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11. Juni 2010, 20:40 Uhr

Absage an die CDU

In Nordrhein-Westfalen wird es keine Verhandlungen über eine Große Koalition geben. Der SPD-Landesvorstand hat diese Möglichkeit verworfen und zieht damit einen überraschenden Schlussstrich unter die wochenlangen Sondierungsgespräche. Drohen nun Neuwahlen?

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Wer wird nun das Land künftig regieren? SPD-Landeschefin Hannelore Kraft und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers vor der Presse© Federico Gambarini/DPA

Überraschende Wende im Machtpoker in Nordrhein-Westfalen. Die "gefühlte" Wahlsiegerin Hannelore Kraft bleibt mit der SPD freiwillig in der Opposition und will von dort dem geschäftsführenden Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) das Leben schwer machen. Eine Große Koalition sei für die SPD keine Perspektive, sagte Kraft am Ende eines turbulenten Tages in Düsseldorf. Und auch das Risiko einer Minderheitsregierung will sie nicht eingehen.

"Für uns ist jetzt klar: Das Reden ist beendet", verkündete die SPD-Landeschefin, nachdem ihre Sondierungsgespräche in alle Richtungen gescheitert waren. "Jetzt geht's ans Handeln. Wir werden den Politikwechsel aus dem Parlament heraus in Gang setzen." Krafts Idee: Von den Oppositionsbänken mit wechselnden Mehrheiten SPD-Politik durchsetzen. Beispielsweise mit der CDU Landeshilfen für den Autobauer Opel. Oder mit einer linken Mehrheit im Parlament die Abschaffung der Studiengebühren.

Letzte Chance, Ministerpräsidentin zu werden, ist dahin

Begonnen hatte der Freitag mit einer großen Enttäuschung für Kraft. Kurz nach Mitternacht musste sie im Düsseldorfer Messezentrum erklären, warum es keine Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP geben wird. "Das ist sehr schade", kommentierte Kraft den Ausstieg der FDP aus den Gesprächen. Ihre letzte Chance, Ministerpräsidentin zu werden, war damit dahin.

Bis zum Schluss der rund zehnstündigen Verhandlungen hatte Kraft für diese Option gekämpft, obwohl aus der FDP-Delegation zunehmend ablehnende Signale kamen. In einem Dreiergespräch mit dem FDP- Landesvorsitzenden Andreas Pinkwart und Grünen-Fraktionschefin Sylvia Löhrmann hatte sie den Eindruck gewonnen, dass noch etwas geht. Doch selbst SPD-Kompromissangebote beim wichtigsten Streitthema Schule halfen nichts.

Kraft: Rüttgers' Offerte sei "ein Affront"

"An dem Punkt, an dem gesprungen werden muss", habe es bei der FDP keine einheitliche Linie gegeben, musste Kraft schließlich erkennen. Den Widerstand von FDP-Fraktionschef Gerhard Papke - von Anfang an ein Gegner von Gesprächen über die Ampel - konnte Pinkwart wohl nicht überwinden.

Ministerpräsident Rüttgers versuchte prompt, Kraft in Verhandlungen über eine Große Koalition zu locken. Noch in die die laufenden Ampel-Sondierungen funkte er per Zeitungsinterview Kompromisssignale bei Schule und Arbeitsmarkt. Doch damit befeuerte er die Abneigung Krafts gegen eine Große Koalition nur noch mehr. Rüttgers' Offerte sei eher "ein Affront", giftete Kraft nach kurzem Schlaf im WDR-Hörfunk. Die SPD bewerte keine Zeitungsartikel, sondern Sondierungsergebnisse, ließ sie den CDU-Landeschef wissen.

Letzter Ausweg Neuwahlen

Rüttgers hatte extra eine Auslandsreise abgesagt, um an diesem wichtigen Freitag in Düsseldorf zu sein. In einem Acht-Augen-Gespräch erläuterte die CDU-Spitze Kraft und ihrem Vize Norbert Römer am Nachmittag schließlich persönlich das Kompromissangebot. Ohne Wirkung. Das Gespräch habe zu "keiner weiteren Konkretisierung geführt", befand Kraft kühl.

