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10. März 2008, 12:25 Uhr

Hessen-SPD spielt Berlusconi

Mit allen Mitteln zur Macht: Selbst vor Mobbing schreckten Hessens Sozialdemokraten nicht zurück und setzten ihre Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger unter Druck. Damit machen sich Ypsilanti & Co. komplett lächerlich - und sorgen für italienische Verhältnisse im Hessenland. Von Jan Rübel

Beschimpft und unter Druck gesetzt: Die hessische SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger© Martin Öser/DDP

Wenn Andrea Ypsilanti sich zwingt, dann sieht sie aus wie eine gütige Lehrerin. Die ständig Gutes will und an die anderen denkt - dafür muss die hessische Spitzenkandidatin der SPD nur ihre Lippen auseinanderpressen und lächeln: Sehr, sehr eindringlich habe man Dagmar Metzger geraten, ihre Haltung zu überdenken, sagte Ypsilanti lächelnd. Das ungezogene Schulkind, so wollte uns die SPD-Landeschefin weismachen, möge noch einmal in sich gehen und doch ihr da vorn an der Tafel ihre Stimme geben; Metzger hatte vor einigen Tagen erklärt, als gewählte Landtagsabgeordnete könne sie Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin wählen, falls diese sich auf die Stimmen der Linkspartei verlässt.

Die Fassade von der gütigen Schulmeisterin bekam schon einige Momente später Risse. Und mittlerweile ist sie vollends zerbröselt. Zwar hat Ypsilanti von ihrem Duldungsplan durch die Linken vorerst abgelassen. Aber nur, weil der Druck von außen, von Bundespartei und Öffentlichkeit zu groß wurde. So eigennützig wie Ypsilanti kann sich kein Lehrer vor der Klasse gerieren. Nur um die Macht geht es der Frankfurterin - an sich nichts Schlimmes in der Politik, ohne Machtwille funktionierte keine Demokratie. Und auch Machtbesessene können klug handeln; nur fehlt der Möchtegern-Ministerpräsidentin dazu jegliche Cleverness.

Das Gesetz der Meute: Alle gegen eine

Dabei ist nicht der eigentliche Skandal, dass Hessens SPD bis heute eine Minderheitsregierung unter Duldung der Linken angestrebt hatte. Höchstens als Tabu- und Wortbruch gegenüber Versprechen vor der letzten Wahl würde dieser Schwenk der Hessen-SPD in die Geschichtsbücher Eingang finden. Viel schlimmer aber wiegt der psychische Druck, den Ypsilanti und ihre mobbenden Genossen auf die Abgeordnete Metzger ausgeübt haben. Statt Respekt vor der Meinung des Einzelnen zeigte die Landes-SPD die geballte Faust. Parteischädigend sei Metzgers Verhalten, murrten die einen. Ein Parteiausschlussverfahren forderten die anderen. Nach stundenlangen Sitzungen von Landesparteirat und Landtagsfraktion, einzig der "Bearbeitung" der Abweichlerin gewidmet, saß nicht nur Metzgers ansonsten aufrechte Steckfrisur schief.

Ypsilanti & Co. betreiben in diesen Tagen die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Schlimm genug, dass jemand sie an ihre eigenen Worte vor der Wahl - sich nicht auf eine Zusammenarbeit mit der Linken einzulassen - erinnern muss. Aber den Gemahner dieser Worte zum Sündenbock für eigenes fatales Verhalten zu machen: das kehrt nicht nur das Geschehen um, das ist der wahre Tabubruch. Hessens SPD hat für die Schaffung von italienischen Verhältnissen gesorgt.

Heimliches SPD-Vorbild Berlusconi

Vor sechs Wochen hatte das römische Parlament den Hessen vorgemacht, wie man das eigene politische System zerstört. Ministerpräsident Romano Prodi hatte die Vertrauensfrage gestellt. Die christdemokratische Koalitionspartei Udeur hatte das Bündnis verlassen, weil Parteichef Clemente Mastella sich mehr Macht von einem Bündnis mit Oppositionschef Silvio Berlusconi versprach; gerade hatten massive Korruptionsvorwürfe seinen Rücktritt als Justizminister erzwungen. In der Parlamentssitzung erklärte nun der christdemokratische Senator Nuccio Cusumano von Udeur, er werde trotzdem für Prodi stimmen. "Einsam und in Freiheit entscheide ich mich für das Wohl des Landes und für Romano Prodi", sagte er in seiner Rede. Das hätte er besser bleiben lassen. "Du Stück Scheiße" und "elende Schwuchtel" schrien ihm seine Parteikollegen zu; dabei hatte Cusumano entsprechend seines Parteiprogramms gehandelt - und so, wie er es vor seiner Wahl zum Senator versprochen hatte.

