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24. April 2009, 12:48 Uhr

Kulturkampf in Berlin

In der Hauptstadt tobt ein verbitterter Konflikt um das Schulfach Religion. Am Wochenende stimmen die Berliner in einem Volksentscheid ab. Das Ergebnis könnte Signalwirkung für ganz Deutschland haben. Jetzt meldet sich sogar die Kanzlerin. Von Torben Waleczek

Religion, Jauch, Schule

Auch Günther Jauch wirbt für die Initiative "Pro Reli"© AP/Markus Schreiber

Berlin ist wieder zur Frontstadt geworden. Knapp 20 Jahre ist der Kalte Krieg nun vorbei, mehr als 100 Jahre Bismarcks Kulturkampf gegen den Katholizismus. Und jetzt tobt in der deutschen Hauptstadt wieder ein Konflikt der Weltanschauungen. Diesen Eindruck kann jedenfalls bekommen, wer sich die Berliner Zeitungen anschaut, die Straßenplakate und Handzettel. Es geht um das Schulfach Religion. Um die Frage, ob Religion dem Pflichtfach Ethik gleichgestellt werden soll oder nicht. Eine Bürgerinitiative namens "Pro Reli" will das erreichen. Sie hat über 100.000 Unterschriften gesammelt und damit einen Volksentscheid erzwungen. Seit 2006 müssen alle Schüler einen gemeinsamen Ethikunterricht besuchen, Religion ist ein freiwilliges Zusatzangebot, in Westberlin schon seit Kriegsende. Damit ist Berlin neben Bremen und Brandenburg das einzige Bundesland, in dem Religion nicht als ordentliches Unterrichtsfach gilt. Der rot-rote Senat der Hauptstadt will die bestehende Regelung beibehalten. Am Sonntag wird abgestimmt. Kurz vor dem Termin hat sich jetzt sogar die Kanzlerin auf die Seite von "Pro Reli" gestellt: "Ich wünsche mir, dass möglichst viele Bürger dafürstimmen", sagte Angela Merkel.

Dabei klingt die Sache ja eigentlich ziemlich belanglos, fast provinziell. Doch was die Kontrahenten aus der vermeintlichen Detailfrage in der Berliner Landespolitik machen, das wirkt wie ein bitterer und ebenso skurriler Kulturkampf - der bisweilen hysterische Züge annimmt. "Die Debatte wird von beiden Seiten auf ziemlich primitive Weise geführt, das Niveau ist niedrig", sagt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf von der Uni München. Die Befürworter von "Pro Reli" vereinigen sich dabei zu einer seltsamen Zweckallianz - vom TV-Star Günther Jauch, über konservative Katholiken bis hin zum früheren DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Thierse. Der Tenor ihrer PR-Botschaften erinnert an alte ideologische Grabenkämpfe: Freiheit oder Kommunismus. Mit derlei Scheinalternativen befeuern die Religiösen die öffentliche Debatte. "In Berlin geht es um die Freiheit - Sagen Sie nicht, Sie hätten nicht die Wahl gehabt", steht auf einem Plakat neben dem Konterfei von Günther Jauch. Auf der Webseite von "Pro Reli" verteidigt der Fernsehmoderator, der früher mal Ministrant war, die Werbeaktion. Ethik als alleiniges Pflichtfach sei ein "Ausdruck staatlicher Intoleranz."

Das Gespenst des Kommunismus geht um in Berlin

Aus allen Rohren schießt auch Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. "Für mich ist das ein zu starker Einfluss des Staates wie bereits zu Zeiten des Kommunismus - und dagegen wehre ich mich", sagte Zollitsch in einem Interview. Ähnlich äußert sich der Bundestagsvizepräsident und frühere DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Thierse. Auf einer Podiusmdiskussion in Berlin sagte der SPD-Politiker, er sei eingesichts seiner Erfahrungen in der DDR skeptisch gegenüber einer staatlich dirigierten Weltanschauungslehre.