Wie lange die ungewöhnliche Situation in NRW bestehenbleiben kann, weiß Kraft auch. Es gebe kaum Vorbilder dafür. Mit Hessen, wo sich Ministerpräsident Roland Koch ein Jahr gegen eine rot-rot-grüne Mehrheit im Amt gehalten hatte und anschließend in Neuwahlen bestätigt wurde, sei die Situation in NRW nicht vergleichbar, glaubt Kraft - schon deshalb, weil Rot-Grün zehn Sitze mehr habe als Schwarz-Gelb.

Wie es weitergehe, hänge von den anderen Parteien ab. "Wir werden sehen, wer sich an welcher Stelle weiterentwickelt und bewegt", meinte Kraft. Gut möglich, dass in NRW demnächst vielleicht doch noch über Koalitionen verhandelt wird. Aber vielleicht muss auch der letzte Ausweg Neuwahlen genutzt werden. Am Freitag hat Kraft davon nichts gesagt.

Claus Haffert/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 60)
 
rockyciano (13.06.2010, 20:12 Uhr)
@ tannebaum
Bingo!! - Richtig erkannt - es zahlen zu wenig ein. Warum ist dies so - wo liegen die Ursachen ?? - Scharf überlegen - vielleicht wird´s ja noch was,oder?!
Senfzugabe (13.06.2010, 15:25 Uhr)
Respekt
Allen, die Frau Kraft unterstellen, es war eine Entscheidung aus einem Akt des beleidigt seins, kann ich nur sagen: Meinen Respekt an Frau Kraft. Eine große Koalition wäre eine Demütigung und ein Verrat an ihren Wählern und das hat Frau Kraft erkannt. Herr Rüttgers rudert im Kreis. Was nun? Wie kann er Mutti noch gefallen?
Wenn man sich die aktuellen Aussagen von Mutti Merkel so anhört, werden ihre Nerven immer dünner und sie sieht langsam die Felle ihrer Koalition die Spree runterschwimmen. Sollten da langsam Emotionen bei der Kanzlerin der Besserverdienenden aufkommen? Natürlich ist die Entscheidung von Frau Kraft auch ein politisches Planspiel, aber das ist ihr Job. Wie kann sie besser ihren Willen zu einem Machtwechsel in NRW beweisen? Nur so.
Wahrhyde (12.06.2010, 21:01 Uhr)
Nanu?
tannebaum (12.06.2010, 18:11 Uhr): "... in den 70ern konnte fast jeder arbeitnehmer noch in die kur ode reha. aus diesen zeiten stammen sprüche wie: morgens fango, abends tango. .. solche sachen sind heute unmöglich... aber um das zu wissen sind sie halt zu jung"

Gestern triggerte Johann58 mein Verständnis für deine Geisteshaltung, da du ja eine Zonenvita hinter dir hättest.

Jetzt habe ich doch erhebliche Zweifel. Dieses 'Wissen' konnte man sich im Osten nicht erwerben. ;)
Nojiko (12.06.2010, 19:13 Uhr)
@tannebaum: Danke, sehr schmeichelhaft, aber der Umstand, dass sich jmd im Internet zurechtfindet, besagt noch lange nicht, dass sie sich weder an Pfeifen-Herbies Temperamentsausbrüche noch an Lübkes Versprecher erinnerte - kurz gesagt, ich fürchte Sie sind jünger als ich! Zur Krankenhausfinanzierung hier ein offener Brief von denen, die es am besten wissen: Vorsitzende und Mitglieder von Konzernbetriebsräten und
Konzern-Jugend- und Auszubildendenvertretungen
privater Krankenhauskonzerne