Metzger ergeht es in diesen Tagen genauso wie Cusumano. Zwar vernimmt sie von ihren Genossen Fäkalsprache nur bei anonymen Telefonanrufen. Aber wie eine Nestbeschmutzerin behandelt man auch sie ganz offiziell, und dies, ebenso wie in Italien, aus schlechtem Gewissen heraus. Was indes in Italien sich etabliert, droht nun erstmals in Deutschland: Berlusconis Politikstil besteht aus der Verunglimpfung von politischer Standfestigkeit. Alles ist machbar, lautet sein Motto. Und wer sich dem eigenen Machtzuwachs entgegenstellt, wird weggegrätscht. Ausgerechnet die Linken in der hessischen SPD betätigen sich gerade als Geburtshelfer des Berlusconi-Geistes in Deutschland. Sie betreiben das Ende der Politik.

Von Jan Rübel
 
 
KOMMENTARE (10 von 61)
 
despera.do (13.03.2008, 14:42 Uhr)
verschwörungstheoretiker aller welt
@eingebuergerter
"Warum lässt sich die Fr. Metzger "ausgerechnet" von der BILD-Zeitung interviewen!?"
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hm vielleicht, weil diese eine anfrage gestellt haben?
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"War das alles aus langer Hand geplant?
Wahrscheinlich..."
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nette theorie, aber wo bleiben ihre argumente dafür??
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Kurz zur Person Dagmar Metzger:
1. Sie stammt aus einer sehr reichen Familie ab. Vater millionär. Ich wundere mich warum sie nicht in die FDP oder CDU eingetretten ist. Ich schätze Sie ist ein trojanisches Pferd. Das hat sie wohl nun bewiesen
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also ist es schon verdächtig in DE, wenn der vater millionär ist? und aufgrund der vermögensverhältnisse ist es undenkbar, das die kinder eine "unpassende" politische haltung einnehmen? dieser logik zufolge müssen menschen, die erst mitglied in der SPD werden und dann ein millionenvermögen erarbeiten aus der SPD austreten - ganz zu schweigen von der linkspartei, dort hätte onkel lafo nach dieser theorie erst garnicht eintreten dürfen
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2. Sie ist Wirtschaftsjuristin
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tja, das ist natürlich ein SCHWERES geschütz - vielleicht sollte sich die SPD mehr von solchen leuten halten ;^] ernsthaft, jede partei braucht solche juristen
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3. Sie ist Lobbyistin
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und? sie sind vielleicht katholisch getauft und schicken ihr kind in einen konfessionslosen kindergarten. soll einfach heissen, lobbyarbeit machen alle politiker in irgendeiner art und weise.
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Ich denke das sagt schon alles...
Daraus resultiert, dass sie höchswahrscheinlich von der Wirtschaft oder von der CDU bestochen
wurde!
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das einzige, was mir ihre aufzählung sagt ist, das zu einer ausgereiften verschwörungstheorie nur noch die mitgliedschaft bei den freimaurern fehlt. aber diffamierung ist einfach - man braucht nicht forschen und nachdenken man stellt einfach ein paar bekannte fakten in zusammenhang mit einer negativen frage.
Latze (10.03.2008, 22:09 Uhr)
An alle SPD-Mitglieder,
tretet aus diesem verlogenem, Jasager, Arschkriecher und Radfahrer-Verein aus. Das ist das einzige was denen noch ein bisschen weh tut. Pfui Teufel, was ist aus dieser alten Partei nur geworden? Schämen die sich den überhaupt nicht mehr?
gejotka (10.03.2008, 20:42 Uhr)
Wer Freunde wie sich selbst hat...
Der Artikel bringt das Thema schnörkellos auf den Punkt, Ypsilanti hat bereits bei der ersten Bewährungsprobe gnadenlos versagt.
Also liebe SPD, noch einmal in Klausur, Thema: wie man glaubhafte Politik macht,
nicht aber, wie man irgendwie an die Macht kommt.
Für Letzteres habt Ihr zwar jede Menge "Experten", aber eben, nur solche, die mit den Anführungszeichen, das kann sogar Koch besser.
Warten wir noch auf die Bundestagswahl, dann gibt's mit Beck das Stück "Ypsilanti 2.0".
Peinlich, peinlich...
tufang (10.03.2008, 18:30 Uhr)
@ritchie
Noch eine EXPERTE ; CDU gelungen die SPD an die linke Ecke zu drücken !! wow !! wie haben wir DAS übersehen !!
ritchie (10.03.2008, 17:23 Uhr)
Gut gemacht CDU
