt, Digga." Tatsächlich sagte Richard von Weizsäcker gar nichts. Aber die Kamera fing in Großaufnahme sein Gesicht ein, als Christian Wulff das Rednerpult bei der Feier zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit in Bremen verließ. In Weizsäckers Gesicht spiegelten sich Anerkennung, Freude und auch ein wenig Überraschung. Schließlich hatte Wulff gerade ein paar Sätze gesagt, die ein Konservativer in dieser Deutlichkeit - und in diesem Amt - noch nie gesagt hatte. Zum Beispiel: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland".

Tags zuvor, und das ist die eine Drehung dieser Geschichte, hatte der niederländische Rechtsausleger Geert Wilders unter scharfer Polizeibewachung in einem Berliner Luxushotel gegen Muslime gehetzt. Als Gastgeschenk nahm er Thilo Sarrazins Buch mit nachhause. Titel: "Deutschland schafft sich ab." These: Islamische Einwanderer ruinieren Deutschland.

Auftritt Gauck

Tags zuvor, und das ist die andere Drehung dieser Geschichte, hatte Joachim Gauck, Wulffs ehemaliger Konkurrent um das Amt des Bundespräsidenten, im Berliner Abgeordnetenhaus anlässlich des Jubiläums der Einheit gesprochen. Noch bevor er mit seiner Rede anfing, wandte sich Gauck an die Presse. "Das ist kein Sängerwettstreit auf der Wartburg", mahnte er. "Es ist ein Miteinander von unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten." Sollte heißen: Ich trete hier nicht in einem nachträglichen Wettkampf gegen Wulff an. Soll keiner auf die Idee kommen, uns miteinander zu vergleichen.

Und dann tat Gauck, dessen größte Schwäche wohl seine Eitelkeit ist, doch alles, um den Vergleich zu ermöglichen. Er sprach über Integration, wohl wissend, dass auch Wulff über Integration sprechen würde, schließlich hatte er die "bunte Republik" schon in seiner Antrittsrede zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft ausgerufen. Gauck jedoch intonierte seine Ausführungen zu Migranten nahezu ausschließlich aus der Perspektive des starken Staats, der dieser Gruppe Anpassung, Deutschkenntnisse, Gesetzestreue und wirtschaftliche Unabhängig abfordert. "Miteinander müssen Gebende wie Empfänger begreifen, dass durch die Bereitstellung von Stützen allein zwar Not gemindert, aber das vorhandene Potential zu Selbsthilfe und Eigenverantwortung auch minimiert werden kann", heißt es in seinem Redetext.

Reaktion Künast

Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen, saß im Plenum und zog die Stirn in Falten. Künast wird aller Voraussicht nach bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2011 als Spitzenkandidatin antreten, ihre Partei kämpft gerade massiv für höhere Hartz-IV-Sätze. War dieser Gauck politisch wirklich jemals ihr Kandidat? stern.de-Kolumnist Django Asül spottet in seinem aktuellen Bühnenprogramm, Deutschland habe bei der Bundespräsidentenwahl die Alternative zwischen einem liberal-konservativen und einem konservativ-liberalen Kandidaten gehabt. Auf wen welches Etikett besser passt, ist nach diesem Wochenende klar: Wulff ließ Gauck rechts liegen.

Die Erwartungen an Wulffs Rede waren extrem hoch, es war der Bewährungstest nach einem unglücklichen Start ins Amt. Wulff brauchte drei Wahlgänge, bevor er inthronisiert war, im Sommer urlaubte er auf der Luxus-Finca seines Unternehmerfreundes Carsten Maschmeyer, was ein unnötiger Kopfsprung in den Fettnapf war. Zudem hatte er die Debatte um Thilo Sarrazin am Hals, den er zwar geschickt aus dem Amt des Bundesbankvorstands manövrierte, aber nicht inhaltlich stellte. Dies holte Wulff nun nach, und er tat es so überzeugend, dass sein engstes Umfeld erleichtert aufjubelte. Er habe den richtigen Ton getroffen und sich mutig und klar zu Integration positioniert, hieß es im Bundespräsidialamt.

Persönliche Passagen

Tatsächlich gelang es Wulff in seiner knapp 30-minütigen Rede, die Debatte um muslimische Einwanderer vom Kopf auf die Füße zu stellen. Zwar forderte auch er Deutschkenntnisse, Gesetzestreue und ein Ende "multikultureller Illusionen". Aber er bekannte sich auch ausdrücklich zur Zuwanderung und zur "kulturellen Vielfalt". "Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: 'Sie sind unser Präsident', dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Mit der gleichen Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben." Das hatte einen warmen, integrierenden Akzent. Wulff arbeitete mit Eingrenzung, wo Gauck zur Abgrenzung tendiert hatte.

Klugerweise hatten die Redenschreiber Wulff auch zwei persönliche Passagen in das Redemanuskript getippt - denn auf diesem Gebiet konnte Gauck schon immer seinen größten Trumpf ausspielen. Das hatte er auch am Samstag im Berliner Abgeordnetenhaus getan. Gauck, der unter der DDR-Diktatur gelitten hatte, kann so leidenschaftlich und glaubhaft Demokratie und Freiheit hoch leben lassen wie kein anderer. Wulff hingegen neigt dazu, politische Probleme aus der Vogelperspektive zu betrachten - ihm wird gerne der Vorwurf gemacht, er habe eine Karriere aber keine Biografie. Das versuchte er an diesem Sonntag zu widerlegen. Wulff sprach von seiner kranken Mutter, die er in jungen Jahren gepflegt hatte. Von der Unterstützung, die ihm Nachbarn und Freunde damals selbstlos gewährten. Und er sprach von einem behinderten Kind, das gemeinsam mit seinem Sohn in die Kita gehe. Mediziner hätten prophezeit, dieses Kind würde nie krabbeln. Nun krabbele es doch, dank der Fürsorge und des Vertrauens der Kindergärtnerinnen. Wulffs Frau Bettina, die mit nach Bremen gekommen war, stieg beim Zuhören das Wasser in die Augen.

Lammerts Liedchen

Wulff präsentierte sich mit dieser Rede als moderner, weltoffener Mann, als ein "Präsident für alle". Eine Rolle, die Kanzlerin Angela Merkel auch gerne gespielt hat, die sie aber unter dem Entscheidungsdruck der schwarz-gelben Regierung ablegen musste. Merkel muss sich wider Willen kenntlich machen und schärft damit auch die Grenzen zwischen den politischen Lagern. Wulff, der nicht zufällig seinen sozialdemokratischen Vorgänger Johannes Rau zitierte, kann in dieser Situation den Versöhner und Brückenbauer geben. Das ist eine verwirrende Situation für Renate Künast, aber für das Land kein Schaden.

Nachtrag: Gauck, der sicherlich wieder einige Fans unter den Konservativen gewonnen hat, setzte den Sängerwettbewerb mit zwei weiteren Auftritten an diesem Wochenende fort. Und noch einer singt ein klein bisschen mit: Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU, der ebenfalls für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch war. Er moderiert am Abend eine Multimedia-Show am Reichstag und hält ein Grußwort, nach Angaben seines Stabes nicht länger als fünf bis sechs Minuten. Soll bitte keiner auf die Idee kommen, ihn mit Wulff zu vergleichen.

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