Der hier ansässige Hausarzt bekommt dagegen nur noch eine Pauschale pro Quartal, egal wie oft ein Patient dann dort aufschlägt. Von Hausbesuchen, wie sie in meiner Jugendzeit noch gang und gäbe waren, will selbst hier im ländlichen Raum keiner mehr etwas wissen! Die Zeiten, als sich Ärzte noch eine goldene Nase verdienten sind lange vorbei, aber dass eine Helios-, Sana- oder wie auch immer AKTIENGESELLSCHAFT auf reiner Kostenbasis arbeitet, das machen auch Sie mir nicht weis! Und genau darum ging es in meinem vorigen Beitrag. :))
tannebaum (12.06.2010, 18:13 Uhr)
@Bayernstammler
lesen sie bitte die landesverfassung von nrw, dann erklären sie es vielleicht richtig, wer hier welche aufgabe hat!!!

tannebaum (12.06.2010, 18:11 Uhr)
berichtigung:
immer weniger einzahlen, immer mehr rausnehmen... :)
tannebaum (12.06.2010, 18:11 Uhr)
@Nojiko
die gesundheitsprobleme entstehen, weil immer weniger einzahlen, aber immer weniger rausnehmen. das hat nichts mit den konzernen und deren preisen zu tun...

so einen unfug sollten sie mal belegen... in den 70ern konnte fast jeder arbeitnehmer noch in die kur ode reha. aus diesen zeiten stammen sprüche wie: morgens fango, abends tango.

solche sachen sind heute unmöglich... aber um das zu wissen sind sie halt zu jung und holen ihre ergüsse aus foren, facebookseiten aber leider nicht aus fakten.
Johann58 (12.06.2010, 15:15 Uhr)
NRW ist nicht Hessen
und Duesseldorf nicht Berlin; Ich habe lange ueberlegt ob Frau Kraft Recht hat oder nicht. Sie hat wohl eher recht sich in Oposition zu ueben. Neuwahlen koennen egal in welcher Richtung sie dann ausgehen ueberhaupt erst fuer stabile Verhaeltnisse sorgen. Selten waren Sondierungs- und Koalitionsgespraeche von so viel Eitelkeiten gepraegt wie in NRW. Kraft als gefuehlte Gewinnerin, Ruettgers als total abgewatschter 6200 Stimmen Sieger, die FDP als rumeiernde wir wissen nicht was wir wollen weil wir nicht bekommen haben was wir wollen, die Linke wohl noch nicht wirklich reif fuer Regierungsarbeit. Lediglich die Gruenen als einziger Wahlsieger steht zu dem was sie vorab gesagt haben und wartet souveraen ab was nun passiert. Nicht regieren auf Teufel komm raus und ohne grosse Sprueche und unrealistische Forderungen.

Kommen wirklich Neuwahlen, dann ist die FDP wohl wirklich raus (Hoffentlich) Allerdings wird die CDU wohl dann mehr als 6200 Stimmen Vorsprung vor der SPD haben, da viele FDP Waehler zurueck zur CDU gehen werden.

Im Gegesatz zu Reittgers hat Kraft hier wirklich Rueckrat bewiesen, sie geht keine Koalition ein, bei der sie nicht 100% davon ausgeht, dass sie von Bestand ist ueber eine gesamte Legislaturperiode, sie gibt keine Position auf, die sie nicht vertreten kann und dass sie Ruettgers die klate Schulter zeigt ist Waehlerwille.

Ich bin normalerweise grundsaetzlich gegen Neuwahlen, da Politiker in der Lage sein sollten sich auch mit gegensaetzlcihen Meinungen zusammenzuraufen, hier scheint es aber wohl unumgaenglich zu sein.
Gerd2 (12.06.2010, 14:26 Uhr)
Große Koalition - was sonst?
Wenn man erlebt hat, wie die SPD jahrzehntelang eine Politik für ihre Bergbau-Klientel betrieben hat, dann wäre so ein Regulativ wie in einer Großen Koalition gar nicht mal so übel...
milkyalien (12.06.2010, 14:25 Uhr)
Einstellung
Ich finde auch, dass man nicht das kleinere Übel wählen sollen muß. Ich möchte Parteien (wenn sie denn schon sein müssen) wählen, denen ich aus vollem Herzen zustimmen kann, weil ich der Meinung bin, das mit deren Programm das beste für die Menschen und das Land getan werden kann. Utopisch, ich weiß!
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