Doch auch die andere Seite geizt in diesem Streit nicht mit scharfer Rhetorik. Die Gegeninitiative "Pro Ethik" wirbt für ihre Sache mit dem absurden Slogan "Nein zum Wahlzwang!" Dahinter steht offenbar die Annahme, dass Berliner Schüler mit Freuden beide Fächer besuchen: Ethik als Pflichtfach und dazu den freiwilligen Religionsunterricht - während sie sich nach einem möglichen Erfolg von "Pro Reli" für eines der Fächer entscheiden müssten. Immerhin haben auch die Ethikfreunde einige religiöse Nischengruppen auf ihre Seite gezogen, zum Beispiel die "Deutsche Buddhistische Union" und das "Kulturzentrum Anatolischer Aleviten". Besonders engagiert zeigt sich aber die Linkspartei im Kampf für den Status Quo. Deren Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau wittert mit Blick auf katholische Eiferer unter den Anhängern von "Pro Reli" gar die Gefahr neuer "Kreuzzüge". Kurz zuvor hatte ein Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Politikerin erlassen. Pau habe in einer Pressemitteilung suggeriert, die Initiative "Pro Reli" wolle den Ethikunterricht abschaffen.

25.000 Euro aus Steuermitteln für PR

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit poltert derweil gegen den "Pro Reli"-Unterstützer Günther Jauch: "Das finde ich einen Skandal, dass kluge Menschen, wie mein Freund Jauch, sich hinstellen und sagen, es geht hier um Freiheit", sagte Wowereit in einem Interview mit der "Taz". "Die haben doch noch nicht begriffen, was Freiheit ist!" Wowereits rot-roter Senat wirbt zudem mit Zeitungsanzeigen für 25.000 Euro aus Steuermitteln für die bestehende Regelung.

Laut den jüngsten Umfragen stehen die Chancen dennoch gut, dass "Pro Reli" sich beim Volksentscheid durchsetzt. Ein Erfolg der Religiösen könnte für ganz Deutschland Signalwirkung haben, glauben Experten. "Bei einem möglichen Sieg von 'Pro Reli' würden die Kirchen noch selbstbewusster auftreten, auch in anderen Streitfragen wie der Sterbehilfe oder der Implantationsdiagnostik", sagt der bekennende Atheist und Buchautor Michael Schmidt-Salomon. "Die Religionsvertreter würden in diesem Fall erkennen, dass sie mobilisierungsfähig sind", glaubt auch der Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Vorher jedoch haben die Berliner die Wahl, am Sonntag ist Showdown in der Hauptstadt.

Von Torben Waleczek
 
 
KOMMENTARE (10 von 61)
 