Die CDU hat es geschafft vor der Hessenwahl die SPD so in die linke Ecke zu drücken, daß diese sich nur mit einer "Nie-mit-den-Linken" Aussage sozusagen freisprechen wollte. Egal was sie jetzt macht (mit Links oder ohne) stehen sie als die Deppen da. Frau Ypsilanti hat schon vor der Wahl nicht gerade den Eindruck vermittelt, als hätte sie das Schießpulver erfunden- ihr Verhalten nach der Wahl ist noch dümmer als ich es befürchtet hatte. Bevor man in eine Schlacht zieht, vergewissert man sich doch ob alle an Bord sind. Die SPD hat sich unter Schröder so an die CDU inhaltlich angenähert, daß der Spagat jetzt wieder nach links einfach nicht mehr machbar bzw. glaubhaft ist.
JohannesB (10.03.2008, 16:59 Uhr)
Lügilanti
Arme Frau Metzger,
bei aller Liebe zur Parteidisziplin: Ist ein Abgeordneter nun nur seinem Gewissen oder nur seiner Partei unterworfen? Die ganz Schlauen trennen jetzt schon in politische Entscheidungen und Gewissensentscheidungen. So als ob man politisch alles machen kann, wahrscheinlich bis zur Höchststrafe: Frühpensionierung. Das Land bräuchte mehr Metzgers mit Zivilcourage.
nightmare_online (10.03.2008, 16:59 Uhr)
@nabed
Man nennt sie so weil dies den Fakten entspricht. Daran gibts nicht auszusetzen oder zu kritisieren
Allerdings sind Lügen im Wahlkampf doch wohl in diesem Land die Regel, und ebenso ist die Regel das dies die Presse kaum mehr als einen Tag beschäftigt.
Schröder hat nach der Wahl '98 praktisch alle Wahlversprechen gebrochen die er im Wahlkampf gemacht hat. Wo war da die Aufregung in der Presse?
Über Kohl decke ich diesbezüglich mal den Mantel des Schweigens, jeder Bürger in diesem Land weiss wohl wie der Mann 90 an seine Mehrheit gekommen ist. Etwas früher gabs dann die FDP, die mitten in der Legislaturperiode zwecks Durchsetzung des Papiers des Steuerbetrügers (der heute - wen sollte es überraschen - Ehrenvorsitzender dieser Partei ist) die Pferde wechselte.
Zwischendurch kaufte Albrecht sich eine Mehrheit, es gab das Ehrenwort von Barschel etc. pp.
Also bitte, erzähl mir keiner das es hier um Lügen, die Wahrheit oder Anstand geht.
Hier gehts um Macht und um drohenden Machtverlust einer bestimmten Ausrichtung der Politik und sonst gar nichts.
nabed (10.03.2008, 16:44 Uhr)
@nightmare_online
"An dem ganzen Vorgang "Öffnung nach Links" der SPD gibts IMHO nur eins zu kritisieren: Den unglaublichen Dilettantismus mit dem das Aufgezogen wurde."
Und das ist genau der Punkt.
Dazu gehört nämlich auch die negative Koalitionsaussage vor der Wahl.
Wer eine solche dezidierte und kategorische Ablehnung der Kooperation vor der Wahl ausspricht, darf sich nicht wundern wenn er dann bei Zuwiderhandlung als "Wahlbetrüger" bezeichnet wird.
Das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob die Linke nun kommunistisch, sozialistisch, oder was auch immer ist.
nightmare_online (10.03.2008, 16:32 Uhr)
@DocS1977
Nuja.
Der konservative Flügel der SPD hat es geschafft, ca. 1/3 der Mitglieder aus der SPD zu vertreiben, und 1/4 der Wähler davon zu überzeugen das man doch besser etwas anderes wählen sollte. Erinnert sich noch jemand dran das der "grosse Dämon" Lafontaine 1990 unter ungünstigsten Umständen ca. 37% für die SPD holte? Wenn jemand dazu heute in der Lage wäre, die SPD würde ihn / sie zum Gottkaiser auf Lebenszeit krönen.
Im Übrigen finde ich es nach wie vor äusserst putzig das niemand die Frage diskutiert, wie's denn mit den inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen der SPD und der Linken steht. Die Programme / Ziele in Hessen sind jedenfalls zu 70-80% gleich. Aber zusammenarbeiten? Neeee, die bösen bösen Kommunisten (man darf wohl mal fragen woher die gerade in Hessen so plötzlich kommen? Masseneinwanderung?) planen die Wiedererrichtung der DDR, mit denen darf man nicht. Sorry, aber das ganze ist IMHO lächerlich.
An dem ganzen Vorgang "Öffnung nach Links" der SPD gibts IMHO nur eins zu kritisieren: Den unglaublichen Dilettantismus mit dem das Aufgezogen wurde.
nabed (10.03.2008, 16:26 Uhr)
@JanDark
Nein, Frau Metzger hat gerade darauf bestanden so abstimmen zu dürfen wie die SPD sich im Wahlkampf präsentiert hat.
Was für ein ideologisches Brett muss man eigentlich vor dem Kopf haben, um diese einfache Tatsache zu ignorieren?
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