ganzbaf (27.04.2009, 10:15 Uhr)
@gmathol

Quatsch. Das waren die rel. Schlechtmenschen! ;-P
.
Gutmenschen waren schon immer gegen Afghanistan- und Irakeinsätze.
vegefranz (27.04.2009, 08:44 Uhr)
die Latrinen der Republik: Berlin neben Bremen und Brandenburg das einzige Bundesland, in dem Religion nicht als ordentliches Unterrichtsfach gilt
das ist kein Zufall, sondern unmittelbare Folge der dort herrschenden Ideologien (Bremen hat wenigstens noch einen tollen Fussballverein)
gmathol (27.04.2009, 03:05 Uhr)
Kulturkampf?
Es handelte sich hier nicht um regulaeren Unterricht, sondern um ein Wahlfach.
Wir haben den Religionsunterricht schon als 12 jaehrige ablehnen koennen. Geschadet hat es nicht. Es waren und sind immer die religioesen Gutmenschen die die unglaublichsten Verbrechen begangen haben oder begehen.
Afghanistan?
aeternitas (26.04.2009, 17:47 Uhr)
Genauso nutzlos
wie die Bücher, die man im Deutschunterricht gelesen hat, das Wirken und Schaffen diverser Komponisten, das Wissen über die Schlachtfelder diverser Kriege. Wenn es nach dem geht, was "nützlich" ist, was man in der Schule lernt, kann man alles streichen außer Mathematik bis zum Prozent- und Zinsrechnen, Deutsche Rechtschreibung und die Sprachen außer Latein.
Wer braucht schon Allgemeinbildung? Offenbar viele, denn es ist gemeinhin nicht bekannt, dass das nutzlose verlogene Zeug von früher (auch bekannt als Religion) dem Rest von Deutschland zahlreiche Feiertage beschert hat:
- alle Sonntage
- Ostern
- Weihnachten
- Pfingsten
- Chiristi Himmelfahrt
- Fronleichnam
- Heilige drei Könige
...
Was bleibt denn dann noch übrig, wenn all das gestrichen wird? Der 1. Mai und der 3. Oktober. Ansonsten wird gearbeitet... es wäre also nur fair, wenn die Kinder lernen, woher ihre OSTER- PFINGST- UND WEIHNACHTSFERIEN kommen. Außerdem feiern diese Kinder trotz allem Weihnachten und sacken Geschenke ein. Oder verläuft das Weihnachtsfest im atheistischen Großteil von Berlin wie alle anderen Abende des Jahres?
Also, bevor unsere lieben Atheisten aufschreien, erstmal nachdenken oder konsequent alle christlichen Feiertage ablehnen!
Broeselbub (26.04.2009, 12:18 Uhr)
Mittelalter
Warum muß man Kinder überhaupt noch diesen Schwachsinn über die Bibel erzählen. Ist doch alles mal frei erfunden worden. Gebt den Kindern lieber was mit was sie später im Leben gebrauchen können. Und trennt endlich wie in anderen modernen Staaten Religion und Staat. Wer glauben will soll es tun aber nicht einem das aufzwingen wie in diesem Land.
Christoph90 (26.04.2009, 00:20 Uhr)
@aeternitas
Vielen Dank für den interessanten Kommentar. Er hilft einige Dinge besser und differenzierter zu sehen.
Danke! :)
justel46 (25.04.2009, 18:43 Uhr)
Pro Reli?
Wenn ich so die Kommentare lese, denken die meisten Befürworter, dass der Religionsunterricht abgeschafft werden soll. Dem ist nicht so, da alles beim alten bleibt. Der Religionsunterricht ist in Berlin schon seit Kriegsende freiwillig zu besuchen. Manche vermuten auch, dass der Islamische Bund Wowereit beeinflußt haben soll. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Sollte pro Reli gewinnen, ist allen zugelassenen Konfessionen der Zugang zum Religionsunterricht geöffnet!! Also auch dem Islam!!
Man stelle sich nur einmal vor, dass die Schüler für diese eine Stunde auf z. b. 5 Klassen aufgeteilt werden.
Also keine Angst, der Senat will den christlichen Religionsunterricht nicht abschaffen. Es soll nur ALLEN die gleichen ethischen Werte vermittelt werden und nicht die Anschauungen der einzelnen Konfessionen.
vegefranz (25.04.2009, 16:32 Uhr)
der Islamistische Bund hat Wowerreit diktiert: "Nie wieder Reli"
Wowereit nimmt also Steuergelder aus der Kasse und wirbt. "Nie wieder Reli". der Ausdruck Kulturkampf ist gut gewählt. Allerdings ist klar, wer im Kulturkampf inzwischen auf verlorenem Posten steht
aeternitas (25.04.2009, 07:36 Uhr)
Christoph
ich verstehe Ihr Problem damit. Das ist wirklich nicht richtig durchdacht! Im Grunde sind die Fächer Religion und Ethik in der Oberstufe sehr ähnlich. Die Ethikleute diskutieren über Religion und die Reli-Leute über Ethik. Die Werte sind doch eigentlich überall dieselben. Ich wüsste nicht, dass man in Ethik etwas bahnbrechend neues lernt, was man in Religion in der Oberstufe NICHT lernt, es sei denn, man interessiert sich sehr für die Philosophen der Antike/des frühen Mittelalters. Die kommen in Religion ein bisschen zu kurz aber die sind ja auch nicht das Thema.
Die Grundwerte sind doch überall dieselben. Die Grundkonflikte auch. Außer, dass sich die nicht-religiösen problemlos über alles diskutieren können, doch sobald ein gläubiger eine christliche Haltung einnimmt, wird er belächelt oder (im Extremfall) schon fast beschimpft. Z.B.: Gentechnik. Die nicht-religiösen diskutieren das Pro und Kontra, jemand, der gläubig ist, würde sagen: "man darf Gott nicht ins Handwerk pfuschen. Er hat alles geschaffen und er hat es gut gemacht." Das geht in dieselbe Richtung wie die "normale" Kontraeinstellung, die vielleicht Angst vor unüberschaubaren Folgen hat, würde aber einen gestandenen Atheisten zum Lachen bringen oder zum toben, je nachdem wie stark atheistisch derjenige ist, weil er die ganz normale Aussage wieder mit den amerikanischen Kreationisten in Verbindung bringt. Dasselbe bei Abtreibung, Organspende (http://www.initiative-kao.de/) usw. Da ist es vielleicht gut, dass man da die Gruppen auseinander nimmt, weil sie sich nie einig werden würden. Selbst wenn ein Christ Abtreibung nicht ablehnt, kann er sich des Spotts seiner Klassenkameraden sicher sein ("dann kommst in die Hölle" oder "was sagt denn DEIN Papst dazu?"). Jugendliche sind einfach nicht reif genug dafür. Da wäre es schon von Vorteil, Jugendlichen, die ohnehin unsicher sind wegen des in Norddeutschland (insbesondere Berlin) oftmals "uncoolen" Glaubens, ein Rückzugsgebiet zu geben.
Bei uns damals war das ganz einfach. Religion/Ethik gehörte zum gleichen Fächerblock wie Geschichte und Gemeinschaftskunde/Erdkunde. Daraus musste man sich ein Fach auswählen für das ABI. Das ist fair denke ich, denn jemand, der mit Religion/Ethik gar nichts anfangen kann, hat vielleicht mehr Interesse für Geschichte oder GK/EK. Andererseits war - wie schon gesagt - Religion (abhängig vom Lehrer) ein strategisch sicheres Prüfungsfach. Wenn man kein guter Schüler ist, kann man da nicht viel falsch machen. :-)
Ich halte selbst nichts davon, Religion armen Berliner Schulkindern überzustülpen, die das gar nicht wollen. Entweder die Akzeptanz ist da, und man bringt Reli ab der ersten Klasse in der Grundschule oder allerspätestens in der 5. Klasse, oder man lässt es ganz sein. Denn dann kann man es ohnehin nie wieder aufholen, und es werden meistens nur die Aspekte des Christentums herausgepickt, die in den Kindern nicht wirklich Verständnis wecken und die ihnen später auch bei einer Entscheidungsfindung nicht wirklich Hilfestellung sind. Denn jemand, der in einem streng atheistischen Elternhaus aufwächst, wird damit ohnehin nicht glücklich, selbst wenn ihm/ihr der eine oder andere Aspekt gefällt.
Mittlerweile geht das ja auch nicht mehr, weil sich die Regeln für das Abitur geändert haben und die neuen Regeln kenne ich nicht. Aber Religion ist - soweit ich weiß - immer noch kein Pflichtprüfungsfach für alle, sondern man kann immer noch wählen.
Christoph90 (24.04.2009, 19:38 Uhr)
@aeternitas
In Berlin ist es jedoch so, dass seit je her, so, dass Religion freiwillig besucht werden kann.
Dieses Volksbegehren will nun, dass Religion ein ordentliches Schulfach wird, das alternativ zu Ethik gewählt werden kann. Gegen ein ordentliches freiwilliges Schulfach, lässt sich nicht viel sagen, aber, dass dieses Fach in Konkurrenz zu Ethik gesetzt werden soll, ist das umstrittene.
In Ethik, sollen die Schüler ihre Werte im Unterricht erarbeiten und darüber austauschen, dabei geht es auch um Religionen und Kulturen. Durch die Konkurrenz zu Religion, werden diese Gruppen getrennt und könnenn nur noch in sog. Projekten den anderen näher kennenlernen. Dazu kommt, dass die Abiturienten, wie ich unten bereits beschrieben hatte, jetzt ein neues Pflichtfach bekommen. Ethik/Religion. Für religiöse Menshcen sicherlich kein Problem. Aber reichen 10 Jahre Wertevermittlung nicht aus? Warum zwingt man mich als Atheisten jetzt dazu, Ethik als Fach auch im Abitur zu belegen? Hinzukommt, dass Ethik ein Teilbereich der Philosophie ist. Was soll das ganze? Damit bekommt die Philosophie Konkurrenz, denn man kann als Abiturient auch nicht alle Fächer belegen, weil es zeit- und planungstechnisch einfach nicht geht. Das ist das Problem.
Die Leute von proReli wollen für ihre Kinder 2 Wochenstunden einsparen, da diese dann anstelle von Ethik+Religion nur noch Religion besuchen brauchen. Aber alle anderen, müssen im Abitur dann 3 zusätzliche Wochenstunden in der Schule sitzen. Ist das gerecht? Hier hat einfach jemand nicht nachgedacht, als er die Gesetzesänderung formuliert hat. Denn die Kursphase ist nunmal nicht wie der Stundenplan, wie bis zur 10. Klasse für alle (fast) gleich. Sondern grundlegend verschieden. Und das ist das Unding.
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